100 Jahre Frohnau

Der Berliner Norden ist eine Welt für sich

Frohnau im Berliner Bezirk Reinickendorf ist beschaulich, aber nicht altbacken. Die Häuser und Wohnungen dort sind begehrt. An diesem Wochenende wird gefeiert - der 100. Geburtstag der Gartensiedlung. Warum sich ein Ausflug in den Norden lohnt.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Eins ist wichtig: Frohnau wird auf der ersten Silbe betont, schließlich kommt es von „frohe Aue“. Darauf legt Stadtführerin Katrin Pollok Wert. Sie ist voll bei der Sache, wenn es um ihre grüne Gartenstadt geht, die an diesem Wochenende ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Ein Dorf? Keinesfalls. Frohnau wurde auf dem Reißbrett geplant, die Straßen und hübschen Plätze noch vor dem Bau der Häuser angelegt und sollte eigentlich viel größer werden. Letzteres erklärt auch, so die 50-Jährige, warum vom 40 Kilometer langen Straßennetz noch heute gepflasterte Straßen mit Bürgersteigen mitten im Wald verlaufen und Frohnau wohl der einzige Ort sein dürfte, in dem auf Kopfsteinpflaster durch Waldgebiet geschlendert werden kann. Dabei können Spaziergänger mitten im Forst den Künstlerhof entdecken (Hubertusweg 60, www.kuenstlerhof-frohnau.de ). Unzählige Briefkästen weisen auf die bunte Schar aus Malern, Bildhauern, Grafikern, Fotografen und anderen Kreativen hin.

Beschaulich, aber nicht altbacken

Frohnau ist beschaulich, aber nicht altbacken, sondern modern, schon wegen der vielen zugezogenen jungen Familien mit Kindern.16.700 Familien leben dort, in ganz Reinickendorf sind es rund 241.200. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen ist hoch: 17,1 Prozent beträgt der Anteil der Sechs- bis 18-Jährigen. Und nur wenig Ausländer leben in Frohnau (3,4 Prozent). Es gibt viele Berliner, die schon lange nicht mehr dort waren. Dabei ist der nördlichste Teil des Bezirks Reinickendorf nur etwa eine halbe Stunde mit der S-Bahn vom Potsdamer Platz entfernt. Eine kleine, eigene Welt mit besonderer Atmosphäre, ein bisschen wie im Urlaub, tut sich dem auf, der mit der Rolltreppe vom S-Bahnsteig hinauffährt und im Frohnauer Zentrum mit Cafés, Restaurants und Geschäften steht – konzentriert zu beiden Seiten des Bahnhofs am Ludolfinger- und Zeltinger Platz. Dies ist der zentrale Platz, der Mittelpunkt von Frohnau. Von dort gehen strahlenförmig jeweils fünf Straßen ab, die in die schmucken Wohnstraßen führen. An diesem Wochenende zum 100. Geburtstag der Landhauskolonie lohnt sich ein Besuch besonders. Alle Veranstaltungen zum Jubiläum, mehr als 100, werden ehrenamtlich vorbereitet. Federführend gemanagt vom „Förderverein 100 Jahre Gartenstadt-Frohnau“.

Scherzten die Berliner vor dem Zweiten Weltkrieg „Die halbe Berliner Oper wohnt in Frohnau“, so ist sie auch heute noch eine bevorzugte Wohnlage für Prominente: die Liedermacher Bettina Wegner und Reinhard Mey sowie Schauspieler Rainer Hunold zählen dazu. Auch RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat wurde bereits mehrfach beim Einkaufen im Edeka-Supermarkt gesichtet.

Frohnau ist einzigartig: „Ein Gartendenkmal, wie es in Berlin in dieser Größe und mit diesem Waldanteil kein zweites Mal zu finden ist“, sagt Bürgermeister Frank Balzer (CDU). Der Charakter der Gartenstadt, die aus einem Guss mit großzügig geschwungenen Straßen entstand, ist bis heute erhalten geblieben. Die Wohnstraßen mit den mehrgeschossigen Einfamilienhäusern strahlen Ruhe und Gediegenheit aus. Hochhäuser waren in Frohnau schon immer verboten. Und damit der Charakter des Denkmals gewahrt bleibt, wurde die Bebauung der Grundstücke beschränkt. In Frohnau halten Autofahrer noch an, um Fußgänger auch ohne Zebrastreifen passieren zu lassen. Als der Filmemacher Florian Graf Henckel von Donnersmarck, ein Nachfahre des Gründers von Frohnau, 2007 für seinen Film „Das Leben der Anderen“ in Los Angeles mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, habe nicht nur Deutschland gewonnen, sondern auch Frohnau, sagen viele Menschen im Norden Berlins.

Frohnau ist etwas Besonderes. Schon bei der tief gelegten Bahnanlage unter der Frohnauer Brücke waren die Gründer einfallsreich: Damit die Bahnlinie den Ort nicht in zwei Teile zerschneidet, ließ Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck (1830-1916) mit seiner „Berliner Terrain Centrale“ bei der Planung der Villen- und Landhauskolonie nach englischem Vorbild mit dem Aushub die noch heute vorhandenen erhöhten Schmuckplätze anlegen – bepflanzt mit weiß- und rot blühenden Kastanien. Dass die Bahn ausgerechnet jetzt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten das schmucke Bahnhofsgebäude eingerüstet hat, ärgert viele Anwohner sehr. Nach Auskunft eines Bahnsprechers ist dies jedoch dem engen Terminplan geschuldet. Eine Verschiebung sei „leider nicht möglich“, da die energetische Sanierung Ende des Jahres fertig sein müsse. Am 5. Juli sollen die Arbeiten beendet sein.

