Tödlicher Polizeieinsatz

Schießerei am Zoo - Die Spur führt zu Mord an Millionär

Der in der Berliner City-West durch Polizei-Schüsse getötete Mann wurde gleich mit zwei Haftbefehlen gesucht. Er soll im Mordfall um einen auf der Fischerinsel erschossenen Geschäftsmann die Tatwaffe besorgt haben. Zudem hatte der Kroate als erster gefeuert - auf einen am Boden liegenden Beamten.

Foto: ddp

Der tödliche Zwischenfall an der Joachimstaler Straße vor zwei Tagen hat sich nach Informationen von Morgenpost Online als Polizeipanne entpuppt: Demnach hatten die beiden Beamten, Andreas S. (32) und Andreas G. (37) vom Abschnitt 27, den 33 Jahre alten Kroaten nur unzureichend mit einer Handschelle gefesselt, wodurch dieser Sekunden später eine Schlägerei beginnen und auf einen der Polizisten schießen konnte, bevor er selbst tödlich getroffen wurde. Brisant: Der Getötete soll die Tatwaffe für den Auftragsmord an dem Geschäftsmann Friedhelm Sodenkamp an der Fischerinsel in Mitte im Herbst vergangenen Jahres besorgt haben.

Auf der Straße jedoch schlug der Mann plötzlich um sich, zückte ein verborgenes Reizgasgerät und sprühte damit dem Polizisten ins Gesicht. In der Folge gingen beide zu Boden, der Kroate konnte die Dienstwaffe entwenden und hielt sie dem 37-jährigen Polizisten kurzzeitig an den Kopf. Als dieser in Sicherheit robben wollte, soll er noch geschrien haben: „Schieß nicht, ich habe zwei Kinder.“ Doch der Kroate gab einen Schuss auf ihn ab. Das Projektil verfehlte sein Ziel und schlug in ein Schaufenster eines Erotik-Museums ein. Zeitgleich feuerte Andreas S. zweimal auf den 33-Jährigen, dieser wurde getroffen und starb später im Krankenhaus.

Der Ablauf des Zwischenfalls ist jetzt ermittelt: Die beiden Beamten – ein Polizeihauptkommissar und ein Polizeiobermeister – hatten den Kroaten in einem Spielcasino an der Ecke zur Kantstraße routinemäßig kontrolliert. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann einen niederländischen und einen kroatischen Pass bei sich hatte. Während ein Ordnungshüter zum Funkwagen ging, um die Personalien im Computer abfragen zu lassen, blieb sein Kollege bei dem Mann. Schnell zeigte sich, dass gegen diesen zwei offene Haftbefehle wegen Waffendelikten bestanden. In der Folge wurde nur eine Hand des Kroaten in einen Handschellenring gesteckt, den anderen Teil der „Acht“ nahm Andreas G. in die Hand und verließ mit dem 33-Jährigen das Lokal. Nach Angaben eines Polizeisprechers habe sich der Verhaftete kooperativ verhalten.

Genaue Angaben zur Identität des Toten machte die Staatsanwaltschaft zunächst nicht. Auch das Ergebnis der Obduktion steht noch aus.

Passanten hatten Glück

Für einen erfahrenen Einsatzbeamten ist das Vorgehen seiner beiden Kollegen absolut unverständlich. „Viele Polizisten gehen zu leichtfertig mit Straftätern um. Wenn jemand mit zwei Haftbefehlen wegen eines Waffendelikts gesucht wird, muss er richtig gefesselt werden. Wenn er sich von dem Beamten losreißt, hat er mit der stählernen Acht eine gefährliche Schlagwaffe in der Hand. Man kann von Glück reden, dass hier niemand zu Schaden kam. Das gilt auch für die Passanten, die sich in der City West aufhielten.“

Polizeipräsident Dieter Glietsch hat am Freitag erleichtert auf die Nachricht reagiert, dass keiner der beiden Polizisten durch den Schusswechsel verletzt wurde. „Nach aktuellem Ermittlungsstand der Staatsanwaltschaft können wir davon ausgehen, dass sich die beiden Beamten in Lebensgefahr befanden. Nur durch die schnelle und in diesem Fall auch angemessene Reaktion konnten sie sich daraus befreien. Ich bin froh darüber, dass die Beamten durch ihr Verhalten weiteren Schaden abwenden konnten. Ein Schusswaffengebrauch mit Todesfolge ist immer eine große psychische Belastung. Ich wünsche den Kollegen, dass sie sich davon bald erholen.“

Der Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Bodo Pfalzgraf, hatte das Vorgehen der beiden Polizisten noch am Abend verteidigt. „Die Kollegen trifft nach den jetzigen Erkenntnissen keine Schuld“, sagte er. Der Vorfall zeige vielmehr erneut, wie risikoreich der Polizeiberuf geworden sei.

Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden des Sachverhalts wurde eine schnelle und unkomplizierte polizeiliche Sozialbetreuung für die beiden Beamten und für Augenzeugen veranlasst. Solche Situationen sind eine große Belastung für die Polizisten. „Oft werden die Ereignisse nur verdrängt und nicht ausreichend reflektiert“, sagt Psychotherapeutin Monika Ridinger, Chefärztin der Oberberg-Klinik Berlin/Brandenburg, die auf die psychologische Beratung von Polizisten spezialisiert ist. Die Beamten würden Schwächen nicht eingestehen. Angst, Nervosität, Schlafstörungen und sogar eine bleibende Traumatisierung können die Folge sein. Die Chefärztin ist der Ansicht, dass Polizisten und ihre Angehörigen mit dieser seelischen Belastung allein oftmals gelassen werden. Eine ständige psychologische Begleitung hält die Spezialistin für sinnvoll.

Der erschossene Kroate kannte sich mit Schusswaffen aus und war auch in der Lage, Kriminellen solche zu beschaffen. Die Pistole, mit der am Abend des 3. November in Mitte der Unternehmer Friedhelm Sodenkamp (59) erschossen wurde, hatte er an Adam M. ausgehändigt.

Rückblick: Der 41-jährige polnische Staatsbürger hatte nach den Erkenntnissen der Kripo dem 59-jährigen Sodenkamp aufgelauert, als er mit seinem Jagdhund auf der Fischerinsel spazieren ging. An der Uferpromenade zwischen Roßstraßenbrücke und Grünstraßenbrücke schlug Adam M. gegen 19.25 Uhr zu. Der Auftragskiller mit Wohnsitz in Schönberg streckte sein Opfer mit Pistolenschüssen aus nächster Nähe in den Kopf nieder. Der Geschäftsführer einer Immobilienverwaltung starb trotz Reanimationsversuchen noch auf der Uferpromenade, in Höhe der Hausnummer Fischerinsel 6.

Nach der Tat hatte sich der Todesschütze nach Indien abgesetzt. Berliner Zielfahnder konnten den Polen vier Monate später, im März 2009, in Goa aufspüren und festnehmen.

Die mutmaßlichen Auftraggeber des Killers hatten die Ermittler der 7. Mordkommission bereits im Dezember 2008 festnehmen können.

Hintergrund des Mordes scheint eine geschäftliche Auseinandersetzung des Opfers um ausstehende Zahlungen an die Reinickendorfer Baufirma zu sein. Der am 11. Dezember festgenommene Torsten V. (47) hatte ein Teilgeständnis abgelegt. So konnte eine Woche später auch sein mutmaßlicher Komplize Benjamin L. (30) am Frankfurter Flughafen festgenommen werden. Der Prozessbeginn gegen die drei Männer steht noch nicht fest.

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