Sommer-Feeling

Womit die Berliner Freibäder Gäste locken

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K. Lange, B. Schmiemann und S. Flatau

Foto: Sven Lambert

Elf Berliner Freibäder warten auf Sonnenanbeter und Freizeitschwimmer. Doch bislang machte das Wetter den Betreibern einen Strich durch die Rechnung. 450.000 Gäste weniger als im Vorjahr kamen bislang. Dennoch haben die Pächter die Saison noch nicht aufgegeben. Morgenpost Online sagt, womit sie Gäste trotz Wolken und Regen locken wollen.

Ein Hauch von Hollywood liegt über dem Freibad Plötzensee. Im vergangenen Jahr huschte Kate Winslet zwischen Umkleidehäuschen und Steg hin und her, um sich für die Dreharbeiten zum Film "Der Vorleser" mit ihrem Liebhaber am Strand zu rekeln. Heute sitzt Ingrid Brixner, 75, mit braun gebrannter Fülle, goldlackierten Fingernägeln und gelbem Stirnband wieder in ihrem Strandkorb und auch sie kann sich neuerdings ein bisschen wie eine Diva fühlen.

Der Bademeister kommt persönlich zu ihrem Strandkorb und fragt, was sie zu Mittag essen möchte. Frau Brixner ordert Bockwurst. "Mit reichlich Mostrich" ruft sie hinterher, und sie lasse anschreiben. Sie blinzelt zufrieden in die Sonne. Seit 22 Jahren kommt sie ins Strandbad Plötzensee . Aber so gut wie jetzt sei es ihr noch nie ergangen, meint die Seniorin aus Tiergarten. Frischer Wind kam nicht nur aus Hollywood, sondern auch mit den neuen Betreibern. Und mit ihnen Service, Sauberkeit und ein Gefühl von Sylt, erklärt die Sonnenanbeterin. Gar kein Vergleich zu früher.

Im Halensee darf man nicht baden

Für sieben Pächter von Berliner Freibädern - also Anlagen an natürlichen Gewässern - ist dieser Sommer eine Premiere. Sie haben die Bäder Jungfernheide, Plötzensee, Lübars, Tegeler See, Friedrichshagen, Wendenschloss und Grünau erstmals von den Bäderbetrieben übernommen. Nur am Orankesee, Weißen See und Halensee sind die alten Pächter geblieben. Allerdings darf man im Halensee wegen schlechter Wasserqualität nach wie vor nicht baden. Dafür können sich die Gäste bei freiem Eintritt im "Kudamm Beach" mit Blick auf den Funkturm bei Pasta, Gegrilltem, Panini und Beach-Burger entspannen. Ein einziges Freibad - das Strandbad Wannsee - betreiben die Bäderbetriebe selbst. Allerdings nicht freiwillig. Sie haben keinen Pächter gefunden, der es zu ihren Konditionen übernimmt. Dazu hätte auch die Sanierung des Restaurants Lido gehört.

300 Interessenten hatten sich für den Betrieb der Freibäder gemeldet. Um den Zuschlag zu erhalten, mussten die neuen Pächter nicht nur mit ihren Konzepten überzeugen, sondern sich auch noch verpflichten, hohe Summen in die Sanierung der Bäder zu stecken. "Dafür haben sie langfristige Pachtverträge über fünf Jahre erhalten, mit der Möglichkeiten um weitere fünf Jahre zu verlängern", sagt Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäderbetriebe. Neben dem Strandbad Wannsee betreiben sie selbst noch zwölf Sommer- und vier Kombibäder. Auch den Bäderbetrieben hat das Wetter bislang einen Strich durch die Rechnung gemacht. Besuchten im Mai und Juni vergangenen Jahres 1,2 Millionen Gäste die von den Bäderbetrieben geführten Einrichtungen, so waren es nach Auskunft des Sprechers bislang erst 770.000.

Seit Saisonstart sind schon zwei Monate vergangen. In dieser Zeit sind aus allen sieben Freibädern kleine Schmuckstücke geworden - grüne Refugien inmitten der Großstadt. Sie können alle mit guter bis sogar sehr guter Wasserqualität aufwarten.

