Berliner Nahverkehr

Ärger mit der S-Bahn hält an

Die Fahrgäste der Berliner S-Bahn müssen sich auch zum Wochenbeginn wieder auf zahlreiche Einschränkungen einstellen. Am heutigen Monatg verkehren die meisten Hauptlinien erneut nur im 20-Minuten-Takt. Die Linien S 45 und S 85 fallen komplett aus. Ein Betriebsrat weiß, wie die Probleme zu lösen sind.

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Die Berliner S-Bahn-Fahrgäste müssen sich wieder auf längere Taktzeiten und Zugausfälle einstellen, weil noch Dutzende Züge vor einem weiteren Einsatz auf die Sicherheit ihrer Waggonräder untersucht werden müssen.

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Planmäßig sollen nur die Züge der Ringbahn und der S 7 fahren. Seit fast einer Woche darf die S-Bahn Hunderte Wagen auf Anordnung des Eisenbahn-Bundesamtes nicht mehr einsetzen, weil geforderte Prüf- und Wartungsfristen nicht eingehalten wurden. Die Bahn spricht von knapp 400 Wagen, die nicht für den Verkehr zur Verfügung stehen. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg ging zuletzt von bis zu 600 Wagen aus.

Der Betriebsrat der S-Bahn fordert nun ein Drei-Punkte-Sofortprogramm, um das derzeitige Chaos zu beenden. Wichtigster Punkt ist dabei die sofortige Wiedereröffnung der im Mai 2006 geschlossenen Betriebswerkstatt Friedrichsfelde. Ohne die dortigen vier Werkstattgleise seien die nach einer Entgleisung in Kaulsdorf angeordneten Prüf- und Wartungsarbeiten an Rädern und Achsen der modernsten Baureihe 481 nicht zu bewältigen, betonte am Sonntag Betriebsratschef Heiner Wegner gegenüber Morgenpost Online. Weitere Forderungen sind der sofortige Stopp des Personalabbaus – nach Wegners Angaben sollen noch knapp 400 Stellen bei der S-Bahn verschwinden, und die Rückkehr oder Neueinstellung von Fachpersonal, um die durch Einsparungen entstandenen Lücken zu schließen.

Neue Werkstatt bringt 50 Prozent mehr Prüfkapazität

Mit der zusätzlichen Werkstatt würde die Platzkapazität für die vom Eisenbahn-Bundesamt geforderten Radprüfungen nach Wegners Angaben um 50 Prozent steigen. Binnen einer Woche, so schätzt der Betriebsrat, wäre es dann möglich, die Prüffristen bei allen Zügen einzuhalten und nach und nach wieder den planmäßigen Verkehr zu stabilisieren. „Ohne Friedrichsfelde“, so stellte Wegner klar, „können wir das Problem weder kurzfristig noch überhaupt lösen.“

Für die Mitarbeiter der S-Bahn wird die von ihnen nicht verschuldete Krise mehr und mehr zur Belastungsprobe, wie Wegner berichtete. Immer öfter entlädt sich der Zorn der Fahrgäste über lange Wartezeiten und überfüllte Züge gegen S-Bahn-Fahrer und Bahnsteigpersonal. Pöbeleien, Schimpftiraden, Spuckattacken, selbst Handgreiflichkeiten seien keine Seltenheit mehr. „Die Mitarbeiter auf den Bahnhöfen sind entsprechend frustriert“, so Wegner. Selbst dort, wo nach dem Personalabbau der vergangenen Jahre noch Aufsichten auf den Bahnhöfen seien, würden jene schlecht informiert, wann welche Linie in welcher Länge fährt. Weil in den Betriebsleitzentralen buchstäblich von Minute zu Minute umdisponiert werde, um zumindest den Minimalverkehr aufrechtzuerhalten, seien kompetente Auskünfte für die Fahrgäste kaum möglich.

S-Bahn wurde kaputt gespart

Die Ablösung der gesamten S-Bahn-Geschäftsführung am Donnerstag ist bei den Mitarbeitern auf ein geteiltes Echo gestoßen. Verantwortlich für die Zustände im Unternehmen waren nach Wegners Angaben neben dem bereits im Juni verabschiedeten Technikchef Ulrich Thon und dem jetzt geschassten Finanzvorstand Thomas Prechtl vor allem der Mutterkonzern Deutsche Bahn (DB) und Aufsichtsratschef Hermann Graf von der Schulenburg, zugleich Chef der DB-Sparte Stadtverkehr. Gemeinsam hätten sie dafür gesorgt, dass die Berliner S-Bahn mit enormen Gewinnerwartungen „kaputt gespart“ wurde.

Am Sonntag wurde bekannt, dass nach 56,3 Millionen Euro im Vorjahr in diesem Jahr offenbar noch eine deutlich höhere Summe von der S-Bahn zum Mutterkonzern abfließen sollte. Nach Informationen der Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling gehen die Bahn-Planungen von 87,7 Millionen Euro aus. Zugleich seien die jährlichen Investitionen der S-Bahn von 117,2 Millionen Euro im Jahr 2003 auf inzwischen nur drei Millionen Euro geschrumpft, kritisierte Hämmerling. Die Deutsche Bahn wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

„Wenn die DB AG nicht auf den geplanten Börsengang und die Gewinne auf Kosten der Substanz verzichtet, wird sich daran nichts ändern“, so die Abgeordnete. Der Senat müsse jetzt den „dilettantischen Vertrag“ mit der S-Bahn außerordentlich kündigen und „zügig neu verhandeln“. Der Wechsel in der S-Bahn-Vorstandsetage bleibe ansonsten „reine Kosmetik“.

Entlassene waren "Bauernopfer"

Auch Betriebsrat Wegner bezeichnete gegenüber Morgenpost Online die Ablösung von S-Bahn-Chef Tobias Heinemann, Arbeitsdirektor Olaf Hagenauer und dem im Juni angetretenen neuen Technikchef Peter Büsing als „Bauernopfer“. Vor allem Hagenauer und seit seiner Berufung auch Büsing hätten zuletzt konstruktiv und engagiert daran gearbeitet, die prekäre Personal- und Materialsituation zu verbessern.

Mit dem neuen Mann an der Spitze des Unternehmens verbinden die Mitarbeiter große Hoffnungen. Peter Buchner gilt als erfahrener Eisenbahner. Und er ist ein Mann aus dem Umfeld von DB-Personenverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg, der zwar als streitbar nach außen, aber verlässlicher Fachmann im Unternehmen bekannt ist. Homburg habe sich bereits in einem persönlichen Gespräch dazu bekannt, die S-Bahn-Berlin GmbH auch künftig nicht nur zu erhalten, sondern mit Fachleuten zu verstärken, sagte Wegner. Die neue Geschäftsführung der S-Bahn will sich im Laufe dieser Woche zu ihren Strategien äußern.