Areal am Hauptbahnhof

Gerkan wettert gegen geplante Neubauten

| Lesedauer: 9 Minuten
Sabine Gundlach und Katrin Schoelkopf

Der Architekt des Berliner Hauptbahnhofs, Meinhard von Gerkan, hält nichts von den geplanten Bauten in der Umgebung. Dies sei "die primitivste, billigste und ordinärste Architektur", sagte er im Gespräch mit Morgenpost Online. Er will zudem erneut versuchen, das Glasdach des Bahnhofs doch noch zu verlängern.

Morgenpost Online: Herr von Gerkan, Sie reisen meist mit der Bahn nach Berlin. Ist es vier Jahre nach Eröffnung Ihres bislang größten Projekts in Berlin, noch etwas Besonderes, in den eigenen Bahnhof einzufahren?

Meinhard von Gerkan: Ja, das ist nach wie vor ein tolles Erlebnis. Vor allem in einem Bahnhof anzukommen, der so lebendig ist. Ich ärgere mich natürlich immer noch, dass ausgerechnet der Zug aus Hamburg auf dem unattraktivsten Bahnsteig hält.

Morgenpost Online: Sie meinen das Untergeschoss mit der Decke, die nicht so realisiert wurde wie von Ihnen geplant, sondern nach Ihren Worten einer Supermarktdecke gleicht?

Gerkan: Ja. (schmunzelt) Mehdorn hat die Hamburger Züge extra dahin geleitet, um mich zu ärgern. Nein, das ist natürlich jetzt nur eine Fiktion.

Morgenpost Online: Das verkürzte Glasdach ärgert Sie nicht mehr?

Gerkan: Das ist und bleibt ein Torso. Aber mit dem, was jetzt Drumherum gebaut wird, wird der Torso harmloser, weil man ihn nicht mehr sieht.

Morgenpost Online: Was meinen Sie damit konkret?

Gerkan: Ich meine, dass die Bauten, die jetzt vorne und hinten an den Hauptbahnhof drangekleistert werden, riesige massive Bauten, die Proportionen des Bahnhofs gar nicht mehr erkennbar werden lassen.

Morgenpost Online: Also ist das verkürzte Glasdach doch egal?

Gerkan: Nein. Man sieht das ja innen und der funktionale Mangel bleibt ja auch noch. Im Übrigen gibt es ja eine Empfehlung des Bundestags, das Dach zu verlängern. Ich will jetzt mit Bahnchef Grube sprechen und hoffe nur, dass er mich nicht wie Mehdorn erst drei Jahre warten lässt.

Morgenpost Online: Was missfällt Ihnen denn am Bahnhofs-Umfeld?

Gerkan: Unser Büro hat bislang in Berlin 42 Bauten realisiert, davon sind 38 aus Wettbewerben hervorgegangen. Dass jetzt vor dem Bahnhof ein solcher Riesenkoloss gebaut wird, der durch keinen Wettbewerb gegangen ist, kann ich nicht verstehen. (Gerkan zeigt auf eine Simulation des geplanten Sheraton-Hotel-Neubaus nördlich des Bahnhofs.)

Morgenpost Online: Hätte es nicht für das Hauptbahnhof-Areal einen Masterplan geben müssen?

Gerkan: Es gab ja einen Wettbewerb für einen Masterplan, den hatte damals Oswald Matthias Ungers gewonnen. Dann gab es einen Wettbewerb für die Vorplätze, Nord und Süd. Das war die amerikanische Architektin Martha Schwarz, die das gewonnen hat – und es ist nichts davon realisiert worden.

Morgenpost Online: Was wäre denn Ihr Wunsch für das Bahnhofs-Areal?

Gerkan: Diese unglaubliche Baumasse muss vermieden werden. Der Bahnhof darf nicht auf diese Weise eingezwängt werden. Hinzu kommt, dass dort die primitivste, billigste und ordinärste Architektur entsteht. Darüber hinaus gibt es keinen angemessenen Freiraum. Ganz abgesehen von diesen unglaublichen Vorfahrtsverhältnissen mit nur einer einzigen Fahrspur für Taxen. Und dann diese Bauflächen. Ich befürchte, dass das ein Desaster wird.

Morgenpost Online: Ein weiteres heikles Thema in Berlin ist die Frage des Sonntagsverkaufs im Hauptbahnhof, den der Senat größtenteils verboten hat. Was halten Sie davon?

Gerkan: Das ist provinziell. Ich begrüße es, wenn ein öffentliches Gebäude belebt ist und zum Leben gehört auch die Gastronomie, gehören der Einzelhandel und keine verschlossenen Schaufenster. Das ist auf allen großen Bahnhöfen der Welt so.

Morgenpost Online: Kommen wir zur Debatte ums ICC. Ihr Büro hat vor fünf Jahren im Auftrag der Messe ein Sanierungsgutachten erstellt und dabei gleich auch einen Entwurf für einen Messeneubau vorgelegt. Sie haben das ICC mal als einen der hässlichsten Bauten Berlins bezeichnet. Plädieren Sie für Abriss?

