Statistik

Zahl der vernachlässigten Kinder in Berlin steigt

Schlechte Schulleistungen, mangelnde Hygiene, wenige Sozialkontakte - das alles sind Warnzeichen, wenn Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden. Die Fallzahlen in Berlin steigen. Doch ausgerechnet in sozial schwachen Kiezen gibt es die geringste Betreuung.

Es ist eine der traurigsten Statistiken Berlins, die von der Senatsverwaltung für Gesundheit am Dienstag veröffentlicht wurde. Demnach sind erneut mehr Verdachtsfälle, in den Kinder vernachlässigt oder misshandelt wurden, gemeldet worden. Der Bericht über die Arbeit des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes (KJGD) für das Jahr 2008 zeigt, dass bei 1302 Kindern im Alter von null bis unter 18 Jahren ein Verdacht auf die sogenannte Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde. Im Jahr 2007 waren es 1123 Kinder. Das ist ein Anstieg von 16 Prozent.

Im Jahr 2006 wurden 986 Verdachtsfälle gemeldet. Eine aktuellere Statistik könne die Senatsgesundheitsverwaltung nicht vorlegen, da die Gesundheitsdienste in den Bezirken nicht früher die Zahlen lieferten, hieß es.

Unter Kindeswohlgefährdung fallen zwei Kategorien, erklärt Sabine Hermann, Arbeitsgruppenleiterin für die Gesundheitsberichterstattung bei der Senatsverwaltung. Zum einen die unzureichende Befriedigung der Grundbedürfnisse, zum anderen Misshandlungen. Zeichen für Vernachlässigungen und für Misshandlungen seien Kontaktschwäche, plötzlicher Leistungsabfall in der Schule, Sprachstörungen, Einnässen in einem Alter, wo dies nicht mehr vorkommen sollte, häufige Fehlzeiten in Schule oder Kita, Abschürfungen oder blaue Flecken.

Auch wenn Kinder zu sehr später Uhrzeit auf Spielplätzen herumtoben, wenn sie keine altersgerechte oder gar zerlumpte Kleidung tragen, wenn sie eine schlechte Körperhygiene aufweisen oder ihre Zähne sehr krank oder schlecht gepflegt sind, sei das alarmierend.

Solche Anzeichen registrierten Ärzte und Sozialarbeiter der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste bei direkten Kontakten mit den Familien. Aber auch Unbeteiligte melden solche Verdachtsfälle zunehmend über die rund um die Uhr geschaltete Hotline ( 030/610066 ) an die Behörden. Bei derartigen Verdachtsfällen diskutieren zunächst die Ärzte und Sozialarbeiter, ob sie den Eltern beratend zur Seite stehen können oder ob das Jugendamt oder die Polizei eingeschaltet werden müssen, sagte Hermann.

Ursachen für die Kindeswohlgefährdung seien zumeist eine belastende wirtschaftliche, rechtliche oder psychosoziale Lage im Elternhaus. Den höchsten Beratungsbedarf hätten Familien, die in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation lebten – zum Beispiel wegen Arbeitslosigkeit oder Überschuldung. Aber auch Familien, in denen es schwere gesundheitliche Probleme gäbe, hätten einen erhöhten Beratungsbedarf.

Bei ihren Bemühungen stoßen die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste in Berlin offenbar an ihre personellen Grenzen. So belegt die Statistik, dass die Sozialarbeiter ausgerechnet im sozialschwachen Bezirk Neukölln die wenigsten Hausbesuche bei Eltern machen. Als Grund nennt Sabine Hermann die mangelhafte personelle Ausstattung der Dienste. Der Beratungsbedarf sei vor allem bei Familien aus Neukölln und aus Friedrichshain-Kreuzberg besonders hoch. Zum anderen falle Ärzten gerade in diesen Kiezen die Kommunikation mit den Familien oft schwer, da viele Eltern nicht ausreichend die deutsche Sprache beherrschten, erklärte die Vertreterin der Gesundheitsverwaltung.