Pläne für Losverfahren

Schulleiter empört über Zöllners Gymnasien-Lotterie

Über den Zugang zum Gymnasium soll nach Plänen von Bildungssenator Zöllner die Lostrommel entscheiden: Die Hälfte der Plätze soll ausgelost werden, wenn es an einer Schule mehr Anmeldungen als Kapazitäten gibt. Schulleiter und Bildungsexperten halten dies für völlig unpädagogisch.

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Von Unverständnis bis Empörung reichen die Reaktionen auf die von der Bildungsverwaltung vorgeschlagenen Zugangskriterien zu den Oberschulen. Vor allem das Losverfahren für Gymnasien oder Sekundarschulen, an denen es mehr Anmeldungen gibt als Plätze, sorgt für Aufregung.

„Das Losverfahren ist völlig unpädagogisch und im besten Fall gleichmäßig ungerecht“, sagt Wolfgang Harnischfeger, Rektor des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz und Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter. Bildungssenator Jürgen Zöllner hatte am Dienstagabend seinen Vorschlag für die Zugangsregelung zum Gymnasium vorgestellt. Die Neuregelung wird im Zuge der Schulreform nötig, nach der es nach der Grundschule nur noch Sekundarschulen und Gymnasien geben soll. Der Weg zum Abitur soll an beiden Schulformen möglich sein. Bisher wurde eine Verschärfung der Zugangskriterien diskutiert.

Der jetzige Vorschlag überraschte deshalb Schulleiter und Eltern gleichermaßen. Nur die Hälfte der Schüler sollen sich die Gymnasien nach Leistung auswählen können, die andere Hälfte der Schüler wird per Lostrommel ermittelt.

Dieses Verfahren widerspreche dem Leistungsprinzip, das sowohl im Bildungssystem als auch in der gesamten Gesellschaft herrsche, sagt Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin. Auch Ralf Treptow, Vorsitzender des Verbandes der Oberstudiendirektoren, hält das Losverfahren für den falschen Weg. „Mit dieser Reglung wird der Elternwille nicht gestärkt, sondern zu 50 Prozent unberücksichtigt bleiben“, sagt er.

Etrenvertreter halten Losquote für zu hoch

Treptow befürchtet zudem, dass mit der Losreglung die Beratungstätigkeit der Grundschulen ad absurdum geführt wird. „Stattdessen übernimmt Fortuna die Regie“, kritisiert er. André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, hält die Losquote von 50 Prozent für viel zu hoch. „Die Sprachenfolge und das Schulprofil müssen eine angemessene Berücksichtigung finden“, fordert er. Deshalb wäre es sinnvoll, höchstens 25 Prozent der Plätze über ein Losverfahren zu vergeben, so der Elternvertreter.

Auch die Gesamtschulen, die künftig Sekundarschulen heißen werden, sind irritiert von dem Vorschlag. „Die Lostrommel stellt jede Profilbildung in Frage“, sagt der Schulleiter der Schöneberger Sophie-Scholl-Gesamtschule Klaus Brunswicker. Die Schule hat mehr als doppelt so viele Anmeldungen als Plätze. Derzeit erfolgt die Auswahl vor allem nach dem Profil. So gibt es eine Musikklasse, eine Kunstklasse und eine naturwissenschaftliche Klasse. „Diese Klassen wären so nicht zu erhalten, wenn man wahllos Schüler aufnimmt“, sagt Brunswicker. Zudem prophezeit der Schulleiter eine Klagewelle der Eltern, die trotz Eignung des Kindes per Los auf eine andere Schule gezwungen werden.

Lehrer befürchten erhebliches Wechselkarrussel

Der Vorsitzende des Verbandes der Oberstudiendirektoren und Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow, Ralf Treptow, prognostiziert sogar, dass viele Schüler, die trotz gutem Notenschnitt nicht für das Gymnasium ausgelost werden, in der achten Klasse erneut versuchen werden, von der Sekundarschule wieder an die Wunschschule zu kommen. Umgedreht müssten viele Schüler am Gymnasium nach dem Probejahr die Schule wieder verlassen. Das führe zu einem erheblichen Wechselkarussell und damit zu einer enormen Unruhe in den Lerngruppen der siebten und achten Klassen. Planungsunsicherheit sei eine weitere Folge, warnt Treptow.

„Wenn viele Schüler über das Losverfahren aufgenommen werden, führt das dazu, dass viele ungeeignete Kinder am Gymnasium aufgenommen werden müssen“, so Treptow. Die Kapazität für geeignete Kinder würde dann fehlen. Treptow plädiert erneut für harte Zugangsregeln. Demnach sollen die Grundschulleiter den Schülern eine verbindliche Zulassung für den Besuch des Gymnasiums ausstellen. Entscheidend für diese Zulassung sollen die beiden Zeugnisse der fünften Klasse und in doppelter Wertung das Halbjahreszeugnis der sechsten Klasse sein.

Elterngespräche mit fraglichem Nutzen

Jochen Pfeifer, Schulleiter des John-Lennon-Gymnasiums in Mitte, bezeichnet das Losverfahren mit Blick auf die ursprüngliche Forderung der Linkspartei, eine Sozialquote am Gymnasium einzuführen, als politischen Kompromiss, mit dem er leben könne. Voraussetzung sei allerdings, dass zunächst die Schulleiter die möglichen 50 Prozent der Schüler auswählen könnten und erst danach das Losverfahren greife, betont er.

Als Mogelpackung bezeichnet Pfeifer indes die verbindlichen Elterngespräche: „Das ist ein großer Aufwand mit fraglichem Nutzen.“ Eltern würden ihre Kinder meist besser einschätzen als die Lehrer und entsprechend handeln. Zöllners Konzept sieht eine verbindliche Beratung der Eltern durch die Grundschule vor, in der es darum gehen sollen, in welcher weiterführenden Schule der Schüler die optimale Förderung erhalten wird.