Jedermann-Radrennen

Tragischer Sturz überschattet Berliner Velothon

| Lesedauer: 7 Minuten
Markus Falkner und Alexander Krex

Der 3. Velothon ist ein Renner geworden: Mehr als Zehntausend Radler rollten auf Straße und Landebahn durch Berlin. Leider hat ein schwerer Unfall Deutschlands zweitgrößtes Jedermann-Rennen überschattet: Ein Radfahrer stürzte und riss dabei einen Streckenposten zu Boden. Der Helfer schwebt in Lebensgefahr.

Mehr als 10000 Radler sind beim 3.Velothon Berlin an den Start gegangen, 9409 von ihnen haben die Ziellinie erreicht. Überschattet wurde das zweitgrößte Jedemann-Rennen in Deutschland allerdings von einem schweren Unfall.

Kurz nach 12 Uhr war in Neukölln an der Kreuzung Kottbusser Damm und Weserstraße ein Radfahrer aus bislang unbekannter Ursache gestürzt. Er riss dabei einen Streckenposten zu Boden, der dabei mit dem Kopf gegen eine Bordsteinkante prallte. Während der Radler das Rennen fortsetzen konnte, musste der freiwillige Helfer von einem Notarzt versorgt werden. Mit schwersten Kopfverletzungen wurde der 63 Jahre alte Mann aus Lichtenrade in ein Krankenhaus gebracht. Er liegt dort auf einer Intensivstation und schwebt nach Polizeiangaben in Lebensgefahr.

Bislang ist die Identität des Unfallfahrers ungeklärt. Die Polizei bittet darum, dass sich der Radler bei ihnen meldet. Die Beamten nehmen an, dass er weitergefahren ist, weil er sah, dass sich andere Personen um den gestürzten Mann kümmerten.

Jubel und Glück im Ziel

Da der schwere Unfall erst nach dem Zieleinlauf für das Rennen auf der Straße des 17. Juni bekannt wurde, war die Stimmung dort vor allem von Glück, Freude und Erschöpfung bestimmt.

Jubelschreie, eine Umarmung und ein verblüffter Blick auf die Uhr. „Etwas über drei Stunden. So schnell war ich noch nie“, freute sich etwa Anja Degeroth aus München. Wenige Minuten zuvor war sie auf der über die Ziellinie des Velothons gerollt – begleitet vom Jubel, von den Tröten und Rasseln Tausender Zuschauer. 120 Kilometer durch Berlin und Brandenburg lagen hinter den Radlern. Eine Strapaze, eine Tortur für Muskeln und Kopf. Aber das ist vergessen in diesem Moment. „Glücklich, nein, total überglücklich“ sei sie, sagte die 33-Jährige. Fast zehntausend sogenannte Finisher fühlten sich so oder ähnlich. Jeder im Ziel war ein Sieger. Und manche, wie Wolfgang Hoffmann aus Sachsen-Anhalt, brauchte dafür nicht einmal eine Bestzeit. „Das Rennen ist super, die Zeit total unwichtig“, sagte der drahtige Mann. Er ist 72 Jahre alt.

Drei Stunden zuvor gab es am trüben Sonntagmorgen nur ein Thema im Startbereich Unter den Linden: Das Wetter. Kalter Nieselregen fiel auf die Fahrer und die Prognosen ließen Schlimmeres befürchten. Von Schauern, Gewittern, sogar von Hagel war die Rede. Jeder hatte sich dafür seine eigene Strategie zurechtgelegt. Volker Engler aus Braunschweig etwa setzte auf seine Hightech-Regenjacke, Juliane Haupt aus Prenzlauer Berg im dünnen Shirt auf das Prinzip Hoffnung. Kristof Pöhla aus Spandau und seine Freunde Sönke und Leo sahen das Ganze sogar positiv. „Ich fahre lieber bei Regen als bei Hitze“, sagte der 19-Jährige.

Autofahrer sauer

Gemächlich setzte sich dann das Feld der 120-Kilometer-Fahrer in Bewegung. Als die letzten das Brandenburger Tor passieren, rollten die ersten Teilnehmer an der 60 Kilometer langen Tour bereits ins Ziel. Siegerposen: Arme streckten sich in die Höhe. Fäuste wurden geballt. Ein Winken für Fans oder die Familie hinter den Absperrgittern. In Dreierreihen standen die Fans an der Zielgeraden. Sie sahen viele freudige Gesichter. Es waren die zahlreichen Glücksmomente, die jedes Radrennen ausmachen. Das war bei der Tour de France so und beim zweitgrößten Jedermann-Rennen Deutschlands nicht anders.

