Kollwitzplatz

Die Kinderwagen-Hasser von Prenzlauer Berg

Unter Dieben hat es sich längst herum gesprochen: Die Gegen um den Kollwitzplatz ist eine prima Beutezone für hochpreisige Kinderwagen. Doch einige mögen die Wagen dort überhaupt nicht. Eltern empören sich über Verbots-Graffitis.

Foto: Christian Schroth

Ein tellergroßer roter Kreis ist auf die grauen Steinplatten gesprayt, darin, schon leicht verblasst, prangt in Schwarz ein Kinderwagen. "Durchfahrtsverbot" soll das Zeichen auf dem Gehweg vor dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg bedeuten. Sechs Mal hat der Urheber es entlang des verschwenderisch breiten Gehweges neben der Kollwitzstraße am vergangenen Wochenende verteilt.

Fast belustigt sehen Kim Stolic und Katrin Baier auf das Graffito hinab. "Das ist ja noch zaghaft", sagt Kim Stolic, die mit ihrer Freundin, deren Tochter und ihrem eigenen Sohn Konstantin heute Nachmittag im Kollwitzkiez spazieren geht. Die beiden Frauen schieben zwei große, nicht ganz billige Kinderwagen - gegen Mütter wie sie, die hier nebeneinander in mäßigem Tempo flanieren, richtet sich der stumme Protest unter ihren Füßen. "Ich finde das schon eine Frechheit", schaltet sich Katrin Baier ein, die unweit im Bezirk Mitte lebt. "Ich habe das Gefühl, die Stimmung schlägt gerade um. Vor ein paar Jahren fanden alle es noch toll, dass hier so viele junge Leute Kinder bekommen", sagt die 34-Jährige und erzählt, dass ihr eben erst in Mitte jemand "Scheißkinder" hinterhergerufen habe. Katrin Baier kann über den Vorfall lachen. Sie weiß, dass die Mütter in der Überzahl sind.

Kinderfreier Nebenraum im Café

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass die schon fast sprichwörtlich hohe Kinderdichte im Prenzlauer Berg Anlass zur Diskussion gibt. Erst im März hatte das Café Niesen in der Schwedter Straße, das von ausgesprochen kinderfreundlichen Inhabern betrieben wird, mit einem kinderfreien Nebenraum eine Welle der Entrüstung losgetreten. Die entpuppte sich allerdings schnell als Sturm im Wasserglas. Der Vorwurf der Kinderfeindlichkeit galt spätestens dann nicht mehr, als selbst zur Sache befragte Eltern sagten, sie seien froh über einen ruhigen Platz zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen.

Dann kam Ende vergangener Woche die Meldung der Polizei, dass in Prenzlauer Berg so viele Kinderwagen aus Hausfluren und vor den Türen von Kindertagesstätten gestohlen werden wie in keinem anderen Bezirk in Berlin. 60 Stück seit Jahresbeginn. Selbst Kriminelle haben also mittlerweile registriert, dass in Prenzlauer Berg besonders viele teure Gefährte wohlhabender Eltern zu finden sind, Luxusmodelle mit hohem Wiederverkaufswert.

Genau die blockieren nun scheinbar allzu oft die Gehwege in Husemann-, Knaack- und Rykestraße, zum Ärger anderer Anwohner, die es eilig haben. "Ich habe selbst Kinder und finde die Kleinen auch wirklich niedlich. Aber mir ist es auch schon öfter passiert, dass ich Mütter freundlich frage, ob ich vorbei darf, und dann dafür noch einen Spruch kassiere", sagt Manuela Zahradnik, die an der Choriner Straße wohnt. Dank eines Spielzeugladens unten im Haus hat sie oft mit einem zugeparkten Gehweg zu kämpfen. "Es muss einfach gegenseitige Rücksichtnahme herrschen, dann ist das auch kein Problem", sagt Manuela Zahradnik.

Auch Axel Rautenberg, selbst Vater und Inhaber des Cafés Anna Blume an der Ecke Kollwitz- und Sredzkistraße, kennt Mütter "denen es egal ist, ob die Kellner im Café noch durchkommen oder nicht". Für den 42-Jährigen, der seine kleine Tochter in einem schwarzen Kinderwagen um den Kollwitzplatz chauffiert, damit sie ihr Mittagschläfchen hält, ist das aber kein Grund für Ärger. "Dann geht man eben hin und bittet freundlich darum, den Wagen umzuparken." Die Sprayereien auf dem Gehweg hält Rautenberg für "kompletten Blödsinn". Engpässe auf den Gehwegen hat er hier noch keine erlebt.

Etwas weiter östlich, in der Nähe des Helmholtzplatzes, ist die Gehwegsituation tatsächlich schwierig. "Bei uns stehen die Kinderwagen schon mal in drei Reihen vor der Tür. Da bleibt dann nur noch ein schmaler Durchgang", erzählt Cornelia Kolenda, Inhaberin des Café Spielzimmer an der Schliemannstraße.

Mehrmals am Tag Beschwerden

Mehrmals am Tag muss sie die Mütter bitten, ihre Wagen umzuparken, oft beschweren sich Passanten und Anwohner. Aber eine Lösung für das Problem zu finden, ist gar nicht so einfach. "Um die Kinderwagen in den Hof zu stellen, bräuchten wir die Zustimmung aller Mieter. Aber viele haben selbst keine Kinder und wollen kein Kindergeschrei im Hof", sagt Kolenda. Momentan behilft sie sich damit, bei schlechtem Wetter keine Tische vor das Spielzimmer zu stellen, damit mehr Platz für Bugaboo und Co. bleibt. "Man könnte von beiden Seiten rücksichtsvoller sein. Die Eltern könnten ein wenig mehr Platz lassen und die alteingesessenen Anwohner müssen sich eben daran gewöhnen, dass sich im Laufe der Jahre etwas verändert", findet die Gastronomin.

Etwas strikter sieht Ursula Karpowitsch, die auch mit Kinderwagen unterwegs ist, die Sache mit den Graffitis: "Man weiß doch, dass das ein Bezirk ist, in dem viele junge Familien wohnen. Wen das stört, der soll wegziehen." So wie jene Bekannte von Katrin Baier, die noch keine Kinder hat. Der soziale Druck auf die Singlefrau war einfach zu hoch.

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