Notfahrplan

S-Bahn-Chaos - Touristen irren durch Berlin

Die Berliner finden sich im eingeschränkten Nahverkehr einigermaßen zurecht. Ausländische Touristen haben es dagegen schwer: Englischsprachige Informationen über den Ausfall der Zugverbindungen fehlen. Und viele wundern sich über die Zustände in der deutschen Hauptstadt.

Das Video konnte nicht gefunden werden.
Mo, 20.07.2009, 19.16 Uhr

Berliner nehmen S-Bahn-Ausfall gelassen

Video: TVB
Beschreibung anzeigen

Wer Deutsch versteht, ist an diesem Montagmorgen in der Berliner S-Bahn klar im Vorteil. Zwar blieb das erwartete Chaos bisher aus, da Einheimische sich über Alternativen informiert haben oder Bahn-Mitarbeiter um Auskunft fragen können. Hilflos hingegen sind viele ausländische Touristen, die kein Deutsch sprechen.

Die meisten Fahrgäste seien über die Überprüfung von zwei Dritteln der S-Bahnzüge Baureihe 481 informiert, sagt ein Bahnmitarbeiter in orangefarbener Weste, der an der Friedrichstraße gestrandeten Fahrgästen weiterhelfen soll. "Nur die jungen Leute, die keine Zeitung lesen, wundern sich. Und ab 10 Uhr kommen noch die Touristen dazu, die gar nichts von den Problemen mitbekommen haben." Auf der zentralen Ost-West-Verbindung fahren seit Montag zwischen Ostbahnhof und Bahnhof Zoologischer Garten keine S-Bahnen mehr. Als Ersatz sind sieben Regionalzüge pro Stunde in beide Richtungen unterwegs. Im Schnitt nutzen 1,3 Millionen Fahrgäste an einem Werktag die S-Bahn.

Doch die Hinweisschilder über die Einschränkungen der S-Bahnen sind lediglich auf Deutsch geschrieben, über Ausweichmöglichkeiten klären Durchsagen an den Bahnhöfen zwar auf, aber auch nur auf Deutsch. "Ich verstehe nicht, was hier los ist", sagt die Spanierin Beatriz. Sie wolle vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße, aber der Bahn-Mitarbeiter, den sie angesprochen habe, habe ihr noch nicht einmal auf Englisch den Weg erklären können.

"Deutschland ist für mich das Land der perfekten Organisation und Pünktlichkeit, deshalb wundert es mich sehr, dass gerade in der Hauptstadt so ein Missmanagement herrscht", fügt Beatriz hinzu. "Ich kann nicht glauben, dass diese Verhältnisse noch bis Mitte oder Ende August andauern sollen", sagt ihr Freund Daniel in einem geradezu fassungslosen Tonfall. In Deutschland funktioniere doch sonst immer alles reibungslos, stellen die beiden Südländer fest. Voller Optimismus fügen sie aber hinzu: "Bueno, irgendwie wird es schon gehen, falls nötig eben gestikulierend."

David und Alice aus Frankreich sind in den Regionalexpress eingestiegen. "Wir wollen zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Oranienburg, aber wir haben keine Ahnung, wie wir dort hinkommen sollen", sagt die brünette Französin leicht genervt. Ursprünglich wollten sie mit der S1 nach Oranienburg fahren. "Aber wir wissen nicht, ob diese S-Bahn überhaupt fährt", fügt ihr Reisepartner hinzu. Niemand habe sie darüber aufgeklärt, dass es auch Regionalbahnen in das Berliner Umland gebe.

"Deutschland ist so ein fortschrittliches Land und die deutsche Technologie ist weltbekannt. Wie kann es da passieren, dass so viele Züge gleichzeitig aus Sicherheitsgründen überprüft werden müssen?", fragt sich David. Die S-Bahn-Züge werden vom Eisenbahnbundesamt derzeit technisch geprüft, da Anfang Mai ein S-Bahn-Rad gebrochen ist. Insgesamt ist an 19 S-Bahnhöfen, darunter Flughafen Schönefeld, Hauptbahnhof und Alexanderplatz der reguläre S-Bahn-Verkehr in den kommenden zwei Wochen komplett eingestellt.

