Radschäden

S-Bahn bereitet Berliner auf neue Zugausfälle vor

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Thomas Fülling
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Betriebsrat erklärt Berliner S-Bahn für tot

Offenbar ist das bisherige Chaos bei der S-Bahn nur die Spitze des Eisbergs. Betriebsratschef Heiner Wegner und der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner warnten bei einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses im Abgeordnetenhaus vor einer weiteren Zuspitzung. Offenbar reichen die Werkstattkapazitäten nicht aus, um den Zeitplan einzuhalten.

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Das Chaos bei der Berliner S-Bahn könnte bald noch größer werden. Denn es drohen neue, verschärfte Sicherheitsanordnungen durch das Eisenbahn-Bundesamt. Eine Entscheidung steht unmittelbar bevor. Experten rechnen für diesen Fall mit dem Ausfall von drei Vierteln des Wagenparks der S-Bahn.

Mittwochmorgen, 10 Uhr, im Abgeordnetenhaus: Mit Spannung wurde der erste öffentliche Auftritt des neuen Berliner S-Bahn-Chefs Peter Buchner erwartet. Doch wer nach mehr als zwei Wochen Zugausfällen und Verspätungen auf ein Signal der Entwarnung hoffte, wurde bitter enttäuscht. „Wir müssen uns auf noch schlimmere Szenarien vorbereiten, falls sich die Situation noch mal zuspitzen sollte“, sagte der 42 Jahre alte Bahnmanager, der vor zwei Wochen noch für die Organisation des Regionalverkehrs in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zuständig war. Doch faktisch über Nacht ließ der Bahnkonzern am 2. Juli die gesamte Geschäftsführung der S-Bahn austauschen, nachdem bekannt geworden war, dass diese Sicherheitsauflagen nicht ausreichend befolgte.

Ein „nochmalige Zuspitzung der Situation“, von der Buchner nun sprach, steht in der Tat unmittelbar bevor. Nach Informationen von Morgenpost Online wird das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) die Sicherheitsauflagen für die wichtigste S-Bahn-Baureihe 481/482 nochmals verschärfen. Hintergrund ist der Bruch einer Radscheibe, der am 1. Mai in Kaulsdorf einen mit Fahrgästen besetzten Zug dieser Baureihe entgleisen ließ. Nur weil der Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof relativ langsam fuhr und sich der Radbruch zudem an der letzten Achse des Zuges ereignete, ging der Unfall glimpflich aus. Doch die Sicherheitsbedenken der Aufsichtsbehörden sind groß. Sie wies die S-Bahn an, zunächst insgesamt 4000 Räder an den jeweils ersten und letzten Achsen der Wagen auszuwechseln.

Noch mehr Züge müssen in die Werkstätten

Nun jedoch erwägt die Aufsichtsbehörde eine Auflage, auch alle übrigen Räder nach einer bestimmten Laufleistung aus Sicherheitsgründen austauschen zu lassen. Alternativ wird diskutiert, die Prüfintervalle für Achsen und Räder nochmals zu verkürzen. Egal, wie die Entscheidung ausfällt. Die S-Bahn wird kurzfristig weitere Züge aus dem Verkehr ziehen und in die Werkstätten schicken müssen.

Für diesen Fall rechnen Insider mit dem zeitweiligen Ausfall von bis zu 75 Prozent des Wagenparks der Berliner S-Bahn. Gegenwärtig stehen dem Unternehmen noch gut 300 ihrer 632 Viertelzüge für den regulären Betrieb zur Verfügung. Bei einer Verschärfung der Sicherheitsauflagen könne der aktuelle „Basis-Fahrplan“ nicht mehr eingehalten werden, heißt es bei der S-Bahn. Für mindestens zehn Tage werde es nur noch ein absolutes Minimalprogramm möglich sein.

Nahverkehrsexperten empfehlen für diese Zeit, nur noch Züge auf der Ringbahn und auf den Außenästen ins Umland fahren zu lassen. Dort sei ein Ersatzverkehr etwa mit Bussen am schwierigsten zu organisieren. Für die Innenstadt gebe es dagegen gute Ausweichmöglichkeiten auf Busse und Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Laut S-Bahn-Chef Buchner werde gemeinsam mit der BVG ein Notfahrplan vorbereitet. Der könnte bereits am Wochenende in Kraft treten.

Bahn prüft weitere Ersatzangebote

Auch die Deutsche Bahn bereitet weitere Angebote vor. So wird geprüft, auch auf der Nord-Süd-Achse zusätzliche Regionalzüge als Ersatz für die S-Bahn einzusetzen. Der Berliner Fahrgastverband hat wiederholt ein Wiederaufleben der S21 aus der Zeit der Fußball-WM 2006 gefordert. Damals ließ die Bahn Nahverkehrszüge zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz mit Halt im Hauptbahnhof und am Potsdamer Platz pendeln.

Bereits jetzt setzt die Bahn zusätzliche Regionalzüge unter anderem zwischen Potsdam und Berlin Ostbahnhof ein. Inzwischen würden auf diesem Streckenabschnitt pro Stunde sogar fünf statt der üblichen zwei RE-Züge fahren, sagte der für den Personenverkehr zuständige Bahn-Vorstand Ulrich Homburg. Er erneuerte zugleich die Zusage von Bahn-Chef Rüdiger Grube, dass der Bahnkonzern alle Anstrengungen unternehme, um den „absoluten Ausnahmezustand“ schnell zu überwinden. Das Hauptproblem sei aber nicht das Fehlen von Werkstätten. Aus diesem Grund würde auch die Wiedereröffnung des 2006 geschlossenen Werks in Berlin-Friedrichsfelde die Lage nicht verbessern.

„Unser Engpass sind die Prüfkapazitäten“, so Homburg. Prüftechniker seien in ganz Deutschland rar, weil auch andere Unternehmen Probleme mit Rädern und Radachsen hätten. Es fehlten auch Prüfgeräte für Ultraschall- und Wirbelstromuntersuchungen. Laut Homburg sollen in den nächsten Tagen zwei Anlagen eintreffen, mit denen zusätzliche Checks ausgeführt werden könnten. Geplant sei, die Werkstatt Grünau so zu ertüchtigen, dass dort alle Sicherheitsuntersuchungen ausgeführt werden können. S-Bahn-Betriebsratschef Heiner Wegner bleibt bei seiner Auffassung: „Ohne Friedrichsfelde wird es nicht gehen.“