Vor der Ankerklause am Kottbusser Damm fielen die Publikumsreaktionen verhaltener aus. Zwei übernächtigte Radrennfans saßen dort am Straßenrand. Um 9.35 Uhr jubelten sie den Velothon-Fahrern zu, der eine hob eine grüne Bierflasche zum Gruß, der andere einen Kaffeebecher. An dieser Stelle hatten die Radler bereits mehr als drei Viertel der Distanz geschafft. Ebenfalls am Fahrbahnrand stand Mario Paul. Der 30-Jährige trug eine neongrüne Weste, die ihn als Streckenposten auswies. „Wir achten vor allem darauf, dass kein Auto die Pylonen überfährt und auf die abgesperrte Fahrbahn kommt“, sagte er. Viele Autofahrer waren sauer, weil sie an diesem Vormittag nicht so vorankamen, wie sie wollten.

Auch Christian Wachholz kam zum Stehen. Dabei war er gar kein Autofahrer. Sein Fahrrad stand kopfüber am Straßenrand, auf dem Grünstreifen gegenüber der Moschee am Columbiadamm. Wachholz musste eine Zwangspause einlegen, um den Schlauch seines Hinterrades zu wechseln. „Auf dem Flughafengelände habe ich mir etwas eingefahren“, sagte er. Die Panne, die ihn zehn Minuten kostete, nahm er gelassen. Er habe es nicht auf eine bestimmte Zeit abgesehen. „Der Velothon ist für mich nur Spaß. Ich wollte unbedingt einmal auf abgesperrten Straßen durch meine Stadt fahren“, so der Köpenicker mit der Rückennummer 13767. Als er das Rad gerade wieder einsetzte, fügte er an: „Zum Glück bin ich kein Flugzeug.“

Für andere Radler war das Rennen vorzeitig beendet. Schon kurz nach dem Start erwischte es Jan Schmidt aus Prenzlauer Berg. Ein Sturz vor ihm, fünf Fahrer von hinten, keine Chance auszuweichen. Das Resultat war ein lädierter Ellenbogen und ein kaputtes Schaltwerk. Das Aus nach nur fünf Kilometern.

Heikel wurde es für die Schnellsten vor allem an einer Stelle, die für viele Gemächlichere zu den touristischen Höhepunkten der Strecke von 2010 zählt: Am Flughafen Tempelhof. Die enge, kurvige Einfahrt und der starke Wind auf der einstigen Rollbahn führten zu einigen Blessuren bei jenen, die auf der langen Distanz ganz vorn um die besten Plätze kämpften. Für andere, wie den Hobbyradler Hauke Hartje, war Tempelhof schlicht „das Highlight des Rennens“.

Trommeln und Sumpfvögel

Für Zuschauer wirkte der Streckenabschnitt fast beruhigend. Durch die Weitläufigkeit des Geländes schien sich das Tempo der Radler zu verlangsamen. Fast beschaulich fuhren die Velothonisten unter dem schweren, regenträchtigen Himmel über die stillgelegte Rollbahn, die kein Ende zu nehmen schien. Zu hören waren nur die Rufe der Krähen.

Richtig laut wurde es dagegen auf der Oberbaumbrücke. Dort, wo sich Friedrichshain und Kreuzberg vereinen, spielte die Percussion-Combo „Banda-Um“. Auch von der anderen Fahrbahnseite kamen Anfeuerungsrufe. „Pille, Pille, Pille“, schrieen Claudia und Antje. Der außergewöhnliche Ruf richtete sich an zwei Freunde aus Hamburg, die jeden Moment die Brücke passieren müssten. Claudia erklärte: „Pille, Pille, Pille ruft der masurische Sumpfvogel.“ Seitdem die Freunde vor kurzem in den Masuren im Urlaub waren, sei das ihr Schlachtruf. Sie hatten ihn auch auf ein Schild geschrieben. Drehte man das Schild um, stand dort „Ihr seid super“, ein Statement, das auch alle anderen Radsportler verstehen sollten. Sie hatten es nicht mehr weit bis zum Ziel.