Integration

Musliminnen sitzen im Sportunterricht oft am Rand

Muslimische Schülerinnen nehmen in Berlin am Sportunterricht teil - offiziell. Tatsächlich sitzen sie oft am Rand. Mit Kopftuch und langen Kleidern können sie viele Turnübungen nicht machen, im Sommer droht Überhitzung. Eltern und Lehrer finden keine Lösung des Problems.

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An der Grundschule in der Köllnischen Heide im Berliner Bezirk Neukölln ist es offiziell kein Problem: Alle Schülerinnen nehmen am Sport- und auch am Schwimmunterricht teil. Alle, obwohl etwa 50 Prozent der Schüler Muslime sind. "Wir haben hier einen staatlichen Bildungsauftrag zu erfüllen, und der sieht Schwimm- und Sportunterricht vor", sagt die Schulleiterin Astrid-Sabine Busse. Da viele der Muslimas kein Kopftuch trügen, sei das auch eigentlich kein Thema, meint sie.

Doch was an anderen Schulen in Deutschland schon ein Problem ist, droht nun auch in Berlin. So hat eine Umfrage der Deutschen Islam-Konferenz zwar ergeben, dass fast jede Muslima am Sportunterricht teilnimmt und auch nur sieben Prozent nach eigenen Angaben dem Schwimmunterricht fernbleiben. Doch die Praxis ist sehr viel komplizierter. Denn mit Kopftuch und Kleid können die Mädchen an vielen Übungen nicht teilnehmen. Sie sitzen am Rand und schauen ihren Mitschülern beim Sport zu.

Auch an der Grundschule in der Köllnischen Heide nimmt in letzter Zeit die Zahl der traditionell gekleideten muslimischen Schülerinnen zu. "Im letzten Jahr sind etwa 40 arabische Familien in die Gegend gezogen", sagt Astrid-Sabine Busse. Deren Töchter kleiden sich mit Stirnband, Kopftuch und langen, figurverhüllenden Kleidern – auch im Sport- und Schwimmunterricht. Und das birgt einige Gefahren. "Die langärmligen Kleider behindern sie beim Geräteturnen", weiß Astrid-Sabine Busse von ihren Sportlehrern. Reck, Balken und Bock fallen somit aus. Beim Bodenturnen gibt es ein ähnliches Problem: Der Lehrer kann die Schülerinnen beim Handstand nicht stützen und damit ihre Sicherheit nicht gewährleisten. "Die Schülerinnen können an diesen Übungen nicht teilnehmen." Bedenken hat sie auch im Sommer bei 30 Grad Celsius, wenn die Muslimas mit Kopftuch und langem Pulli auf dem Sportplatz erschienen. Ausdauersport würde die Schülerinnen gefährden, sie könnten überhitzen.

Außerdem könnten sich die Schülerinnen an der Befestigung des Kopftuches mit Metallklämmerchen verletzen. Astrid-Sabine Busse wäre es am liebsten, wenn das Tragen von Kopftüchern in der Schule verboten würde. Wie in Schulen in der Türkei. "Die Kleidung belastet die jungen Mädchen ja auch."

Zum Schwimmen ziehen die Schülerinnen Gymnastikanzüge aus Elasthahn an, die den ganzen Körper bedecken, auf dem Kopf tragen sie Gummihauben. "Das ist eigentlich unhygienisch", meint Astrid-Sabine Busse. Doch sie drücke ein Auge zu, denn es sei wichtiger, dass die Mädchen schwimmen lernen.

Die Situation in der Grundschule in der Köllnischen Heide ist in der deutschen Hauptstadt kein Einzelfall. "Die Muslimas kommen zum Schwimm- oder Sportunterricht, sitzen dort aber an der Seite und schauen zu", sagt Schulstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) aus Neukölln. Die deutsche Islamkonferenz empfiehlt nun, mit den Eltern zu reden und sie einzubeziehen. Doch das sei nicht immer einfach, sagt Stadtrat Schimmang. "Die Lehrer sind bereits sehr bemüht, mit den Eltern in Dialog zu treten." Diese seien jedoch nicht immer gesprächsbereit, viele Väter würden den Lehrerinnen noch nicht mal die Hand geben. Manche sprächen nicht ausreichend Deutsch oder interessierten sich nicht für die Ausbildung ihrer Töchter. Immer wieder treten muslimische Eltern an ihn heran, weil sie ihre Töchter vom Schwimmunterricht befreien möchten. Doch in Berlin werden entsprechende Anträge nicht bewilligt.

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