Radschäden bei Zügen

Neue Auflagen - S-Bahn befürchtet noch mehr Ausfälle

Offenbar ist das bisherige Chaos bei der S-Bahn nur die Spitze des Eisbergs. Betriebsratschef Heiner Wegner und der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner warnten bei einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses im Abgeordnetenhaus vor einer weiteren Zuspitzung. Offenbar reichen die Werkstattkapazitäten nicht aus, um den Zeitplan einzuhalten. Und es drohen neue Auflagen.

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Offenbar ist das bisherige Chaos bei der S-Bahn nur die Spitze des Eisbergs. Betriebsratschef Heiner Wegner und der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner warnten bei einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses im Abgeordnetenhaus vor einer weiteren Zuspitzung. Offenbar reichen die Werkstattkapazitäten nicht aus, um den Zeitplan einzuhalten.

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Der neue S-Bahn-Chef kommt zu spät. Von der Oppositionsbank im Berliner Abgeordnetenhaus frotzelt es daraufhin bitter: „Der ist sicher mit der S-Bahn gefahren." Mehr gibt es dann bei der Sondersitzung des Verkehrsausschusses am Mittwoch nicht zu lachen. Seit Monaten klagen S-Bahn-Nutzer über falsche oder fehlende Anzeigen und Ansagen sowie verkürzte oder verspätete Züge. Seit Wochen fallen ganze Linien aus.

Weil am 1. Mai in Berlin-Kaulsdorf ein Zug entgleiste, ordnete das Eisenbahnbundesamt (EBA) die Überprüfung aller Radsätze der Baureihe 481 an. Als Folge steht die halbe S-Bahn-Flotte still. Daraufhin musste die Geschäftsführung den Hut nehmen, ein neuer S-Bahn-Chef kam.

Die Zugausfälle und Verspätungen könnten sich noch dramatisch verschärfen. Grund sind mögliche neue Sicherheitsauflagen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA). Die Bahn erwartet in den nächsten Tagen einen Bescheid des EBA, ob die Fristen für die Überprüfung und Auswechselung von Rädern an den Zügen der wichtigsten Baureihe 481 weiter verkürzt werden.

Die Stimmung im Ausschuss ist angespannt. Die Mitglieder und Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) haben noch zu gut den Winter in Erinnerung, als wegen technischer Probleme ebenfalls der S-Bahn-Betrieb fast zusammenbrach. Schon damals sprach die Senatorin von Kürzungen der Zuschüsse wegen nicht erbrachter Leistungen. Am Mittwoch redet sie von Beträgen, die „in nicht unerheblichem Umfang“ einbehalten werden. Vor allem, um Zusatzleistungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zu bestellen, damit wenigstens ein Teil der Ausfälle kompensiert wird.

Gleichzeitig droht die Politikerin mit der vorzeitigen Kündigung der seit 2004 laufenden S-Bahn-Verträge. „Seit 2006 stellen wir bei der S-Bahn eine deutliche Reduzierung der Qualität fest“, sagte die Senatorin. Mittelfristig müsse man sich mit den Ursachen des Notstandes auseinandersetzen. Selbst der Bundestag ist bereits mit Berliner S-Bahn-Problemen befasst.

Die Innenansicht hat Heiner Wegner. Der Betriebsratsvorsitzende sprach schon oft vor dem Ausschuss zu Personaleinsparungen, Einsparungen allgemein, unzumutbaren Dienstplänen, Schließung von Werkstätten. Zuletzt am 26. Januar. Von einem „Hilferuf der S-Bahner“ war damals die Rede.

Mühsam beherrscht beginnt Wegner am Mittwoch: „Ich hätte im bösesten Traum nicht daran gedacht, dass die Lebensader der Stadt binnen 170 Tagen abgeschnitten ist.“ Den S-Bahnern würden sich die Herzen krampfen. „Die S-Bahn ist tot. Wir fürchten, dass es noch viel schlimmer kommen wird“, sagt Wegner. Dann appelliert er an die Berliner Politik: „Helfen Sie uns!“ Die Politiker sollten auch Sorge tragen, dass die S-Bahner nicht als Sündenböcke herhalten müssen. „Die Verantwortlichen sitzen im Bahn-Tower“, schließt Wegner und verweist, wie seit Monaten, auf fehlende Arbeitsstände für technische Kontrollen. Die vorhandenen Werkstattkapazitäten reichten nicht aus, um die Fristen für die Überprüfung und Auswechselung von Rädern an den Zügen zu halten.

Zumindest die Formulierung „noch schlimmer“ teilt auch S-Bahn-Chef Buchner. Daher würden gerade Not-Szenarien mit den BVG und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg entwickelt. Entscheidungen zu Einsparungen sollten „hinterfragt“ werden, verspricht Buchner. Ein Werkstattproblem sieht er aber nicht. Vielmehr gebe es „Engpässe“ bei auf Radsatzprüfungen spezialisiertem Personal und der dazugehörigen Technik.

Die Situation bei der S-Bahn sei ein “absoluter Ausnahmezustand“, beteuert Vorstand Ulrich Homburg vom Mutterkonzern Deutsche Bahn (DB). Die vom EBA zur Prüfung angewiesenen Bausätze aus Radsatz und Radsatzwelle seien nicht „dauerfest“. Egal, wie oft geprüft werde, es müssten neue Bausätze her, sagt Homburg. „Bis dahin findet eine Materialschlacht statt.“ Auch andere Qualitätsengpässe werde man kritisch prüfen und gegebenenfalls nacharbeiten.

Auf keinen Fall entschuldigen müsse sich die Bahn jedoch für ihre Profitorientierung. Jahresüberschüsse zu erzielen sei für den Konzern bei Investitionen von rund einer Milliarde Euro bei der S-Bahn „ein Grundverständnis“, betont Homburg. Betriebsrat, Fahrgastverbände und Abgeordnete hatten ein „rücksichtsloses“ Gewinnstreben der DB moniert, die die S-Bahn zu immer höheren Gewinnabführungen nötige.