Christopher Street Day

Sexy Engel feiern den Berliner CSD

| Lesedauer: 9 Minuten
Tanja Kotlorz

600.000 Schwule und Lesben - und auch so mancher Hetero - machten sich in Berlin auf den Weg, um die schrillste Straßenparty des Jahres zu feiern - den Christopher Street Day. Wir haben die schönsten Bilder und Videos vom CSD für Sie.

Eine Stunde hat „Monique Versailles“ vor dem Spiegel gestanden und sich geschminkt. Sie hat sich lange, schwarze Wimpern angeklebt, das Gesicht dick mit weißer Farbe überschminkt und die Wangen mit grell pinkem Rouge betont. Die Lippen sind mit einem roten Stift nachgezogen. Auf den Augenlidern kleben winzige Glitzersteinchen. Noch länger als die Schminkprozedur habe das Anfertigen des Kostüms gedauert, verrät sie.

Ein Jahr habe sie gebastelt, bis der kunstvolle weiße Federkranz fertig war. Sie trägt ihn stolz wie eine Tänzerin aus dem Friedrichstadtpalast. Dazu hat sie weiße Plateauschuhe an und nur ein sehr knappes Höschen, welches Monique als Monsieur entlarvt. Neben ihr (oder ihm?) steht eine ebenso schillernde Gestalt: Ein Engel mit riesengroßen, schwarzen Flügeln, hautenger, schwarzer Korsage und schwarzen Plateauschuhen, ebenfalls im knappen Höschen. Das bunte Herren-Paar ist einer der vielen Hingucker an diesem Sonnabend auf dem Kurfürstendamm. So viele geschminkte Männer in Federkostümen erlebt Berlin wohl nur am Christopher Street Day. Jedes noch so gewagte Outfit, jede noch so frivole Geste ist erlaubt an diesem Tag.

„Obertucke“ und „Drama Queen“

Es ist die Parade zum 32. Christopher Street Day, die sich kurz nach 13 Uhr am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler Straße in Bewegung setzt. Unter dem Motto „Normal ist anders!“ rollen 53 bunt geschmückte Wagen durch Charlottenburg, Schöneberg und Tiergarten. Angeführt wird der Umzug von den Schwulen und Lesben in der Berliner SPD, den Schwusos. Stan Zornow ist einer von ihnen. Der 34-jährige Thüringer sagt, dass er schwul ist und dass er „Gründe“ habe, warum er nach Berlin gezogen sei.

Hier, in der Millionenmetropole, könne er offener seine Partnerschaft mit einem Mann leben, auch mal händchenhaltend durch die Stadt laufen, ohne dass es peinlich sei. Zuhause, in Erfurt, habe man ihn dabei immer so blöd angeschaut. „Viele empfinden Schwulsein als Provokation“, sagt Zornow. Vergleichsweise dezent ist die Bekleidung der SPD-Schwulen: Rote T-Shirts mit Aufschriften wie „Drama Queen“, „Obertucke“ oder „Familienheld“. Noch zurückhaltender ist das Outfit beim Landesvorsitzenden des Arbeitskreises der Lesben und Schwulen in der CDU, Matthias Steukardt. Er trägt einfach – wie alle anderen auf dem Wagen – ein weißes Hemd und einen Blumenkette in den Deutschlandfarben. Auch Steuckardt ist bekennender Schwuler. Seine politische Botschaft an diesem Tag lautet: „Respekt muss auf Gegenseitigkeit beruhen.“ Der Rest seiner Message geht im Lena-Song („Love oh love…“) unter, der von dem CDU-Wagen mit der Aufschrift „Schwarz und bunt.de“ herunterdröhnt.

Die Karawane der Paradiesvögel setzt sich wieder in Bewegung. Die Welle der guten Laune und der Fröhlichkeit schwappt von den wummernden Lastwagen über auf die vielen Zuschauer am Straßenrand. Etwa 600?000 Besucher verfolgen nach Schätzung der Veranstalter den farbenfrohen Zug. Ein Hetero-Pärchen liegt sich heftig knutschend in den Armen. Eine Frau zieht kurzerhand ihre Schuhe aus und tanzt vergnügt über den Boulevard. Immer wieder werden Kameras und Handys gezückt, um den farbenfrohen Zug und besonders auffällige Fußgänger zu knipsen.

Schwulsein ist andernorts noch immer Provokation

Eine solche fotografische Entzückung löst auch ein Herren-Team aus, das als Zocker-Bande verkleidet ist: Die Männer tragen knappe Röcke aus Pokerkarten, natürlich Plateauschuhe, rote Korsagen und viel, viel grelle Schminke. „Die Banken zocken und wir zocken mit“, erklärt die Kreuzdame alias Ralf die Kostümierung. Im wahren Leben gingen die Herren sehr seriösen Berufen nach, seien Ärzte, Architekt und Sozialarbeiter, versichern sie. Aber heute wollten sie einfach mal richtig Spaß haben.

