Nach Wartungs-Desaster

Dritter Chaos-Tag - Berlins S-Bahn-Chef muss gehen

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Nikolaus Doll und Markus Falkner

Foto: Sergej Glanze

S-Bahn-Chaos, Tag drei: Weniger Züge, kürzere Züge, 20-Minuten-Takt, drangvolle Enge bei schwülem Wetter - nun zieht die S-Bahn-Mutter Deutsche Bahn Konsequenzen. Der Aufsichtsrat des Konzerns kommt zu einer außerplanmäßigen Sitzung zusammen. Wenn die vorbei ist, wird S-Bahn-Chef Tobias Heinemann wohl seinen Posten los sein.

Die Deutsche Bahn (DB AG) zieht personelle Konsequenzen aus dem Wartungs-Desaster bei der Berliner S-Bahn: Nach Informationen von Morgenpost Online soll S-Bahn-Chef Tobias Heinemann kurzfristig seines Posten enthoben werden. Weitere Entlassungen an der Spitze des Verkehrsunternehmens seien nicht ausgeschlossen, hieß es in Bahnkreisen.

Ein Sprecher der Deutschen Bahn äußerte sich nicht zu den Vorgängen und verwies auf das Treffen des Aufsichtsrates am Nachmittag - das Kontrollgremium wird zu einer Krisensitzung zusammenkommen und darüber beraten, wie das Tochterunternehmen der DB AG das Chaos im S-Bahn-Verkehr in den Griff bekommen kann. Der Austausch von Spitzenmanagern sei ein erster Schritt, hieß es. Gemeint ist S-Bahn-Chef Tobias Heinemann.

Nachdem am 1.Mai in Kaulsdorf ein mit Fahrgästen besetzter Zug nach einem Radbruch entgleist war, hatte die S-Bahn dem Eisenbahn-Bundesamt zugesichert, bei den Wagen der Baureihe 481 alle sieben Tage die Räder zu überprüfen statt wie bisher alle 14 Tage. Tatsächlich aber wurden die Intervalle nicht eingehalten - und das Eisenbahn-Bundesamt zog in der Nacht zu Dienstag 380 Wagen aus dem Verkeh. Die S-Bahn war plötzlich einen großen Teil ihrer Züge los - das Chaos begann. Das wird Heinmann angekreidet. Der hatte allerdings beteuert, er habe von den Missständen erst am Montagabend nach den eingehenden Untersuchungen durch die Kontrolleure des Eisenbahn-Bundesamtes erfahren und sofort gehandelt.

Der Aufsichtsrat muss einer möglichen Entlassung zustimmen. Im Fall der Berliner S-Bahn gilt ein solches Votum gilt aber als sicher, denn die Arbeitnehmervertreter werden sich nicht gegen die geplanten Ablösungen sperren. Die Bahn-Gewerkschaft Transnet hatte diese bereits im Vorfeld der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung gefordert. „Es muss personelle Konsequenzen für die geben, die für diese Probleme verantwortlich sind“, sagte Transnet-Vorstand Reiner Bieck. „In das Unternehmen muss endlich wieder Ruhe einkehren“, so Bieck.

Auch seitens des Bahn-Vorstandes waren die S-Bahn-Chefs massiv unter Druck geraten. „Die momentanen Einschränkungen für unsere Berliner S-Bahnkunden sind ebenso wenig hinnehmbar wie die unzureichende Umsetzung der Vorsichtsmaßnahmen, die wir mit dem Eisenbahn-Bundesamt vereinbart haben“, sagte laut einer Mitteilung Ulrich Homburg, Konzernvorstand für die Sparte Personenverkehr. „Deswegen werden wir im Aufsichtsrat diese Missstände aufklären und unverzüglich die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen.“

Verkehrschaos hält an

Auf der außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates sollen auch Maßnahmen zur schnellen Verbesserung des Verkehrsangebots erörtert werden. Die Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat fordern laut Transnet-Chef Bieck „eine saubere Analyse der jetzigen Probleme und zudem Pläne sowie Strukturen, die dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt“. In diesem Zusammenhang werde das Management auch die Frage zu klären haben, ob nicht künftig wieder mehr Personal eingesetzt werden müsse. „Es muss verhindert werden, dass das Image der Berliner S-Bahn weiter leidet und die Motivation der Mitarbeiter irgendwann auf den Nullpunkt sinkt“, so der Gewerkschafter.

Auch am dritten Chaos-Tag bei der S-Bahn wurde es wieder eng für die Fahrgäste - die teilweise überrascht wurden, dass Züge nur alle 20 Minuten fahren. Am Bahnhof "Botanischer Garten" erfahren potenzielle Passagiere der Linie S1 nichts über die Informationstafeln; auch gibt es keine Aufsteller oder gar S-Bahn-Mitarbeiter, die zur Klärung beiragen könnten. Irgendwann ist über die Lautsprecher eine Frauenstimme zu hören, die die schlechten Nachrichten überbringt; dass derzeit auch die so genannten "Verstärkungszüge" im Berufsverkehr ausfallen, wird wohl als bekannt vorausgesetzt.

Berlin will Zahlungen kürzen

Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat bereits angekündigt, die Zahlungen an die S-Bahn wegen der ausgefallenen Züge zu kürzen und zudem Strafzahlungen zu prüfen. Ihre Sprecherin Manuela Damianakis sprach von „verheerenden Zuständen“ bei der S-Bahn. Dass deren Geschäftsführer Heinemann bisher keine Begründung für das Versäumnis geliefert habe, sei ein „dicker Hund“. Nach Angaben von Damianakis gingen bei der Senatsverwaltung seit Dienstag unzählige Beschwerden erboster S-Bahn-Fahrgäste ein.

Viele Berliner Politiker fordern daher Konsequenzen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Uwe Goetze, verlangte ein Spitzengespräch des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) mit dem Vorstand der Deutschen Bahn. „Die S-Bahn darf nicht mit hohen Gewinnabführungen an den Mutterkonzern ausgequetscht werden wie ein Schwamm“, sagte Goetze. FDP-Fraktionschef Christoph Meyer sprach von einem „skandalösen Sicherheitschaos“. Die Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling forderte vom Senat „entschiedenes Handeln“. Die S-Bahn müsse ihre vertraglichen Verpflichtungen einhalten. Ansonsten müssten der bis 2017 laufende Verkehrsvertrag frühzeitig gekündigt und die Linien neu ausgeschrieben werden.

VBB sieht Bahn und Bundesregierung in der Pflicht

Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), sieht Bahnchef Rüdiger Grube ebenso in der Pflicht wie Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Kritiker werfen dem Mutterkonzern vor, die S-Bahn systematisch zu missbrauchen, um im Vorfeld des geplanten Börsengangs die Bilanzen zu verbessern. Während bei der S-Bahn seit Jahren massiv Werkstatt- und Bahnsteigpersonal eingespart, Werkstätten geschlossen, Fahrzeuge ausgemustert und zum Teil verschrottet werden, führte das Tochterunternehmen zugleich jährlich Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe, zuletzt mehr als 56 Millionen Euro, an den Konzern ab. Der Bund als Eigentümer der Bahn könne sich nicht aus der Verantwortung ziehen, so Franz. Grube wollte sich vor der Sitzung nicht offiziell äußern.