Trickfilm

Der kleine König kommt aus Kreuzberg

Wer Kinder hat, der kennt den kleinen König. De liebenswerte Dickkopf ist einer der Stars des "Sandmännchen". Längst gibt es ihn aber auch in Büchern und Hörspielen. Hedwig Munck zeichnet den kleinen Kerl in ihrer Kreuzberger Wohnung - um Kindern den Rücken zu stärken.

Zuletzt hatte Hedwig Munck dann doch Angst, zum Sandmännchen zu gehen. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann war sie irgendwann 1980 couragiert in den rostigen Renault gestiegen, vier Stunden von Berlin durch die DDR gen Hamburg geschlichen, um dann unten beim Norddeutschen Rundfunk, da, wo damals „Das Sandmännchen“ herkam, „doch noch einen Riesenbammel“ zu bekommen. Ihr Freund sprach also allein vor, präsentierte Trickfilm-Ideen und kehrte mit strahlendem Grinsen zurück. Von da ab war Hedwig Munck im Geschäft und der spätere Tummelplatz für „Der kleine König“ gefunden.

Der nimmermüde Bursche mit der mächtigen Goldkrone kommt aus dem Chaos. Tag für Tag entsteht er neu wenn sich Hedwig Munck in ihrem Kreuzberger Dachgeschoss über die digitale Malplatte lehnt und Ideen in Bildergeschichten verwandelt. Dann sitzt sie in einem Durcheinander aus herabhängenden Kabeln, Steckern, Faxgeräten, Digitalmaschinen, Stapeln von CD-Rs und Monitoren. Im Kino sehen so die Buden skrupelloser Hacker aus.

Zwölf Einzelaufnahmen braucht es für den kleinen König da, um durch den Flur seines Schlosses zu gelangen. Behände setzt Hedwig Munck ihn aus einer Auswahl von Beinen, Köpfen, Armen und Körpern zusammen: ein Satz Beine für den ersten Schritt, dann aus dem Menü das nächste Paar für die kommende Einstellung gewählt. Vielleicht plappert er irgendetwas, dann wird mit mehreren Köpfen gearbeitet, vielleicht grübelt er, dann wird ein bewegtes Gesicht gebraucht. „Unsere Zuschauer“, weiß Hedwig Munck, „schätzen, dass bei uns nicht alles zugequatscht wird, dass unsere Figuren viel nur mit Mimik sagen.“ Schließlich ist der Bewegungsablauf zusammengesetzt und – Knopfdruck! – der kleine König eilt seinem Schlafzimmer entgegen.

Sogar Goldene Schalplatten brachte der König schon ein

Die Hi-Tech-Malstube steckt im Bauch einer zweigeschossigen Dachwohnung auf Kreuzberger Seite der Oberbaumbrücke. Die Hausfassade ist Graffiti-bemalt, ein Coffeeshop und ein Geschäft für grelle Öko-Mode haben im Erdgeschoss die Türen in der Frühlingshitze weit geöffnet. Oben ist’s ähnlich mediterran. An den ausgebauten Dachboden erinnern rohe Pfeiler. Es gibt Dielen, die bei jedem Schritt knarren, helle Leinenvorhänge, einen Bacchus-Kopf, aus dessen Mund in der Küche das Wasser fließt. Die Muncks verbringen einen Großteil des Jahres in ihrem Bauernhaus auf Sardinien und viel anders sieht es darin auch nicht aus.

Ihr kleiner König aber hat ein Zuhause in hunderttausenden deutscher Kinderzimmer. Als Buch, Kissen, Kuschelwesen. In Friedenau gibt es gar einen Königs-Spielplatz. Eine Million Tonträger sind verkauft, weitere 150.000 Hörspiele wurden abgesetzt: „Mein Mann, der für den Ton zuständig ist, liebt es zu erzählen, dass wir zwei goldene Schallplatten gewonnen haben. Da kann er sich wie ein Popstar fühlen – bis er die Titel der verkauften CDs und Videos nennen muss“, lacht die 54-Jährige. „Für einen Mann ist das ja mitunter schwer zu tragen, Vorschul-Kunst zu machen.“

