Überfüllte Bahnhöfe und Züge

S-Bahn-Chaos lässt Fahrgäste verzweifeln

Seit Dienstagfrüh ist der S-Bahn-Verkehr in Berlin eingeschränkt. Und das Chaos hält an. Nur auf den wenigsten Linien fahren die S-Bahnen nach Plan. Wann die Züge wieder normal rollen, blieb unklar. Der Fahrgast Verband fordert nun Hilfe für die Fahrgäste durch die BVG.

Auf dem unterirdischen Bahnsteig der Nord-Süd-Bahn am Bahnhof Friedrichstraße schaut man in verärgerte, ungläubige und gestresste Gesichter. Während die Züge Richtung Norden in regelmäßigen Abständen Hunderte Menschen auf den Bahnhof spucken, bewegt sich auf der Gegenseite lange Zeit nichts. Es ist heiß und stickig an diesem Mittwochmorgen. Der Pulk aus Umsteigern, der sich sonst so beständig über die Treppen zwischen Stadtbahn und Nord-Süd-Bahn schiebt, kommt regelmäßig zum Erliegen. Stau im S-Bahnhof Friedrichstraße. Lautsprecheransagen verkünden Verspätungen von acht, zehn oder fünfzehn Minuten.

Ein Mann mit Aktenkoffer starrt auf die Anzeigetafel, als wolle er die nächste Zugeinfahrt beschwören. Seinen Geschäftstermin wird er womöglich verpassen. Er hat wenig Verständnis für die Wartezeiten und die überfüllten Züge. „Ein Unternehmen mit einer öffentlichen Aufgabe hat eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden“, sagt der Immobilienmanager. „Ich kann es nicht nachvollziehen, dass die S-Bahn in dieser Situation nicht anders reagiert hat. Da kann man schon richtig wütend werden.“

Auf dem Bahnhof Gesundbrunnen sind ähnliche Szenen zu beobachten. Viele Fahrgäste drehen auf dem Treppenabsatz um, als sie über die Lautsprecheranlage von den Verspätungen erfahren oder weichen auf Züge der Ringbahn aus, die zuverlässiger fahren.

Seit Dienstagfrüh ist der S-Bahn-Verkehr in Berlin eingeschränkt. Wie berichtet hatte das Eisenbahn-Bundesamt bei einer Überprüfung festgestellt, dass die S-Bahn versprochene Prüfintervalle für die Räder ihrer Züge nicht einhält. Nachdem am 1.Mai in Kaulsdorf ein mit Fahrgästen besetzter Zug nach einem Radbruch entgleist war, hatte die S-Bahn zugesichert, die Räder bereits nach sieben Tagen statt wie zuvor alle 14 Tage auf Risse prüfen zu lassen. Kurzfristig musste die S-Bahn daraufhin 380 Wagen der modernsten Baureihe 481 aus dem Verkehr ziehen.

Mit weit reichenden Folgen. Neben der Ringbahn gewährleistet die S-Bahn derzeit lediglich auf den Linien S7, S8 und S9 einen Zehn-Minuten-Takt. Die Linie S45 ist auch weiterhin eingestellt, die S85 fährt nun wieder planmäßig. Auf fast allen anderen wichtigen Linien der Stadtbahn und der Nord-Süd-Bahn fahren die Züge nur noch im 20-Minuten-Takt. Wann sich der Verkehr wieder normalisiert, könne noch nicht abgeschätzt werden, so ein S-Bahn-Sprecher am Mittwoch. Im Internet ( www.s-bahn-berlin.de ) hat das Unternehmen für heute einen „angepassten Fahrplan“ für alle S-Bahn-Linien veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim Anruf der Service-Hotline der S-Bahn (Tel:29743333).

Fahrgäste von Einschränkungen überrascht

Viele Fahrgäste sind von den Einschränkungen bei der S-Bahn völlig überrascht worden. Doreen Luthe erfuhr davon erst auf dem Bahnsteig. Nun lehnt sie im Bahnhof Friedrichstraße an einer Säule und hört Musik. Wütend sei sie nicht, eher enttäuscht. „Das ist wirklich bitter“, sagt sie. „Natürlich muss die S-Bahn ihre Züge überprüfen. Aber doch bitte nicht zu Lasten der Kunden“. Eine Viertelstunde müsse sie nun zusätzlich einplanen, um von Mitte nach Wannsee zu kommen. Normalerweise sei sie weniger als dreißig Minuten unterwegs. Sie hat nur einen Wunsch: „Hoffentlich hat sich dieses Chaos bis Ende der Woche erledigt.“

Der Berliner Fahrgastverband Igeb hat kurzfristige Entlastungsangebote durch U-Bahn, Straßenbahn und Regionalbahn gefordert. Nach den Vorstellungen des Verbandes könnte eine Erweiterung des Angebots auf der U-Bahn-Linie U2 zwischen Zoologischem Garten und Alexanderplatz die Stadtbahn-Linien der S-Bahn entlasten. Um die Situation auf der Nord-Süd-Bahn zu entschärfen, sollen zusätzliche Regionalzüge zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz eingesetzt werden. Die Kosten für die Zusatzleistungen könnten von dem Geld bezahlt werden, das der S-Bahn für die ausgefallenen Fahrten abgezogen werden müsse. BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte, dass die BVG in der Lage sei, auf der U2 einen Zwei-Minuten-Takt zu fahren. Dies habe man bereits bei der Fußball-WM 2006 umgesetzt. Allerdings müsse der Senat diese Leistung bestellen und auch bezahlen.

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