Strände und Cafés verschönert

Die neuen Pächter haben mit viel Elan Küchen, Toiletten und Gasträume saniert, die Strände verschönert, Spielplätze repariert, Liegestühle und Sonnenschirme gekauft. Und doch fällt eine erste Bilanz ernüchternd aus: Während sie sanierten und investierten, fiel der Sommer bislang ins Wasser. Die Eintrittsgelder, die sich an den Preisen der Bäderbetriebe orientieren (4 Euro, erm. 2,50), blieben aus. Obwohl die Freibäder auch an bewölkten Tagen mit niedrigeren Temperaturen ihren Reiz haben. Wer gern ungestört am Strand sitzt, die Ruhe und den Blick aufs Wasser genießen will, kommt jetzt voll auf seine Kosten.

"1500 Gäste kamen seit der Eröffnung", sagt Erik Müller, einer der beiden Betreiber im Freibad Plötzensee. Die Saison habe er mit 100.000 Badegästen bis Mitte September kalkuliert. Da fehlen noch 98 500 Gäste, und es ist fast Halbzeit. Auch bei Dirk Michehl, der ins Strandbad Tegel frischen Wind bringt, sieht die Besucherbilanz dramatisch aus. Auf das 40.000 Quadratmeter große Areal gegenüber der Insel Lindwerder passen bis zu 8000 Gäste, doch angesichts des schlechten Wetters ist der Strand so gut wie leer. "Das ist beunruhigend, sechs Wochen von der Saison sind weg, und noch ist nichts passiert", bilanziert der 39-jährige Reinickendorfer, der in die Verschönerung des Bades bereits größere Summen investiert hat.

Etwas entspannter betrachtet Bernd Barnewski, der seit acht Jahren das Freibad am Orankesee betreibt, die Wetterprognosen. Zwar hatte er in den vergangenen zwei Monaten höchstens 200 Gäste pro Tag, statt 2500. "Aber ich kalkuliere immer über drei Jahre", sagt Barnewski. In diesem Zeitraum werde es garantiert mal Sommer. Seine Stammgäste halten ihm trotzdem die Treue. Sie loben vor allem die Ruhe in dem Familienbad. Viele sind schon als kleine Kinder gemeinsam über den Zaun geklettert. Heute zahlen sie als Rentner gern vier Euro Eintritt, um den Blick über den See mit den Trauerweiden zu genießen. Auch wenn der Sommer noch kein Sommer war - so schnell lassen sich die neuen Pächter nicht entmutigen. Sie haben verschiedene Ideen wie Events, Musikveranstaltungen und Partys entwickelt, um auch bei schlechtem Wetter Gäste anzulocken.

Im Strandbad Tegel versucht Pächter Dirk Michehl mit Sportaktivitäten wie Fitness-Schnupperkursen (5. Juli Flexi-Bar und Aqua-Gymn von 15 bis 18 Uhr) oder einem Beachvolleyball-Turnier am 10. Juli, durch Konzerte und Sonntags-Kaffeekränzchen mit Musik der 50er- bis 80er-Jahre das Geschäft anzukurbeln. Auch er kennt das Bad noch aus Kindertagen. Als ehemaliger Leistungsschwimmer weiß der 39-jährige Reinickendorfer, was Ausdauer ist: "Das Strandbad Tegel hat eine große Zukunft."

Henry Arzig, neuer Chef im Freibad Lübars , hat innen und außen alles saniert: So gibt es nicht nur neue Gartenmöbel auf der doppelstöckigen erhöhten Restaurant-Terrasse mit Seeblick, auch der Sand auf dem etwa 400 Meter langen Strand wurde komplett erneuert, die Strandkörbe überholt. Die sanitären Anlagen bieten Kalt- und Warmwasser-Duschen inklusive Haartrockner. Arzig, der auch den Internationalen Kulturlustgarten in Mariendorf und das Havelfest Brandenburg veranstaltet, hat nach eigener Auskunft eine sechsstellige Summe investiert.

