Bildungsstreik

Warum Schüler, Lehrer und Studenten streiken

Zehntausdene Schüler, Studenten und Lehrer demonstrieren in ganz Deutschland für ein besseres Bildungssystem. Morgenpost Online gibt einen Überblick über die Forderungen der Demonstranten.

Die Studenten

An der Freien Universität hatten sich die Studenten auf einer Vollversammlung mehrheitlich für den Streik ausgesprochen. Mehr als 1300 Studierende hatten an der Versammlung teilgenommen und 300 Studenten hatten anschließend das Präsidium an der Thielallee besetzt und unter anderem die Aussetzung der Anwesenheitspflicht gefordert. Die Universitätsleitung wollte am Abend die Besetzer von der Polizei räumen lassen. Nachdem den Studenten Straffreiheit zugesichert worden war, zogen sie friedlich ab.

Vom Senat fordern die Studenten vor allem eine bessere Finanzierung der Lehre. In Berlin wird derzeit um die Grundfinanzierung gestritten. Die Hochschulen benötigen nach eigenen Angaben 183 Millionen Euro, um Tarifsteigerungen und andere Mehrbelastungen ohne Personalabbau ausgleichen zu können. Auf der Liste der Forderungen steht auch die Abkehr von den verschulten Bachelor- und Master-Studiengängen. „Ich streike nicht nur für die finanzielle Absicherung der Universität. Wir wollen auch unseren Uni-Präsidenten, Dieter Lenzen, in die Pflicht nehmen. Von ihm fordern wir die Abschaffung der Anwesenheitspflicht in den Bachelor-Studiengängen und den Wechsel zwischen den Studienfächern zu ermöglichen“, sagt Ben Stotz, Student der Religionswissenschaft und Lateinamerikanistik an der FU.

Auch Lara Nitzsche von der TU will gegen die Verschulung des Hochschulsystems streiken. „Durch die starren Stundenpläne beim Bachelor können sich die Studenten die Kurse nicht mehr selbst zusammenstellen“, sagt sie. Neben dem Studium zu arbeiten, sei dadurch kaum möglich. Viele Studenten seien aber auf den Nebenjob angewiesen, sagt die 21-jährige Soziologie- und Technikstudentin

Etwa 100 Psychologiestudenten der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität haben sich am Dienstag um 11 Uhr im Roten Rathaus versammelt und dort im oberen Foyer Seminar und Vorlesung abgehalten. „Wir stellen keine Forderungen auf, sondern wollen nur ein Modell vorstellen, das zeigt wie die Universität zu mehr Geld kommen könnte“, sagte Seminarleiter Linus Neumann.

Sämtliche Veranstaltungen sollten einfach in öffentliche Räume verlegt werden. Dann könne die Uni ihre Räume untervermieten und Geld einnehmen, lautete der provokante Vorschlag der Psychologiestudenten, der alles andere als ernst gemeint war. Ziel der Aktion im Roten Rathaus sei es, auf die Sparmaßnahmen hinzuweisen, die den Universitäten drohen, betonte auch Jaap Denissen, Professor für Persönlichkeitsentwicklung an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Allein der Humboldt-Universität würden im kommenden Jahr fünf Millionen Euro fehlen.

Die Schüler

Vor allem an den Gymnasien gibt es kaum Schüler, die nicht über die Aktion Bildungsstreik informiert sind. „Hier ist der Streik ein großes Thema unter den Schülern“, sagt Michael Wüstenberg, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding. In den vergangenen Tagen seien immer wieder Flyer vor der Schule verteilt worden. Inzwischen wisse wohl jeder, worum es geht. Am Lessing-Gymnasium müssen die Schüler, die sich am Streik beteiligen, einen unentschuldigten Fehltag in Kauf nehmen. Weitere Konsequenzen soll es nicht geben.

Die Schule werde nicht verschlossen, so Wüstenberg. Aber die Lehrer achteten vor allem bei den sechsten und siebenten Klassenstufen darauf, dass die Jüngsten nicht entwischen. Schließlich gebe es auch eine Aufsichtspflicht. Die Schüler fordern unter anderem Lernmittelfreiheit, kleinere Klassen, die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems zugunsten von Gesamtschulen und eine Abkehr vom „Turbo-Abitur“ in zwölf Jahren.

"Ich streike für mehr Mitbestimmung an der Schule, zum Beispiel was die Lehrpläne betrifft oder auch wie Gelder verwendet werden“, sagt Karla Metzkow vom Kollwitz-Gymnasium in Prenzlauer Berg. Obwohl sie selbst ein Gymnasium besucht, tritt sie für die Abschaffung der Schulform zugunsten einer Gesamtschule ein. „So lange es das Gymnasium neben der Sekundarschule gibt, wird es immer so sein, dass es von den Eltern abhängt, ob man Abitur macht oder nicht. Das ist ungerecht“, sagt die 17-Jährige.

Die Lehrer

Bislang ungewiss ist, wie viele Lehrer dem Aufruf der GEW zum Warnstreik folgen werden. Der Aufruf richtet sich an die 5000 angestellten Berliner Lehrer, die für eine bessere Bezahlung kämpfen. Die angestellten Pädagogen erhalten wesentlich weniger Geld als ihre verbeamteten Kollegen. Angesichts des bundesweiten Lehrermangels droht eine Abwanderung der Fachkräfte in andere Bundesländer, die ihre Lehrer weiterhin verbeamten.

„Genau aus diesen Gründen streike ich“, sagte Frank Haunschild (37), Lehrer für Sozialkunde und Bautechnik am Oberstufenzentrum für Holztechnik in Weißensee. Hinzu komme, dass die Bildungsverwaltung den jungen angestellten Lehrern bereits im Februar versprochen habe, sie in eine höherer Erfahrungsstufe einzugruppieren, damit sie bis zu 1200 Euro brutto mehr verdienen. Dieses Versprechen sei aber bisher nicht eingelöst worden. „Ich glaube, dass man abwarten will, wie viele Kollegen tatsächlich die Stadt verlassen wollen, und erst dann handeln wird oder auch nicht“, so Haunschild.

mit dpa

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