Jan Kleihues

Ein Berliner baut Afrikas höchsten Wolkenkratzer

Nach den Plänen des Berliner Architekten Jan Kleihues entsteht in Libyen ein 277 Meter hoher Turm. Der "Tower 69" wird Deutschlands höchste Gebäude, den Commerzbank Tower in Frankfurt am Main, um runde 18 Meter übertreffen. Kleihues lieferte auch den Entwurf für die neue BND-Zentrale in Berlin. Die Gegensätzlichkeit der beiden Auftraggeber macht dem Architekten kein Kopfzerbrechen.

Foto: Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH / Kleihues + Kleihues

Berliner Architekten, die im Ausland, insbesondere in Asien oder Afrika, Wettbewerbe gewinnen, eint oft eine leidvolle Erfahrung: Sie werden vor Ort zwar mit großen Worten und viel Emphase geehrt – gebaut und gezahlt wird dagegen nur in Ausnahmefällen. Für Jan Kleihues war es deshalb noch kein Grund zur Euphorie, als er Ende 2007 die Nachricht bekam, er habe den internationalen Wettbewerb zum Bau eines Hochhauskomplexes in Libyens Hauptstadt Tripolis gewonnen.

Umso größer war deshalb die Erleichterung, dass nach einjähriger Planungsphase in diesen Tagen nun tatsächlich mit dem Bau des „Tower 69“ begonnen wurde. Für den bekennenden Hochhaus-Fan Jan Kleihues ist die Freude doppelt groß. Denn das Gebäude, dessen Fertigstellung im Jahr 2012 gefeiert werden soll, wird dann mit einer Höhe von 277 Metern Afrikas höchster Wolkenkratzer sein. Bislang trägt diesen Titel das 220 Meter hohe Carlton Centre in Johannesburg (Südafrika). Zum Vergleich: Deutschlands höchstes Gebäude, der 1997 fertig gestellte Commerzbank Tower in Frankfurt am Main, misst 259 Meter (inklusive Antenne sogar knapp 300 Meter). Bis 2003 war der Bankenturm das höchste Haus Europas, musste diesen Titel dann aber an den fünf Meter höheren Triumph-Palace in Moskau abgeben.

"Da es leider häufig die Situation gibt, dass man einen Wettbewerb zwar gewinnt, das Projekt aber letztendlich nicht gebaut wird, wollten wir erst darüber sprechen, wenn die Baustelle übergeben ist“, sagt Jan Kleihues, der gestern zur Feier in seine Büroräume an der Helmholtzstraße in Charlottenburg einlud, eine ehemalige Müllverladestation. Rund 500 Millionen Euro – also in etwa so viel, wie das Humboldt-Forum auf dem Schloßplatz in Mitte kosten wird – stehen für die reinen Baukosten zur Verfügung. Bauherr ist die LAP – Libya Africa Invest Portfolio. „Wir haben es mit einem sehr engagierten und interessierten Bauherrn zu tun, der nach deutschen Standards bauen will“, so der 47-Jährige.

Dass Kleihues, der in Berlin auch die Pläne für den neuen Sitz des Bundesnachrichtendienstes (BND) an der Chausseestraße in Mitte liefert, nun ausgerechnet für einen ehemaligen „Schurkenstaat“ baut – die UN-Embargomaßnahmen wurden erst im September 2003 vollständig aufgehoben – bereitet ihm keine Gewissensbisse:

„Zunächst einmal handelt es sich bei dem ,Tower 69' um kein staatliches Projekt, um keinen Regierungsbau, sondern um ein Hotel für einen privaten Bauherrn“, sagt Kleihues. „Trotzdem haben wir uns schon vor der Teilnahme am Wettbewerb mit den entsprechenden Behörden abgestimmt.“ Welche Details vereinbart wurden, will Kleihues jedoch nicht verraten.

Am Rande der Altstadt soll nach den Plänen des Berliner Büros neben dem 277 Meter hohen Hotelturm ein weiterer, deutlich kleinerer mit Apartments und Büros entstehen, die auf einem gemeinsamen Sockel stehen. In diesem sind Gastronomie, Handel und Konferenzbereiche untergebracht. Die Fassaden liegen unter einer rautenförmigen Gitterstruktur, die an die dekorativen Holzbauten der arabischen Bautradition, die Mushrabije, erinnern soll.

"Tripolis Greens“ liegt auf Eis

Libyen gilt nicht mehr als Staat, der antiisraelische und antiamerikanische Terrorgruppen unterstützt. Dennoch ist das Bauen damit noch lange keine einfache Sache. Im selben Jahr, in dem Kleihues den Wettbewerb zum Bau des „Tower 69“ gewann, wurde das Berliner Büro Léon Wohlhage Wernik Architekten mit einem spektakulären 1.Preis für den Bau gleich eines ganzen neuen Regierungssitzes in Libyen ausgezeichnet. Das Projekt „Tripolis Greens“ umfasste Regierungsgebäude mit einer Bruttogeschossfläche von insgesamt 740.000 Quadratmetern, darunter der Palast des Volkskongresses, Ministerien, der Sitz des Ministerpräsidenten und ebenfalls ein Hochhaus, der 130 Meter hohe Turm eines VIP-Hotels mit Konferenzzentrum. Ein Jahr lang wurde unter Hochdruck an dem Masterplan samt Straßenraster und einem eigenen Energie- und Logistikzentrum gearbeitet. Denn der vorgegebene Zeitrahmen war eng.

„In zwei Monaten sollten eigentlich schon die Champagnerkorken knallen unter den Palmen in ,The Quad', dem zentralen Park zwischen den Ministerien in Tripolis“, sagt Siegfried Wernik. Für September 2009 hatten die Bauherrn die Eröffnung von „Tripoli Greens“, des neuen Regierungsbezirks, angesetzt. Das ehrgeizige Vorhaben sollte zum 40. Jahrestag der Revolution von Muammar al-Gaddafi am 1.September bereits im Wesentlichen fertig sein. „Seit gut anderthalb Jahren ist die Überarbeitung des Masterplans abgeschlossen und seitdem schweigen die Leitungen“, sagt Architekt Wernik. „Natürlich sind wir enttäuscht. Natürlich wollten wir mit dem neuen Parlamentsdistrikt Libyen dabei unterstützen, in dem Vorhaben für ihr Land ein Zeichen zu setzen.“

Die Hoffnung, dass das auf unbestimmte Zeit verschobene Mammutvorhaben eines Tages doch noch realisiert wird, hat Wernik indes noch nicht aufgegeben: „Wir haben eine ausführliche und intensive Planung vorgelegt, unsere Leitungen sind nach wie vor geöffnet.“

Der Kleihues-Wolkenkratzer in der libyschen Hauptstadt Tripolis soll 2012 fertig sein Simulation: Kleihues+Kleihues

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.