Um wirtschaftlich über die Runden zu kommen, braucht auch er dringend mehr Gäste. Dabei setzt er auf Musik-Partys wie mit der Gruppe Middle of the Road am 25. Juli, aber auch auf die Gastronomie. Sein Restaurant hat 240 Sitzplätze. Im Freibad serviert er nicht nur ein günstiges Frühstücksbüfett, sondern auch Imbissgerichte - bis hin zum mehrgängigen Menü bei Veranstaltungen. Olaf Schenk, rechte Hand von Arzig, ist dem Bad seit Kindertagen verbunden. Als das Duo aus dem Amtsblatt erfuhr, dass die Bäderbetriebe die Freibäder neu verpachten, war deshalb sofort klar: "Wenn, dann nur das in Lübars." Bei der Sanierung haben die Handwerker die Umkleideräume außen und innen in Orange gestrichen - die Signalfarbe weist auf einen Sponsor hin, den Arzig zum Saisonstart ins Boot holen konnte. Stolz sind die Betreiber in Lübars darauf, dass sie auch bei schlechtem Wetter öffnen: "Wir bieten auch Saisonkarten an, deshalb sehen wir es als unsere Pflicht an, jeden Tag zu öffnen."

Filmkulisse als Strandbar

Im Strandbad Plötzensee ist das alte Umkleidehäuschen von den Dreharbeiten mit Kate Winslet am Strand stehen geblieben. Die Betreiber haben die Kulisse zu einer Bar umgebaut, mit einer großen Terrasse davor, auf der die Gäste den Cocktail mit Blick auf das Wasser schlürfen können. Auch sonst hat sich viel im Bad getan: 300.000 Euro flossen in die Sanierung der Sanitäranlagen und Gebäude. Insgesamt wird Bauunternehmer Erik Müller eine Million Euro in das Bad stecken. Schon jetzt ist sein Veranstaltungskalender gut gefüllt. Am 4. Juli wollen 2000 US-Amerikaner den Unabhängigkeitstag im Freibad feiern, im August ist jedes Wochenende mit Firmen-, Abi- und Geburtstagsfeiern ausgebucht. Demnächst will er auch noch Kindergeburtstage mit Programm anbieten.

Mit einer Bar und einer überdachten Lounge-Ecke zieht auch das Freibad Weißensee Besucher bei schlechtem Wetter an. Open end heißt es für die Cocktail-Freunde, die nachts unter beleuchteten Palmen ihre Drinks genießen können. Tagsüber schätzen vor allem Familien die Annehmlichkeiten des Bades. Drei junge Mütter haben sich gegen Mittag zum Relaxen und Quatschen getroffen, bis sie ihre Kinder aus der Kita abholen müssen. Dass kein Badewetter ist, stört sie überhaupt nicht. Sie teilen sich die Hollywoodschaukel und nippen an ihrer Apfelschorle. "Das ist wie Urlaub hier", sagen sie.

Viele Gäste werden mit Handschlag begrüßt

Auf die einzigartige Naturkulisse, in der noch nicht einmal Kormorane und Reiher fehlen, ist auch der langjährige Badebetriebsleiter Dieter Decke im Freibad Jungfernheide stolz. Er kennt die meisten der Badegäste - viele werden mit Handschlag begrüßt. Hier kann nicht nur gemächlich geschwommen werden, auch Sportschwimmer kommen auf vier abgeteilten 50-Meter-Bahnen auf ihre Kosten. Der neue Pächter Karl-Heinz Kabisch hat die Gebäude und Anlagen instand setzen lassen. Zum 1. Juli soll das sanierte Restaurant öffnen.