Der Gründer der Gartenstadt leistete der Eisenbahndirektion einen Baukostenzuschuss für den neuen, am 1. Mai 1910 eröffneten Bahnhof und übernahm die Betriebskosten für vier Jahre. 1925 wurden die Dampfzüge durch die elektrische S-Bahn nach Oranienburg abgelöst. Auch die anderen Gebäude neben dem Bahnhof mit dem fast 35 Meter hohen Kasinoturm, der noch heute als Wahrzeichen Frohnaus gilt, entstanden bereits bei der Erschließung der neuen Siedlung. Den 1907/08 ausgeschriebenen Wettbewerb, an dem sich 98 Architekten beteiligt hatten und nach dessen Entwürfen Frohnau gestaltet wurde, gewannen Joseph Brix und Felix Genzmer von der Königlichen Technischen Hochschule Charlottenburg.

Hendrik und Antonia wissen, warum sie lieber auf dem Ludolfingerplatz in Frohnau als in ihrem Heimatort Waidmannslust auf der Wiese liegen: „Der Platz ist schön, und man kommt mit der S-Bahn schnell in die Stadt zum Shopping, in die Bars oder ins Kino.“ So wie die beiden 17-jährigen Gymnasiasten wissen auch die Immobilienexperten das „Dahlem des Nordens“ zu schätzen. Während es in Grunewald oder Zehlendorf bei einer Million Euro beim Einfamilien-Hauskauf erst losgeht, kann man in Frohnau schon für 600.000 bis 800.000 Euro einen klassischen, gut sanierten Altbau erwerben. Die Häuser in Grunewald haben häufig 400 bis 500 Quadratmeter Wohnfläche, die in Frohnau ab 200 Quadratmetern aufwärts. Frohnau ist extrem beliebt bei Familien mit Kindern. Im gesamten Norden Berlins ist dieser Stadtteil am begehrtesten, vor allem seitdem durch den Mauerfall das Umland die Attraktivität des Ortes noch gesteigert hat. Allerdings ist es für Interessenten nicht ganz leicht, etwas Passendes zu finden: Nur ein Prozent der rund 4500 Frohnauer Häuser kommen pro Jahr auf den Markt. Auch Mietinteressenten haben es nicht leicht: Es gibt kaum Leerstand. Neun bis zehn Euro netto kalt, in Spitzenlagen 13 Euro werden als Miete verlangt.

Andrang auf Evangelische Schule

Zusätzlicher Magnet nicht allein für potenzielle Neu-Frohnauer mit Kindern ist die Evangelische Schule. Sie gilt als eine der besten im Norden Berlins. Entsprechend groß ist der Andrang. Bestärkt dadurch, dass diese Schule mit Grundschulklassen beginnt und den nahtlosen Übergang aufs Gymnasium ermöglicht. Dank mehrerer Erweiterungsbauten in der pavillonartigen Schulanlage konnten in den letzten Jahren vor allem die Angebote in den naturwissenschaftlichen Fächern und im Sport erweitert werden. So überrascht es nicht, dass Direktor Heinz Dykstra mehr Anmeldungen hat als er Schüler aufnehmen kann.

Stadtführerin Katrin Pollok brachten vor zehn Jahren drei Gründe nach Frohnau: Ihre Kinder sollten im Grünen aufwachsen und eine gute Schulbildung erhalten. Außerdem musste es eine schnelle Anbindung ins Zentrum geben. „All das bietet Frohnau auf ganz tolle Weise“, schwärmt die gelernte Zahntechnikerin, die alle Informationen über Frohnau aufsaugt, um sie bei ihren Stadtführungen weiterzugeben. Kaffeehauskultur, Künstlertradition, Geschichte und Geschichtchen – Katrin Pollok sorgt auch dafür, dass schon Kinder über ihren Wohnort Bescheid wissen und ihren Eltern stolz davon berichten.

Frohnau feiert – Autos müssen draußen bleiben

Frohnau lädt am Sonnabend (19.6.) von 10 bis 23 Uhr und am Sonntag (20.6.) von 10 bis 20 Uhr zur großen Geburtstagsparty ins autofreie Zentrum ein. Am besten kommt man mit der S1 bis zum S-Bahnhof Frohnau, Parkplätze sind Mangelware. Die Busse 120 und 125 werden umgeleitet und fahren nicht durch das Zentrum.

Sonnabend: 10 bis 23 Uhr: 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Frohnau, Familien- und Musikprogramm, Zeltinger Platz; 10 bis 12 Uhr: Umzug der Feuerwehr mit historischen und modernen Fahrzeugen durchs Zentrum; 10 bis 20 Uhr: 3. Frohnauer Oldtimertreffen, Welfenallee.

Sonntag: 10 bis 20 Uhr: Kleiner Antik- und Kunsthandwerkermarkt, Zentrum; 10 bis 11 Uhr: Open-Air-Festgottesdienst auf dem Zeltinger Platz; 12 Uhr Historischer Umzug auf dem Zeltinger Platz der Schulen, Kitas, Vereine und Institutionen, Start: Konzer Platz; 15, 16, 17 Uhr: Stadtführungen auf Kremserwagen durch Frohnau

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