Berliner S-Bahn

Ende einer Dienstfahrt

Nicht nur S-Bahn-Chef Tobias Heinemann, sondern auch der für Finanzen zuständige Thomas Prechtl und Arbeitsdirektor Olaf Hagenauer sowie Technik-Chef Peter Büsing müssen gehen. Die Bahn versucht mit der Ablösung der S-Bahn-Führung den großen Befreiungsschlag. Doch Zweifel am Erfolg bleiben.

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Die Mitteilung erfolgte – so wie der Zugverkehr der Berliner S-Bahn derzeit auch – mit Verspätung. Mehr als eine halbe Stunde nach dem angesetzten Termin gab der für den Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Ulrich Homburg die Entscheidung des Aufsichtsrats der Bahn-Tochter bekannt, die gesamte vierköpfige Führungsspitze des Unternehmens auszutauschen. Nicht nur S-Bahn-Chef Tobias Heinemann, sondern auch der für Finanzen zuständige Thomas Prechtl und Arbeitsdirektor Olaf Hagenauer nehmen ihren Hut. Selbst der gerade erst vor vier Wochen zum neuen Technik-Chef berufene Peter Büsing muss gehen.

Mit diesem „klaren Neuanfang“, so Homburg, soll schnellstmöglich das Vertrauen bei den Bestellern der Verkehrsleistungen, den Landesregierungen in Berlin und Brandenburg, aber auch der Kunden der S-Bahn wiederhergestellt werden. Vor allem die Fahrgäste leiden schon seit Monaten unter verspäteten und überfüllten Zügen.

Erst zu Wochenbeginn sah sich das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zum Handeln gezwungen. Die Kontrollbehörde hatte angeordnet, über Nacht weitere 190 der insgesamt 632 Zugeinheiten der Berliner S-Bahn stillzulegen, weil das Unternehmen zugesagte Intervalle für die Inspektion der Räder auf Risse nicht eingehalten hatte. Diese Selbstverpflichtung hatte das Unternehmen nach einem Unfall am 1. Mai abgegeben, als in Kaulsdorf ein mit Fahrgästen besetzter Zug nach dem Bruch eines Rades entgleist war.

Aufgrund der EBA-Anordnung verkürzte die S-Bahn die Sicherheitschecks für alle Züge der Baureihe 481, die das Gros des Wagenparks des Nahverkehrsunternehmens stellt. Das Zugangebot wurde zum Ärger der täglich bis zu 1,3 Millionen Fahrgäste auf einigen Linien verkürzt und ausgedünnt, später wurden sogar einige Linien ganz eingestellt. Bereits am Freitag zuvor hatte die S-Bahn – ebenfalls aus Sicherheitsgründen – 50 aus je zwei Wagen bestehende Viertelzüge aus dem Verkehr nehmen müssen. Damit war erstmals offenkundig: Die S-Bahn mutet ihren Fahrgästen nicht nur Servicemängel und Komforteinbußen, sondern auch Sicherheitsrisiken zu.

Grube zog die Notbremse

Vor allem für den neuen Bahn-Chef Rüdiger Grube war damit offenbar die Schmerzgrenze erreicht. Er ließ bei der auch für das Image des Unternehmens wichtigen Berliner S-Bahn die Notbremse ziehen. Richten soll es nun eine komplett neue Führungsmannschaft. Neuer S-Bahn-Chef wird Peter Buchner, bisher Regionalbereichsleiter Nordost der Bahntochter DB Regio und damit verantwortlich für den gesamten Regionalverkehr in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Buchner kennt sich nicht nur gut mit der Verkehrslage in der Region aus, er gilt zudem als Vertrauter von DB-Personenverkehrsvorstand Homburg, der bis vor Kurzem noch Chef von DB Regio war.

Buchner zur Seite gestellt werden Christian Kayser für Finanzen, Maik Dreser für Technik und Christoph Wachendorf für Personal, laut Homburg alle „erfahrene Bahn-Manager“. Hauptaufgabe der neuen Führungscrew sei es, „in möglichst kurzer Zeit“ die technischen Probleme bei der S-Bahn zu lösen und ein stabiles und zuverlässiges Angebot zu gewährleisten. Wann das sein wird, konnte Homburg noch nicht sagen. Erst sei eine genaue Bestandsaufnahme erforderlich, die voraussichtlich Mitte nächster Woche vorliegen soll. Gegenwärtig seien knapp 200 der 632 Viertelzüge abgestellt. Homburg versprach aber, dass kein Zug auf die Strecke geschickt werde, bevor er nicht sorgfältig untersucht worden sei.

Klar ist indes schon jetzt: Die Berliner müssen in den nächsten Tagen noch mit zusätzlichen Einschränkungen rechnen. Denn die S-Bahn will versuchen, den Wartungs- und Kontrollstau für ihren Wagenpark möglichst rasch aufzuheben. Das heißt aber zugleich: Noch mehr Fahrzeuge als bisher müssen gleichzeitig in die Werkstätten und stehen für den regulären Betrieb nicht zur Verfügung.

Homburg kündigte an, mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) über eine „Unterstützung des Verkehrsangebots“ zu verhandeln. Denkbar sind etwa kürzere Taktzeiten auf einigen U-Bahn-Linien oder zusätzliche Busfahrten. Die BVG hatte bereits ihre Bereitschaft für Zusatzangebote signalisiert, wenn diese bezahlt würden.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat forderten „eine lückenlose Aufklärung sämtlicher Vorgänge, nicht nur im Unternehmen S-Bahn, sondern im Gesamtkonzern DB AG“. Der überzogene Personalabbau in der Vergangenheit und ein falsches Betriebs- und Instandhaltungskonzept seien mitverantwortlich für die jetzige Situation, sagte Transnet-Vorstand Reiner Bieck.

Die CDU-Fraktion forderte vom Senat die Offenlegung des gesamten Verkehrsvertrags. Außerdem müssten die Zahlungen des Landes Berlin an die S-Bahn wegen der Störungen gekürzt werden, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Uwe Goetze. Die verkehrspolitische Sprecherin der Linken, Jutta Matuschek, forderte, „den Kurs des Auspressens der S-Bahn“ zu beenden.