Herr im neuen Strandbad Grünau ist der Köpenicker Jürgen Steddin. Er hat 100 Strandkörbe aufgestellt und an der Uferkante Treppen ins Wasser gebaut. Es gibt ein Beachvolleyball-Feld. Frischer Rasen ist gesät, Blumen und Sträucher sind neu gepflanzt. Vom Strand sieht man den Müggelturm. Die Gaststätte ist saniert und mit frischem Anstrich versehen. Die neue Strandbar soll demnächst eröffnen. Außerdem baut der rührige Pächter eine Wellness-Landschaft auf, zu der auch eine Salzgrotte und eine Behinderten-Sauna gehören werden. Der Installateurmeister und sein Partner machen viele Arbeiten selbst. Im Winter soll eine Eisbahn auf dem Strand entstehen. Die Gaststätte öffnet das ganze Jahr über. Das Bad ist gut mit der Straßenbahn zu erreichen, aber Parkplätze sind Mangelware. Deshalb möchte der Pächter Stellplätze auf seinem Areal anlegen.

Strand-Übernachtung mit Frühstück

Das Strandbad Wendenschloss hat für Kinder und Schulklassen ein besonderes Angebot. Sie können auf dem Gelände übernachten, bekommen am Abend Grillwürstchen am Strand und morgens ein Frühstück. Zehn Euro pro Person nimmt Pächter Bernd Leidig dafür ein. Schlafsäcke oder Luftmatratzen sind allerdings mitzubringen. Leidig ist erfahrener Gastronom und hat die Gaststätte und die Küche im Strandbad auf Vordermann gebracht. Die Räume sind hell und freundlich geworden. Anders als früher ist die Terrasse zum Strand geöffnet. Der Eintritt in dieser Saison beträgt nur 2,50 Euro. Kinder und Jugendliche von 10 bis 18 Jahren zahlen 1 Euro. Außerdem will der Pächter zusätzliche Gäste durch Musikveranstaltungen nach Wendenschloss locken. Am 5. Juli beginnt am Vormittag eine 24-stündige Reggae-Veranstaltung. Am 10. Juli spielt ab 19 Uhr eine Band Schlager. Leidig will die Gaststätte das ganze Jahr über öffnen und plant Weihnachts- und Silvesterveranstaltungen.

Klein und fein: So hat sich das Freibad Friedrichshagen gemausert. Vom Strandkorb aus genießt man den Blick über den Müggelsee. Palmen schaffen südländisches Flair. Der Eintritt kostet 3 Euro. Ein Sandfeld für Beachvolleyball und -fußball ist abgetrennt. Die neuen Pächter Tobias Apelt und Tino Walter sind mit den Sanierungsarbeiten schneller als gedacht vorangekommen. Des schlechten Wetters wegen. Ein Veranstaltungssaal für bis zu 100 Personen wird in einem alten Gebäude eingerichtet. Das ist in frischem Gelb und Weiß gestrichen und hat hohe Fenster bekommen, die ein wenig an eine Schlossfassade erinnern. Ein Kamin wird eingebaut. Eine Reihe von Events soll das kleine Bad bekannt machen. Am 2. August ist ein Turmspringen angesetzt. "Müggel mortale" ist das Motto. Apelt hofft auf 800 mutige Springer, zu Ehren von 800 Jahren Köpenick. Am 15. August gibt es ein Neptunfest und am 13. September ein Drachenfest. Am gleichen Tag startet der Familientriathlon mit 300 Metern Schwimmen, sechs Kilometern Radfahren und zwei Kilometern Laufen.

In Plötzensee kommt Frau Brixner auch ohne Sportevents aus. Während sie auf die Bockwurst wartet, dudelt leichte Musik aus dem Kofferradio. Die Dame kann gar nicht aufhören, von den "riesigen Veränderungen" zu schwärmen. Wegen ihrer künstlichen Hüfte dürfe sie jetzt immer mit dem Auto auf das Gelände fahren, sagt sie. Vorher hätte sie sogar darum kämpfen müssen, dass ein Strandkorb im FKK-Bereich aufgestellt werde. "Ja, mit dem Chef kann man reden, der ist nett", sagt die agile Seniorin. Zu schätzen weiß sie aber auch das klare Wasser voller Karpfen und Hechte. "Ich liebe es, mit den Fischen zu schwimmen", sagt Ingrid Brixner und macht sich bereit für einen weiteren Badegang.