Neue Linie U55

Am Berliner Hauptbahnhof schweben die U-Bahnen

Mit einem Spezialkran wurden am Berliner Hauptbahnhof die ersten vier Waggons der neuen Kanzler-U-Bahn auf die Schienen gesetzt. Das verlangte Maßarbeit, denn die Wagen schwebten erst durch die Luft und wurden dann durch eine schmale Öffnung acht Meter tief in den Tunnel gesetzt.

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U-Bahn am Hauptbahnhof versenkt

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Gut zwei Wochen vor dem Start der neuen Berliner Kanzler-U-Bahn zum Brandenburger Tor sind am Donnerstag die ersten vier Waggons auf die Schienen gesetzt worden. Ein Spezialkran ließ sie am Hauptbahnhof durch einen Betonschacht Meter tief auf die Gleise hinunter. Vier weitere Waggons sollen am Freitag folgen.

Die neue U-Bahn geht am 8. August in Betrieb, eine Woche vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaft (15. bis 23. August). Für die Tunnelstrecke mit den drei Stationen Hauptbahnhof, Bundestag und Unter den Linden am Brandenburger Tor brauchen die Züge etwa zweieinhalb Minuten.

Wagen sind 20 Tonnen schwer

Frank Schumann ist im Stress. Mit hochrotem Kopf und einige Schaulustige beiseite drängend strebt der „Einsatzleiter U-Bahn – Fahrzeugeinbringung U55“ forschen Schrittes zum Rand des 20 Meter tiefen Schachts in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs. Einige Meter über ihm hängt ein 20 Tonnen schwerer U-Bahn-Wagen – ein Gestell und dicke Nylonseile halten das Fahrzeug, das Zentimeter für Zentimeter von einem speziellen Kran in Richtung Öffnung gehoben wird.

„Ziehen, ziehen!“ ruft der Einsatzleiter seinen Kollegen von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zu und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Der Wagen hat sich etwas zu weit nach vorne geneigt. Schumann ist angespannt – nach den jahrelangen Querelen um die U55 und diversen Verzögerungen bei den Bauarbeiten für die „Kanzler-Linie“ ist es wichtig, dass jetzt alles reibungslos verläuft. „Bei zwei Metern Spielraum in der Länge und etwa einem Meter in der Breite ist das Absenken des Wagens in den Tunnel echte Maßarbeit“, betont er.

Dass ein U-Bahn-Wagen über einen Schacht auf die Gleise hinabgelassen wird, sei zwar „ungewöhnlich, aber nicht das erste Mal in der Geschichte der Berliner U-Bahn – und international ist das gang und gäbe“, sagt U-Bahn-Direktor Hans-Christian Kaiser. In diesem Fall müsse eben so vorgegangen werden, weil der neue Abschnitt noch keine Anbindung an das übrige U-Bahn-Netz habe.

Züge verkehren im Zehn-Minuten-Takt

Insgesamt acht Wagen sollten am Donnerstag und Freitag mit dem Kran durch den extra konstruierten Schacht in den Tunnel eingebracht werden. Jeweils ein Zug mit vier Wagen wird dann in etwa zwei Wochen als U55 zwischen Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor pendeln – mit einem weiteren Halt am Reichstag. Der andere Zug steht als Reserve bereit. Es wird im Zehn-Minuten-Takt gefahren. Bei hohem Fahrgastaufkommen könne noch ein Wagen angekoppelt werden, sagt Kaiser.

Dass die auf der neuen Linie eingesetzten Wagen der Baureihe F79 knapp 30 Jahre alt sind, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Sie seien saniert und die Innenräume etwas umgebaut worden, um mehr Platz für Kinderwagen und Fahrräder zu schaffen, erklärt Kaiser. Die Fahrzeuge stammten aus dem normalen BVG-Bestand – Engpässe auf den anderen Strecken werde es dadurch aber nicht geben. „Wir haben da eine gewisse Reserve – es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, dass eine neue Linie in Betrieb genommen wird“, betont er.

Eröffnung wurde mehrfach verschoben

Die U55 ist der erste Schritt zu einer Verlängerung der U5, die momentan noch am Alexanderplatz endet. Da der neue Tunnel streckenweise die Spree unterquert, verfügt er Kaiser zufolge über sogenannte Wehrkammern, die bei einem Wassereinbruch eine Überflutung der Fahrstrecke verhindern sollen.

Zu den erwarteten Fahrgastzahlen will sich der U-Bahn-Direktor Hans-Christian Kaiser vorerst nicht äußern. „Wir sind noch dabei, das auszurechnen“, sagt er. Die Bauarbeiten zum Lückenschluss der U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor sollen im kommenden Jahr beginnen. Ihren Abschluss finden werden sie Kaiser zufolge „Ende des kommenden Jahrzehnts“.

Die Eröffnung der „Stummel-Linie“ U 55, die auch die Spree unterquert, ist mehrfach um Jahre verschoben worden. Nach einem Berliner Baustopp aus Geldmangel hatte der Bund 2002 den Weiterbau der Strecke erzwungen. Geplante Fahrten zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 scheiterten unter anderem an Grundwassereinbrüchen beim Bau der Station Brandenburger Tor. Den Spitznamen Kanzler-U-Bahn erhielt die Linie, weil sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) persönlich für den Bau der Strecke, die am Kanzleramt vorbei durchs Regierungsviertel führt, eingesetzt hatte.

Eine Verlängerung der Linie zum Alexanderplatz samt Anschluss an die U5 ist bis 2017 geplant. Für die 2,2 Kilometer lange Reststrecke sind 433 Millionen Euro – zum Großteil vom Bund getragen - veranschlagt. Der fertige Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor kostete laut BVG-Chef Andreas Sturmowski etwa 320 Millionen Euro. Am Brandenburger Tor können die Fahrgäste in die S-Bahn-Station Unter den Linden wechseln.

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