Christopher Street Day

Hunderttausende feiern Berlins schrillen CSD

Was für ein Spektakel: Christopher Street Day in Berlin - schrill, bunt, teils großflächig textilfrei. Homo- und Transsexuelle marschierten über den Kudamm, bejubelt von Zehntausenden. Insgesamt mehr als eine halbe Million Menschen feierten nach Angaben des Veranstalters bei der CSD-Parade. So fröhlich das war - der Hintergrund ist ernst.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Halbnackt, mit zerrissenen T-Shirts, in Lack und Leder oder anderen Kostümen sind hunderttausende Schwule, Lesben und Transsexuelle durch Berlin gezogen.

Video: media
Beschreibung anzeigen

Wer nicht dicht am Straßenrand steht, hat schlechte Karten. Er sieht nur das bunte Volk hoch oben auf den Wagen, aber nicht die Schönheiten in langen, rosaroten Perücken und schrägen Outfits, die Bardamen mit behaarten, muskulösen Oberarmen. Die Parade am Christopher Street Day in Berlin ist die Schau schlechthin: Technoparty, Karneval und politische Demonstration in einem. Das faszinierende Spektakel lockt Alte und Junge an, Touristen und Eheleute beim Einkaufsbummel, Eltern mit Kindern. „Ich wollte dir mal zeigen, wie die aussehen“, sagt eine junge Mutter auf dem Bürgersteig zu ihrer kleinen Tochter.

Es ist bunt - aber die Parade war und ist politisch ambitioniert. Unter dem Motto „Stück für Stück ins Homoglück - Alle Rechte für Alle“ fordern sie die Verankerung des Schutzes Homosexueller im Grundgesetz. Zudem sprachen sie sich für eine Rehabilitierung verfolgter Homosexueller aus.

Drei Freunde, die einen guten Platz nahe am Straßenrand haben, sind Alessandro aus Brasilien, Ami aus Tel Aviv und Klaus aus Berlin. Klaus hat den Arm um die Taille des jungen Südamerikaners gelegt. „Wir sind schwul“, sagt er. „Es ist unser Tag.“ Der Berliner freut sich über die vielen Schaulustigen. „Die Solidarität mit uns ist groß.“ Er mache auch andere Erfahrungen, sagt er: Gestern auf dem Alexanderplatz habe man ihnen noch „schwule Sau“ nachgerufen.

Die schrille Parade mit Fußvolk und Trucks bewegt sich im Schneckentempo. Ein Polizeiwagen fährt voraus. Immer wieder fordert die Stimme aus dem Megafon auf, die Fahrbahn freizumachen. Doch welcher Hobby-Fotograf lässt sich schon so einfach vertreiben?

Am Anfang des Zuges gehen Vertreter des CSD-Vereins. Dahinter folgen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, flankiert von der Bundestagsabgeordneten Monika Grütters (CDU) und Renate Künast, Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Schließlich rollen die Wagen an. Es regnet Konfetti. Riesige Luftballons in Igelgestalt mit bunten Stacheln schmücken den Truck der Bündnis-Grünen. Auf einem Transparent die Forderung: „Sexuelle Identität ins Grundgesetz.“

Techno-Musik schallt vom Wagen mit der Aufschrift „Festsaal Kreuzberg“. Dahinter, ganz im Rhythmus, folgen Fans mit lila Perücken, langen Gewändern, manche ganz in Schwarz und Leder. Auf der anderen Fahrbahn läuft ein älteres Ehepaar langsam neben dem Zug her. Hamburger, zu Besuch in Berlin. Der CSD stand nicht auf dem Programm. „Ich find’s witzig“, sagt die Norddeutsche.

Jetzt schallt „Love, love me, do“, der Beatles-Song, über den Kurfürstendamm. Danach Tom Jones mit „It’s not unusual“. Vier junge Frauen aus Chemnitz winken der Parade zu und lachen. „Wir sind hier, weil wir Lesben sind“, erzählt Christin. „Wir wollen für unsere Rechte demonstrieren und andere Leute sehen.“ Die vier möchten sich einreihen, aber sie warten noch auf den Wagen mit der Musik, die sie mitreißt. Am Abend wollen Christin, Isabelle, Jana und Sabine zur Abschlussveranstaltung an der Siegessäule und anschließend zur Party in den Club „Maria am Ostbahnhof“.

