"Tentstation"

Berlins schrägster Zeltplatz liegt am Haupfbahnhof

Mitten in Berlin, aber unbemerkt von den meisten Passanten, liegt Berlins allerschrägster Zeltplatz. Hier drängen sich auf zwei Hektar dicht an dicht Zelte und andere mobile Unterkünfte. Im Schwimmbecken ist schon lange kein Wasser mehr, und aus den Duschanlagen sprießen die Birken. Doch die Camper haben einen Riesenspaß hier.

Foto: Sergej Glanze

Auf dem Grund des Bassins spielen ein paar russische Jungs Basketball. Es ist heiß, fast 30 Grad, nur ein schmales Segel schützt vor den Strahlen der Juli-Sonne. "Dawai - sehr gut", schallt es hinauf. Oben, am Beckenrand, sitzen ein paar Mädels, schauen zu und feuern die Spieler begeistert an.

Das Bassin gehört zum ehemaligen Freibad im Fritz-Schloß-Park in Moabit; Wasser führt es schon lange nicht mehr, 2002 wurde die Anlage geschlossen. Seit 2006 ist das ehemalige Bad nahe dem Poststadion die "Tentstation" - Berlins einziger innerstädtischer Zeltplatz, nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Auf gerade einmal zwei Hektar Grünfläche haben hier Hunderte Camper dicht an dicht ihre Zelte aufgeschlagen. Und mittendrin die heruntergekommene Badanlage. Längst wuchern Pflanzen aus den Steinplatten, wachsen Birken aus den Betonböden der früheren Duschen.

"Ich hätte nie gedacht, dass es einen solchen Ort mitten in der Stadt gibt", sagt Frédérique aus Nancy. Die 52-Jährige sitzt auf den steinernen Treppen der Freibad-Tribüne und führt ihr Tagebuch über ihren Berlin-Besuch. Ob sie sich vorstellen könnte, in dieser Stadt zu leben? "Ich weiß nicht", zweifelt sie. "Die Straßen sind so groß, alles ist leer." Tochter Camille ist anderer Meinung: "Ich würde sofort hierher ziehen."

Vom Liegenschaftsfonds übernommen

2006 hatten vier Freunde die stillgelegte Anlage vom Liegenschafsfond übernommen und kurz vor der Fußball-WM die Tentstation eröffnet. Seitdem ist der Zeltplatz im Juli und August fast immer ausgebucht. Elf Euro kostet die Nacht für Erwachsene, Jugendliche (bis 17 Jahre) zahlen acht Euro. Auch das Frühstück ist unschlagbar günstig: Für drei Euro gibt es frisch zubereiteten Milchkaffee und Croissants.

Allerdings dürfte es mit dem Traum vom urbanen Camping bald vorbei sein: 2009 will ein Investor auf dem Gelände ein Wellnesszentrum bauen. So werden die Campingveranstalter nach Ablauf dieser Saison im Oktober wohl keine Vertragsverlängerung erhalten. Deshalb sehen sie sich bereits nach einem Alternativplatz um.

"Das wäre sehr schade, wenn es diesen Ort nicht mehr gibt", bedauert Joep aus Tilburg im Süden der Niederlande. Er war bereits im vergangenen Sommer da, dieses Mal hat er seine Kumpel Joep, Simon und Jannes mitgebracht. Gegen Abend treffen sich die vier auf der Tribüne. Sie haben mariniertes Fleisch und billigen Rosé gekauft, dazu für drei Euro einen Grill beim Platzwart gemietet. "Die Atmosphäre hier ist einzigartig. So einen Platz kannst du in Holland nicht finden. Grün und gleichzeitig urban", schwärmt Joep. Trotzdem wollen die Jungs, die vor vier Wochen ihr Abitur bestanden haben, anderntags ihre Zelte abbauen und weiterreisen, vielleicht nach Bratislava, vielleicht nach Prag, das wissen sie noch nicht genau.

Joep verkörpert alles andere als den vermeidlich typischen Camper: Mit seiner modischen Ray-Ban-Brille, der Billy-Holiday-Frisur und dem Ringel-T-Shirt sieht er aus wie ein schwedischer Kunststudent.

Die meisten Camper kommen aus Holland

Wenn auf der Tentstation überhaupt ein Klischee über Camping zutrifft, dann jenes, dass die meisten Urlauber aus den Niederlanden kommen. Eine Tatsache, die auch Hamera und Phyn aus Amsterdam zu schaffen macht: "Wir sind vor unseren Landsleuten geflohen und jetzt das", sagt Hamera lachend. Nach Berlin ist das junge Paar eher zufällig gekommen: "Eigentlich wollten wir nach Frankreich, haben uns aber während der Fahrt umentschieden", sagt die 24-Jährige. Ihre Eltern dürfen nicht wissen, dass sie mit Phyn unterwegs ist. Denn als gläubige Muslime hätten sie dafür wenig Verständnis.

Von Berlin sind die beiden begeistert, nur ein Detail stört Hamera, die persischer Herkunft ist: "Manchmal spüre ich die Blicke der Passanten, als ob es etwas Besonderes ist, dunkelhäutig zu sein. Ich kann die Blicke nicht einschätzen. Ich frage mich, ob sie Neugier oder Ablehnung bedeuten."

Um Mitternacht kehrt Ruhe ein

Spätestens um Mitternacht ist Schluss mit der Party auf dem Zeltplatz, darüber wachen die Betreiber der Tentstation akribisch. Wer danach noch Lärm macht, bekommt Schwierigkeiten mit dem Platzwart. Familie Lutterbacher aus der Schweiz weiß dies zu schätzen. "Wir schlafen hier wunderbar", sagt Felix Lutterbacher, der mit seiner Größe von 1,90 Meter und seinem vollen Haarschopf ohnehin nicht wirkt, als ließe er sich von irgendjemanden den Schlaf rauben.

Was die Schweizer an Berlin am meisten beeindruckt hat? "Das Denkmal für die ermordeten Juden", antwortet die fünfjährige Tochter Luna ohne zu zögern. Vater Felix lächelt, wiegt den Kopf: "Das Badeschiff".

Als es dämmert, hören die russischen Jungs auf, Basketball zu spielen. Ein paar hocken sich im Schneidersitz auf dem Grund des Bassins, die Mädchen vom Beckenrand gesellen sich hinzu. Hinter dem rostigen Sprungturm sinkt langsam die Sonne.

Auch die vier Freunde aus Tilburg sind nicht allein geblieben. Kathy und Kate aus London leisten ihnen Gesellschaft, machen sich über die letzten Reste Wein und Grillfleisch her. Später werden die gemeinsam Richtung Hauptbahnhof laufen, von dort aus zur Warschauer Straße fahren und im "Watergate" feiern gehen. "Die Atmosphäre der Stadt riechen", nennt Joep das. Sein Kumpel Simon pflichtet ihm bei: "Die letzte Berliner Nacht müssen wir genießen." Dann legt er seinen Arm um Kathys Schultern.