Verkehrschaos

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen S-Bahn-Manager

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Thomas Fülling

Zugausfälle auf 13 Linien, verkürzte Bahnen, verlängerte Takte - die Berliner S-Bahn ist von einem normalen Betrieb noch weit entfernt. Entspannung wird es nicht vor September geben. Und die Situation spitzt sich weiter zu: Berlin stehen in der kommenden Woche gleich mehrere Großereignisse bevor. Nun müssen sich vier Ex-Manager wegen "gefährlichen Eingriffs" in den Bahnverkehr verantworten.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat jetzt Ermittlungen gegen vier frühere Manager der Berliner S-Bahn aufgenommen. Nach etwa einem Dutzend Anzeigen werde dem Verdacht eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr nachgegangen, hieß es. Nachdem bekannt geworden war, dass Sicherheitskontrollen nicht rechtzeitig ausgeführt wurden, hatte der Bahnkonzern in der Vorwoche die gesamte Geschäftsführung abgelöst.

Auch eine Woche nach Beginn der "Chaostage“ kann die Berliner S-Bahn nur ein stark eingeschränktes Angebot anbieten. Auf sieben ihrer 15 Linien hat die Bahn-Tochter Züge nur im 20-Minuten-Takt statt im Abstand von zehn Minuten fahren lassen. Vier weitere Linien wurden verkürzt, zwei Linien – die S45 (Schönefeld–Hermannstraße) und S85 (Grünau–Waidmannslust) – blieben wie schon in den Tagen zuvor komplett eingestellt.

Lediglich die Züge auf den Ringbahn-Linien S41 und S42 sind nach S-Bahn-Angaben regulär gefahren. Doch auch dort ist es aber nach Berichten von Fahrgästen zu Verspätungen gekommen. Unabhängig von dem im Internet ( www.s-bahn-berlin.de ) – nicht jedoch auf den Bahnhöfen – veröffentlichten „angepassten Fahrplan“ lässt die S-Bahn derzeit ihre Züge auf fast allen Linien mit sechs oder gar nur vier Wagen statt mit den sonst üblichen acht fahren. Dadurch reduziert sich das Platzangebot beispielsweise auf den wichtigen Nord-Süd-Linien S1 (Wannsee-Oranienburg) und S2 (Blankenfelde–Bernau) auf weniger als 40 Prozent des normalen Betriebs.

Nach Beobachtungen des Berliner Fahrgastverbandes sind Züge vor allem im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr teilweise so voll, dass ein Zustieg weiterer Fahrgäste nicht mehr möglich ist. „Die müssen dann bis zu 40 Minuten warten, um zur Arbeit zu kommen“, so ein Sprecher.

In den nächsten Tagen wird sich die Lage bei der S-Bahn noch weiter zuspitzen. So stehen in der Stadt mehrere Großereignisse bevor. Das gute Ausflugswetter und „Projektwochen“ an vielen Berliner Schulen sorgen schon jetzt für einen zusätzlichen Fahrgastansturm. Am Mittwoch beginnt in Berlin zudem ein internationaler Kongress der „Zeugen Jehovas“. Bis Sonntag werden sich im Olympiastadion täglich mehr als 50.000 Anhänger der Religionsgemeinschaft versammeln. Nutzen werden die vor allem S- und U-Bahn, denn sie erhalten für alle vier Veranstaltungstage ein verbilligtes Nahverkehrsticket. Ebenfalls an diesem Wochenende: die Pyromusikale in Tempelhof. Die nächste Herausforderung danach lässt nicht lange auf sich warten: Am 18.Juli werden Zehntausende Besucher beim U2-Konzert im Olympiastadion erwartet.

Doch damit nicht genug: Der Berliner S-Bahn drohen nochmals verschärfte Sicherheitsauflagen durch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA). Nach Informationen dieser Zeitung gibt es in der staatlichen Aufsichtsbehörde Überlegungen, bestimmte Prüfintervalle für Züge der für die S-Bahn wichtigsten Baureihe 481/482 nochmals zu verkürzen. Konkret geht es um die sogenannte Wirbelstromprüfung, bei der mithilfe von Magnetfeldern kaum sichtbare Risse in den Stahlrädern aufgespürt werden können.

Alternativ steht auch eine Anordnung zur Debatte, besonders beanspruchte Räder früher als bisher austauschen zu lassen. Beide Schritte hätten zur Folge, dass der S-Bahn auf längere Sicht deutlich weniger Züge als für einen regulären Fahrplanbetrieb benötigt zur Verfügung stehen. „Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen. Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen sind nicht auszuschließen“, sagte am Dienstag Ralph Fischer, Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes. Die Sicherheit der Fahrgäste habe oberste Priorität. „Züge, die nicht sicher sind, fahren nicht“, betonte der EBA-Sprecher.

BVG kann nur wenig helfen

Auf eine rasche Verbesserung der Lage etwa durch Zusatzangebote der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) können die Berliner vorerst nicht rechnen. Zwar gab es Montagabend auf Bitte der S-Bahn ein erstes Treffen von Experten beider Verkehrsunternehmen. Konkret wurde lediglich die Bereitstellung von drei Messgeräten für die Überprüfung von Rädern vereinbart. Auch soll es künftig eine engere Zusammenarbeit der Leitstellen beider Verkehrsanbieter geben.

„Im Einzelfall können wir operativ mit zusätzlichen Wagen oder auch Zügen etwa bei der U-Bahnlinie U5 auf besondere Engpässe bei der S-Bahn reagieren“, sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Ein dauerhaftes Mehrangebot an Leistungen, die in einem geänderten Fahrplan Niederschlag finden würden, ist dagegen nicht vorgesehen.

Jens Wieseke, Vize-Vorsitzender des Fahrgastverbandes Igeb, reicht das bisherige Krisenmanagement der S-Bahn nicht aus. Er sieht in der aktuellen Notlage vor allem den Bahn-Konzern in der Verantwortung. „Die Bahn könnte beispielsweise zusätzliche Regionalexpress-Züge fahren lassen“, so Wieseke. Denkbar sei zur Angebotsverbesserung auf den ausgedünnten Nord-Süd-Linien auch die Wiederbelebung der Linie S21, die zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz eingerichtet wurde.

Angesichts der bevorstehenden Leichtathletik-WM im August und den dann zu erwartenden Besucherströme hat die Berliner CDU den Senat aufgefordert, einen Notplan vorzubereiten. „Leider ist es zur Gewissheit geworden, dass das seit einer Woche anhaltende Chaos bei der S-Bahn nicht kurzfristig behoben werden kann“, so der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Uwe Goetze.

Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sieht dagegen – über bereits angedrohte finanzielle Sanktionen hinaus – keinen Grund für ein direktes Eingreifen. „Wir gehen derzeit davon aus, dass die S-Bahn bis zur Leichtathletik-WM ihre Probleme im Griff hat“, sagte ihre Sprecherin Manuela Damianakis. Wie lange die massiven Einschränkungen im S-Bahn-Verkehr dauern werden, konnten am Dienstag weder Vertreter des Eisenbahn-Bundesamtes noch der Deutschen Bahn sagen. Nach Einschätzung von S-Bahn-Mitarbeitern kann das Unternehmen erst im September oder gar noch später wieder ein normales Angebot gewährleisten.