Konfetti regnet auf Klaus Wowereit

Die Parade über Kurfürstendamm und Tauentzien rollt auf der Fahrbahn, die eigentlich in die entgegengesetzte Richtung führt. Der Wagen mit dem SPD-Banner fährt vorbei, auf ihm ein winkender und wippender Klaus Wowereit, inzwischen mit buntem Konfetti im grauen Haar. Der Wagen der Linken folgt, an Bord der Fraktionsvize im Abgeordnetenhaus, Stefan Liebig

Auch die zweite Fahrbahn auf Kurfürstendamm und Tauentzien ist gesperrt. Sie ist die Rennstrecke für Leute, die es trotz CSD eilig haben; außerdem Flaniermeile. Aber vor allem ist sie der Laufsteg für die Beauty-Queens und das Schussfeld der Hobby-Fotografen. Eine Vierer-Kette stolziert in hochhackigen Schuhen und hautengen Kleidern in Richtung Wittenbergplatz, auf den Köpfen vier hoch getürmte Perücken, in Rot, Grün, Braun und Schwarz. Die Schönheiten ziehen alle Blicke auf sich, lächeln und winken. Ein älteres Ehepaar zückt zwei kleine Digitalkameras, die Frau wirft eine Kusshand zu den Fotomodels. Und vier Kusshände kommen zurück. Die gute Laune steckt an.

Gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche singt und tanzt eine 50-Jährige in Hippie-Hosen, in der Hand ein Zahnputzglas mit Sekt. Claudia, die fast 50-jährige Kreuzbergerin, hat sich bewusst fürs bunte Outfit entschieden. „Die Lesben kommen eh’ so farblos daher“, sagt sie. 1984 ist zum ersten Mal beim CSD gewesen. „Ein kleiner Zug durch Schöneberg, vielleicht 500 Leute.“

Fast nackt am Straßenrand

Schon damals als Germanistik-Studentin nahm Claudia den CSD leicht und locker. „Ältere Lehrerkollegen haben venezianische Augenmasken getragen und sich verkleidet, aus Angst, erkannt zu werden.“ Die Angst von damals ist verschwunden. „Ich möchte in keiner anderen Stadt leben“, sagt Claudia. „Hier ist zwar nicht das Paradies für Lesben und Schwule, aber es gibt Angebote für Sport und Kultur. Die Akzeptanz ist hoch.“ Auf einer Mittelinsel am Tauentzien, stehen vier Trittleitern. Drei Fotografen machen eine Aufnahme nach der anderen. Auf der vierten Leiter steht die Zehlendorferin Karin und passt auf die Fotoausrüstung einer Freundin auf. Sie schaut sich begeistert um. „Ich wohne schon 39 Jahre in Berlin und war noch nie beim Christopher Street Day“, erzählt sie. „Ich finde es toll.“

Am Straßenrand zwischen Nollendorfplatz und Bülowstraße tanzt Daniel Surjan. Fast nackt bewegt er sich zum Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Er trägt ein minikurzes rosagelbes Röckchen, helle Turnschuhe und eine rote Kordel um den Hals. Der 28-Jährige ist aus Kroatiens Hauptstadt Zagreb angereist. Seit ein paar Jahren organisiert er dort den CSD. In Berlin ist er zum ersten Mal dabei. „Ich habe fast geweint vor Glück, so superschön ist die Party hier.“

Redner stürzt und verletzt sich

Es sind Hunderttausende, die auf der Parade zum 31. Christopher Street Day tanzen, demonstrieren, fotografieren oder einfach nur zuschauen. Bis zur Siegessäule in Tiergarten führt der schrille Zug mit den bunten Gestalten. Dort kündigt Berlins Regierender Bürgermeister einen Aktionsplan gegen Homophobie und für Gleichberechtigung in Berlin an: „So lange in Deutschland und Europa noch ein Mensch wegen seiner Homosexualität diskriminiert wird, werden wir auf die Straße gehen“, sagt Klaus Wowereit.

Am Vormittag war eine Gedenkfeier am Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen vorausgegangen. Die Feier musste vorzeitig beendet werden, weil es zu einem Unfall kam. Der 96-jährige frühere KZ-Häftling Rudolf Brazda war am Rednerpult gestürzt. Er erlitt Kopfverletzungen und zog sich Schürfwunden zu. Nach Polizeiangaben war das Rednerpult weggerutscht, auf das sich Brazda stützen wollte. Zur Zeit des Nationalsozialismus war Brazda wegen seiner Homosexualität von 1941 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert worden.