Mit entspannten Gesichtern stehen die Holländer Jost und Tom am Hauptbahnhof. Auch sie wissen nicht, wann und wo die nächste Bahn fährt, aber sie zeigen sich geduldig. "In Amsterdam fahren alle U-Bahnen nur im Viertelstundentakt", sagt der Backpacker und Student Jost. Daher sei ihnen nicht weiter aufgefallen, dass sich die Wartezeiten der S-Bahnen in Berlin verlängert hätten. Er und sein Kumpel fahren in Richtung Wannsee. "Wir wollen an der Haltestelle Nikolassee aussteigen und von der Autobahn per Anhalter nach Hause trampen", sagt Tom mit müder Stimme, aber überzeugt von seiner Idee. Ob die nächste S-Bahn gleich oder erst in einer halben Stunde kommt, ist ihnen egal. Sie seien schließlich im Urlaub und irgendwann käme man immer ans Ziel.

Doch auch deutschsprachige Berlin-Gäste haben Schwierigkeiten. Auf dem Nachbarbahnsteig wartet Alina Cara Tobi auf den nächsten Regionalzug, der sie zum Zoo bringen soll. Neben ihr auf dem Boden steht eine große Reisetasche, die 21-jährige Münsteranerin hat einen Fünf-Tages-Trip durch die Hauptstadt hinter sich. Jetzt müsse sie schnellstmöglich zur Bismarckstraße, wo ihre Mitfahrgelegenheit auf sie wartet. "Ich wusste nichts davon, dass die S-Bahnen nicht fahren. Nun werde ich wohl zu spät kommen", sagt Tobi. "Ich hoffe nur, die warten auf mich." Der Regio, der wenige Minuten später einfährt, ist zwar voll, trotzdem kommen alle ohne heftiges Drängeln in den Zug.

In ihrer derzeitigen Notlage hat die Berliner S-Bahn Verstärkung aus fünf anderen Bundesländern erhalten. "Vier S- Bahnen aus München und Stuttgart fahren seit Montag zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz, um den Pendelverkehr zu entlasten", sagte ein Bahnsprecher. Zu erkennen sind sie nicht nur an der Aufschrift, sondern auch an den aushängenden Streckenplänen in den Wagen. Außerdem seien Regionalzüge aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und aus Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Insgesamt sollen seinen Angaben zufolge neun Züge helfen, die Folgen des Ausfalls vieler Berliner S-Bahnzüge aufzufangen. Derartige Hilfe für die Hauptstadt habe es bereits zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gegeben. "Auch damals waren bereits S-Bahnen aus Stuttgart und München im Einsatz", sagte der Sprecher. Voraussichtlich bis zum 9. August soll der Notfahrplan gelten.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte die Berliner zu Solidarität und Rücksichtnahme aufgerufen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) helfen der S-Bahn. 40 Busse bringen Fahrgäste zu den Bahnhöfen, an denen die Regionalbahnen halten. Die BVG haben ihren Ferienplan abgesetzt und fahren mit "allem, was fahren kann", hieß es. Auch U-Bahnen und Straßenbahnen haben mehr Wagen als sonst. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) dankte den Mitarbeitern der Nahverkehrsunternehmen für ihre flexible Arbeit während der Ausnahmesituation bei der Berliner S-Bahn. "Mein Dank gilt allen, die durch ihren engagierten Einsatz dazu beitragen, diese schwierige Situation zu meistern", sagte die SPD-Politikerin.

Wo bekomme ich aktuelle Informationen zum Fahrplan?

Der Notfahrplan ist bereits in die Internet-Routenplaner von S-Bahn, BVG und VBB eingearbeitet:

www.s-bahn-berlin.de

www.bvg.de

www.vbbonline.de

Telefonische Auskunft: S-Bahn, Tel. 29743333, BVG, Tel. 19449, VBB, Tel. 25414141.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.