Anschlag bei Demonstration

Polizei untersucht die Selbstbau-Splitterbombe

Bei dem Sprengsatz, der am Wochenende zwei Polizisten verletzte, handelt es sich offenbar um eine selbst gebaute Splitterbombe, gespickt mit Scherben und Nägeln. Die Polizei sucht nun die macher einer Bauanleitung für Sprengsätze, die in Berlin verbreitet wurde.

Offiziell hielt sich die Polizei zur Beschaffenheit des Sprengsatzes mit Auskünften zurück. Die gesicherten Beweise müssten zunächst sorgfältig von Kriminaltechnikern des Landeskriminalamts (LKA) untersucht werden, sagte ein Sprecher. Nach Informationen von Morgenpost Online handelt es sich bei dem gezündeten Sprengsatz aber mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Splitterbombe, möglicherweise gefüllt mit Nägeln und Glasscherben. Dafür spreche, dass den verletzten Beamten unter anderem Metallteile entfernt wurden, hieß es aus Ermittlerkreisen. Der Polizeisprecher bestätigte dagegen lediglich, den Beamten seien "verschiedene Gegenstände" herausoperiert worden.

Die Ermittlungen zu dem Vorfall führt der Staatsschutz, dort wurde ein Verfahren wegen versuchten Totschlags eingeleitet. Derzeit wird vor allem Film- und Bildmaterial ausgewertet, das vor, während und nach der Detonation entstand. Davon erhoffen sich die Ermittler weitere Hinweise auf die Täter. "Eine heiße Spur haben wir noch nicht, aber es gibt vielversprechende Ermittlungsansätze", sagte ein Staatsschützer gestern.

Die Explosion vom Sonnabend

Quelle: Youtube

Während Politiker und Gewerkschafter die Tat einhellig verurteilen, ist die Stimmung unter den Initiatoren der Demonstration und in der linksextremistischen Szene eine ganz andere. Zu dem Anschlag äußerte sich ein Sprecher des Veranstalters nicht, stattdessen kritisierte er scharf das "martialische Auftreten der Polizei" und die seiner Auffassung nach übertriebene Härte. Auch in Internetforen der linken Szene wurde die Polizei heftig kritisiert und zum Teil aufs Übelste beschimpft. "Bullenterror auf Krisendemo" schrieb das in der Szene beliebte und viel benutzte Internetportal Indymedia in gewohnter Manier.

Wie Morgenpost Online aus Polizeikreisen erfuhr, stellen die Behörden seit Längerem fest, dass militante Gruppen der linksextremistischen Szene massiv aufrüsten. Erst vor Kurzem wurden bei einer Razzia selbst gebastelte Abschussvorrichtungen für präparierte Sprengsätze beschlagnahmt. Auch bei dem am Sonnabend gezündeten Sprengsatz könnte eine solche Vorrichtung durchaus benutzt worden sein, sagte ein Ermittler. "Dass sind aber alles Dinge, die zunächst einmal sorgsam überprüft werden müssen, für endgültige Feststellungen ist es noch zu früh", so der Beamte.

Vor knapp sechs Wochen hatte die Feuerwehr nach den teils gewalttätigen Auseinandersetzungen zum 1. Mai am Ostbahnhof einen Sprengsatz gefunden. Die "amateurhaft angefertigte Sprengvorrichtung" war zündfähig: ein etwa 20 Zentimeter langes, schmales Eisenrohr mit geschlossenen Enden, gefüllt mit Schwarzpulver und mit einer einfachen Zündschnur versehen. Eine Detonation des Sprengsatzes hätte, laut Polizeiangaben bei Personen in der näheren Umgebung durchaus schwere Verletzungen verursachen können. Umher fliegende Metallsplitter hätten unter Umständen sogar tödlich sein können.

Geprüft wird derzeit auch ein möglicher Zusammenhang zwischen dem am Sonnabend verübten Anschlag und einem seit Wochen in der linksextremen Szene kursierenden Leitfaden für "Aktionsformen", der unter anderem auch detaillierte Beschreibungen für die Herstellung von Sprengsätzen aller Art enthält. Unter "Aktionsformen" verstehen die Autoren des Werkes das Anzünden von Autos, das Umsägen von Strommasten, die Zerstörung von Bahnoberleitungen und eben auch die Herstellung von Sprengsätzen mit Zeitzündern. Präzise wird beispielsweise der leicht durchführbare Umbau von sogenannten Polenböllern dargestellt, aus denen dadurch eine lebensgefährliche Waffe wird. Komplettiert wird der 80-seitige Leitfaden mit langatmigen und bizarren Erklärungen, wonach Gewalt legitimer Ausdruck des Protestes und ein zulässiges Mittel in der politischen Auseinandersetzung ist.

In den vergangenen Wochen wurden mehrfach Szeneläden und Kneipen in Kreuzberg und Friedrichshain durchsucht. Dabei konnten die Beamten zahlreiche dort ausliegende Exemplare der Anleitung sicherstellen. Die Initiatoren konnten bislang trotz intensiver Ermittlungen noch nicht ausgemacht werden. Als verantwortlich für das vor allem in Berlin und Hamburg kursierende Machwerk zeichnet eine Person oder Gruppe unter dem Fantasienamen "Luna Tics" mit Sitz in "20123 Nächtens". Weder die Postleitzahl noch der Ort existiert.

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