Gerkan: Ich will da nichts zurücknehmen, was wir als Büro in der Sache gemacht haben. Ich habe mich aber persönlich davon distanziert. Außerdem habe ich ja nicht das Recht, wenn ich etwas hässlich finde, für Abriss zu plädieren.

Morgenpost Online: Aber wenn Ihr Büro Entwürfe für einen Neubau liefert, können Sie doch nicht sagen, dass Sie sich distanzieren.

Gerkan: Dass ich moralisch mitverantwortlich bin, bestreite ich nicht, aber ich habe mich nicht damit identifiziert.

Morgenpost Online: Zum Berliner Schloss. Ihr Büro agiert jetzt quasi als Subunternehmer des unbekannten Schloss-Architekten Franco Stella. Warum tun Sie sich das an?

Gerkan: Es handelt sich hier um einen ähnlichen Fall wie beim ICC. Ich habe den Vertrag nicht unterschrieben, ich habe ihn nicht einmal gesehen. Im Gesamtinteresse unseres Büros sage ich, dass ich damit nichts zu tun habe und mich dazu nicht äußere. Man lässt sich in einer 45-jährigen Ehe nicht scheiden, nur weil der gemeinsame Sohn einen Fehltritt begangen hat.

Morgenpost Online: Was entgegnen Sie Kritikern, die angesichts Ihrer unzähligen Bauprojekte in aller Welt von der „Architekturfabrik gmp“ sprechen?

Gerkan: Bei der Fülle von Aufgaben, die wir machen, drängt sich das auf, aber wir sind keine Fabrik. Sie werden beispielsweise trotz der vielen Stadien, die wir geplant und gebaut haben, keine zwei finden, die sich auch nur annähernd ähneln. Wir versuchen jedes Stück Architektur als Unikat zu verstehen und es auf den Ort und die Funktion zu beziehen. Es ist ja zum Glück auch eine sehr eingängige Philosophie zu sagen, vom Einfachen das Beste. Wir wollen mit der Architektur nicht auffallen, wir wollen mit der Architektur nicht angeben, wir wollen keine Eintagsfliegen produzieren. Das Beste ist gerade gut genug und das Einfache gleichermaßen. Der Großteil der Entwürfe, die wir produzieren, wird von mir persönlich gemacht.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns zum Flughafen kommen: 45 Jahre nach Ihrem Wettbewerbsieg für Tegel, feierten Sie kürzlich Richtfest für Berlins neuen Großflughafen, der wieder aus Ihrer Feder stammt. Wie hat sich die Flughafenplanung verändert?

Gerkan: Damals war das angestrebte Ideal, jedem Passagier die bestmögliche Orientierung und den kürzesten Weg vom Auto zum Flugzeug zu bieten. Heute geht es primär um Fragen der Sicherheit und der Ökonomie. Als wir Tegel geplant haben, gab es keine einzige Flugzeugentführung, Luftterrorismus war nicht bekannt. Hinzu kommt eine zweite Veränderung, die etwas banaler, aber dennoch dominant ist: der mit 30 bis 40 Prozent hohe Anteil der Flughafeneinnahmen aus dem Non-Aviation-Bereich, also dem Verkauf irgendwelcher Waren. Es geht darum, die Wartezeit der Passagiere gewinnbringend für den Flughafen zu nutzen, weshalb die Passagiere durch das Einkaufszentrum geführt werden müssen.

Morgenpost Online: Mit dem BBI-Start wird Tegel geschlossen. Für die Terminal-Nachnutzung schlagen Sie einen Showroom für Zukunftstechnologien vor. Die Firmen stehen nicht Schlange, wie wollen Sie die nach Tegel locken?

Gerkan: Der Gedanke ist ja gerade, dass das Areal bereits vorhanden ist und insoweit keine große Erstinvestition erforderlich wird. Tegel hat eine hohe Identität, der Flughafen ist seit Jahrzehnten weltweit bekannt und war gewissermaßen der Nabel zum Rest der Welt. Allein diese Identität, die Adresse und die Tatsache, dass es dort Möglichkeiten gibt, alle Firmen an einem Ort zusammenzuziehen und Synergien zu entwickeln ist ein großes Plus.

Morgenpost Online: In Tempelhof ist ähnliches geplant – ein Showroom für E-Mobility. Gräbt man sich da nicht gegenseitig das Wasser ab?

Gerkan: In jedem Falle muss in Tempelhof und Tegel politisch ausbalanciert vorgegangen werden. Nur das ist nicht meine Aufgabe. Ich habe zwei Interessen. Zum einen, dass unser erstes Bauwerk, das wir uns mal vor 45 Jahren ausgedacht haben, das weltweit bis heute der Flughafen mit den kürzesten Wegen ist und mehr oder weniger von allen geliebt wird, ein Stück ist, das ich gern erhalten sehen möchte. Das Zweite ist die gesellschaftliche Verantwortung eines der größten Architekturbüros in Deutschland und Europa, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie nicht mehr gebrauchte Bauten sinnvoll genutzt werden können.