Zwei „Ladys“ schreiten in königlicher Attitüde über den Kudamm. Jede der Damen steckt in einer wundervollen Wolke aus rosafarbenem Tüll, auf den Köpfen prächtige Lockenperücken. Viele wollen sich mit den rosa Damen fotografieren lassen. „Ich bin schon mit gebrochenen Handgelenken auf die Welt gekommen“, scherzt ein Schwuler, der auch bekennender Grace-Jones-Fan ist. Er ist einer der wenigen Männer, die auf Schminke gänzlich verzichtet haben. Dafür hat er sich in ein gewagtes Lady-Gaga-Kostüme gesteckt mit kessen schwarzen Netzstrümpfen, einem wehenden, schwarzen Satin-Umhang, einem schwarzem Body und Zylinder. Vor dem Gesicht hängt ein schwarzer Schleier.

Die Botschaften sind teilweise sehr eindeutig. Ein kleiner, zierlicher Mann hat seinen gesamten Körper in einen hautengen gelben Latexanzug gezwängt. Auf dem Kopf trägt er eine Gasmaske und auf seinem Rücken klebt ein kleines Schild mit der Aufschrift: „Nimm mich“.

Männer in unmännlicher Kleidung und Pose

Eine männliche Fußballmannschaft trägt knappe Satinhöschen und hautenge weiße Shirts. Ein Mann hat nur eine Unterhose an, den Rest seines Körpers aber zum Gesamtkunstwerk erkoren und mit viel Farbe angemalt. Viel Haut und viel Erotik strahlt diese Parade aus. Eine Frau auf einem Umzugswagen fährt mit freiem Oberkörper, lässt ihre Brüste zum Takt der Bässe wippen.

Auch viele Heterosexuelle fahren auf den Lastwagen mit. Laura Ponikau zum Beispiel. Die 16 Jahre alte Schülerin ist mit ihrem Freund Max Berger (19) dabei. Sie trägt ein weißes enges Kleidchen und riesige weiße Engelsflügel. Er hat einen sehr sexy Marine-Anzug an, der viel Haut und breite Schultern zeigt. Beide werten ihre Teilnahme als politische Willensäußerung. „Schwule und Lesben sollten die gleichen Chancen im Leben haben wie heterosexuelle Menschen“, sagt Max Berger.

Der Christopher Street Day (CSD) ist ja auch so etwas wie ein Festtag oder Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Gefeiert und demonstriert wird, so informiert die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, für die Rechte dieser Gruppen sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Gleiche Rechte für Homosexuelle

Der CSD erinnere an den ersten, bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village: In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 fand in der Bar Stonewall Inn der sogenannte Stonewall-Aufstand statt. Zu dieser Zeit gab es immer wieder gewalttätige Razzien der Polizei in Kneipen mit homosexuellem Publikum. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Homosexuellen und der Polizei. Um des ersten Jahrestages des Aufstands zu gedenken, wurde das Christopher Street Liberation Day Committee gegründet. Seitdem wird in New York am letzten Sonnabend des Juni, dem Christopher Street Liberation Day, mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis erinnert.

„Es gibt immer noch jeden Tag Diskriminierungen und Angriffe auf Homosexuelle“, sagte gestern Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). „Solange das der Fall ist, müssen wir für Gleichberechtigung kämpfen.“ Erst am vergangenen Samstag war ein schwules Pärchen in Treptow mit einem Messer angegriffen worden.

Unsterbliche Engel

Menschen jenseits der heterosexuellen Norm hätten noch immer mit Ablehnung zu kämpfen, meinen die Berliner CSD-Veranstalter und hatten alle Teilnehmer aufgerufen, Engelsflügel mitzubringen. Motto: „Sei ein Engel, bring deine Flügel mit“. Engel seien auch anders als normal. Sie seien geschlechtslos, unsterblich, fehlbar, sowohl gewalttätig als auch barmherzig. Und sobald ein Engel abstürze, werde er von den Menschen als gefallener Engel bewundert. Engel seien völlig anders, aber das sei offensichtlich ganz normal. Daher seien Engel die Boten des diesjährigen CSD-Mottos: „Normal ist anders!“

Zwei junge Männer haben sich das Motto zu Herzen genommen und sich jeweils zwei rosafarbene Engelsflügel auf die Rücken gebunden. Ein anderer möchte lieber das Diabolische in seinem Wesen unterstreichen und hat sich rosafarbene Hörner auf den Kopf gesetzt. Die Teilnehmer greifen auch die Fußball-WM als Thema auf. Auf dem Wagen des Deutschen Fußball-Bundes zeigen lesbische Fußballfans den Zuschauern die pinke Karte.

Das Getränk dieses Nachmittags heißt übrigens nicht Bier sondern Prosecco. Fast jeder hält ein Gläschen in der Hand und stößt mit seinem Nachbarn an. Auch Herr Lafontaine – so hat man den übrigens noch nie gesehen – nippt erst mal an dem Glas Prickelwasser. Der Travestiekünstler mit dem Namen „Lafontaine“ steht mit einer gigantischen Schaumstoffperücke, einem Kleid, das übervoll mit glitzernden Pailletten verziert ist und viel Make-up posierend am Rande des Umzugs, lässt sich bestaunen und fotografieren.

Derweil schiebt sich die Karawane der Fröhlichkeit weiter in Richtung Brandenburger Tor, wo erstmals der Abschluss stattfinden soll. Für Claudia Rische vom Veranstalter-Team stand schon zuvor fest, dass von diesem CSD eine „sehr schöne Stimmung“ ausgegangen sei. (mit dpa)