Hells Angels vs. Bandidos

Rocker brechen Waffenstillstand

Die Waffen ruhen nicht mehr. Hells Angels und Bandidos gehen wieder aufeinander los. In der Nacht zu Sonntag schlugen Motorradrocker in Brandenburg einem feindlichen Rocker ein Bein ab. Blutige Racheakte drohen, in die auch Unbeteiligte hineingezogen werden könnten.

Der Waffenstillstand zwischen den Rockerklubs Hells Angels und Bandidos hat in der Region Berlin-Brandenburg nicht gehalten. Ermittler schätzen nach Informationen von Morgenpost Online die Lage als so brisant ein, dass sie mit weiteren Gewaltakten rechnen. Für einen Staatsanwalt ist es absolut sicher, dass auf die blutige Auseinandersetzung in der Barnim-Gemeinde Finowfurt, bei der vier Mitglieder der Hells Angels verletzt wurden, ein nicht minder brutaler Racheakt folgt. Einer der Männer könnte ein Bein verlieren, in das die Gegner eine Machete gehauen hatten.

Erst vor wenigen Monaten hatten sich die deutschen Präsidenten der weltweit agierenden Klubs auf einen Waffenstillstand geeinigt. Bis dahin war es in Deutschland immer wieder zu brutalen Zusammenstößen gekommen, in einem Fall mündete der Rockerkrieg in Mord. „Der Waffenstillstand sollte irgendwann in eine Koexistenz münden, bei der sich die Bruderschaften nicht mehr um Gebiete und Geschäfte streiten“, sagt ein Ermittler. Vorbild sei Skandinavien gewesen, wo sich in Dänemark und Schweden Hells Angels und Bandidos heute grüßen und bei Motorradpannen helfen – früher waren sie mit Sturmgewehren und Granatwerfern aufeinander losgegangen.

In der Region Berlin-Brandenburg war die Reaktion auf den Friedensschluss allseits verhalten. Die Protagonisten der Szene wollten ihn nicht kommentieren, und in Polizeikreisen wurde Optimismus nicht laut. Offenbar zu Recht, denn das Kriegsbeil war hierzulande mitnichten begraben. „Das Problem besteht darin, dass die Bandidos trotz Absprache weiterhin expandieren“, sagt ein Ermittler der Staatsanwaltschaft Berlin. „Sie versuchen, immer mehr Terrain zu gewinnen, und rekrutieren immensen Nachwuchs. Es war klar, dass die Hells Angels dies nicht lange auf sich sitzen lassen würden.“

Wie ein Beweis dafür steht der Angriff auf das Klubhaus der Chicanos in Ludwigsfelde wenige Kilometer südlich von Berlin vor knapp zwei Wochen; die Chicanos sind Unterstützer der Bandidos. Ihr Klubhaus wurde regelrecht zertrümmert, berichtete ein Ermittler. Öffentlich bekannt hat sich zu der Tat bis heute niemand, auch die Angegriffenen wissen – wie üblich – von nichts. „So etwas wird untereinander geklärt, die Polizei wird nicht gebraucht“, sagt ein Beamter.

Tatsächlich ließ die Revanche nicht lange auf sich warten, und sie war um Klassen brutaler. Zunächst deuteten die Umstände auf einen Verkehrsunfall hin. Anwohner hörten unweit der Autobahnabfahrt Eberswalde Schreie und sahen einen Wagen mit Berliner Kennzeichen davonrasen; zurück blieb ein demolierter Pkw der Marke Kia. Darin hockten vier Verletzte: André S., der Präsident der Hells Angels Nomads – diese Gruppe gilt als die „knallharte Exekutive“ des Klubs –, und drei weitere Angehörige der Bruderschaft. Sie waren aber keineswegs Opfer eines Unfalls, sondern eines brutalen Angriffs, vielleicht sogar Mordversuchs. Enrico K. hat es am schlimmsten erwischt: Er hatte einen Machetenhieb ins Bein erhalten. Nun stehe er davor, sein Bein zu verlieren, sagt ein ranghoher Beamter aus Berlin.

Damit hätten die Auseinandersetzungen eine neue Qualität erreicht. Wer einen Boss der Hells Angels mit Hieb- und Stichwaffen angreife und einem seiner Männer ein Bein abhacke, sei sich der Reaktionen durchaus bewusst. In jedem Fall würden Hells Angels und Bandidos sowie die sie unterstützenden Klubs jetzt wieder aufrüsten und vermehrt bewaffnet unterwegs sein.

Auch wenn die jüngsten Attacken auf Brandenburger Gebiet stattgefunden hätten: Angreifer und Opfer stammen aus Berlin. „Sollten Angehörige eines Klubs in den kommenden Wochen einen Kontrahenten auf der Straße entdecken, werden sie ihn in jedem Fall attackieren“, sagt ein Beamter. „Leider ist es diesen Herrschaften völlig egal, ob ihnen dabei ein Passant im Wege steht. So werden die Rocker auch zur Gefahr für Unbeteiligte.“