Mann, Frau, Feminismus: das waren Themen, die Hedwig Munck vor 30 Jahren noch verbissener sah. Die heute vor Vitalität und Freude an den Kuriositäten des Lebens bald übersprudelnde Mutter zweier erwachsener Kinder zog damals aus der Reutlinger WG ins Berlin von Alternativer Liste und Anti-Atom-Demos. „Ich hatte das Studium für eine Karriere als Grundschullehrerin abgeschlossen, aber nun wollte ich in Berlin ein bisschen über meine Zukunft nachdenken.“ Das ließ sich auf einzigartige Weise mit dem neuen Job als Verteilerin von Katalogen für die Post verbinden. Ihren Werdegang allerdings bestimmte letztlich der Zufall. Weil es nun noch ein Studium an der Hochschule der Künste sein sollte, konnte sie dort Kommilitone Andreas begegnen, sich verlieben und an seiner Seite ins Trickfilm-Business einsteigen, wo ein erster Erfolg der Sendeplatz beim Sandmännchen werden sollte.

Der Sohn diente als Vorbild für die Figur

Trickfilme mit unterschiedlichen Figuren für „Sesamstraße“ oder „Siebenstein“ kamen hinzu. 1997 aber gebar Hedwig Munck ihre Premiummarke und am 3. März des folgenden Jahres ertönte televisionär erstmalig die Fanfare, mit der die griffigen Fünfminüter beginnen. „Er ist eins zu eins Abbild meines Sohnes David“, verrät Munck amüsiert. Der heute 24-Jährige habe anfangs nicht verstanden, warum er nicht immer erster sein konnte, warum er in der Kita – von Eltern um die Ecke selbst gegründet – auf Wünsche anderer Rücksicht nehmen musste, warum er nicht immer seinen Kopf durchsetzen durfte. Und dann ist da noch die Eigenschaft, Probleme aufzuschieben, bis sich die Dinge selbst regeln. Wo ihre zwei Jahre jüngere Tochter Lilith sich ein Austauschschuljahr in Denver von der Aufenthaltsgenehmigung bis zur Finanzierung jüngst selbst organisierte, habe David am letzten Tag vor Ablauf deutscher Studien-Anmeldungsfristen eben mal bei Google eingegeben: „Wirtschaftsingenieur“ und „kein Numerus Clausus“. Die Suchmaschine antwortete: „Uni Braunschweig“ – und dort studiert er nun.

Weitere Inspiration bieten die Spaziergänge durch den Bezirk. „Meine Freunde sagen, ich sei keine echte Kreuzbergerin: ‚Du schaust gar nicht ordentlich muffig drein’ “, sagt Hedwig Munck. Wer ihre kleinen Filme sieht, merkt schnell, dass es ihr auf das Abbilden der kindlichen Kauzigkeiten und menschlichen Schwächen ankommt. Schauspieler Jochen Menzel ermahnt und befragt den kleinen König mit Erwachsenenstimme, und spricht zugleich dessen Repliken. Und die sind sehr selbstbewusst, manchmal mit „Mir-doch-egal“-Haltung. „Der kleine König, das sind die Zuschauer, die Kinder. Sie finden sich in ihm wieder, und die Eltern erkennen Verhalten ihrer Kinder.“ Wohl passend zum antiautoritären 70er-Gefühl sagt sie, dass der kleine König den Kindern nicht viel beibringen möchte. „Eher will er ihnen den Rücken stärken, sie anregen und ihren Tatendrang unterstützen.“

„Mensch, sie haben ja eine furchtbare Arbeit“ hat ihr neulich daheim der Schornsteinfeger erklärt, als er sie beim Zeichnen sah. „So’n Bild ham’se doch schon letztet Mal jemacht.“ Aber Hedwig Munck wird nicht müde, ihren Protagonisten in immer neue Episoden und Alltags-Abenteuer zu schicken. „Denn wenn am Ende die Bilder sich bewegen, wenn die Musik dazukommt und die Stimmen: Dann gibt es für mich nichts Schöneres auf der Welt.“