Umwelt

Das Tegeler Fließ ist der EU nicht grün genug

Der Tegeler Fließ erscheint Vielen als grünes Idyll inmitten der Großstadt. Doch der Schein trügt. Geologen haben den Fließ nun genau untersucht - und dabei eine erschütternde Armut an allem Lebenden diagnostiziert.

Foto: Amin Akhtar

Der Schein trügt. Das Tegeler Fließ, das sich auf knapp zehn Kilometer Länge wie ein grüner Korridor durch den urbanen Norden Berlins schlängelt, ist keine Oase für Flora und Fauna. Auch wenn das mancher anders sehen mag - wie der Reinickendorfer Baustadtrat Martin Lambert (CDU), der gern mit der Vielfalt des Fließes für seinen Bezirk wirbt.

Uwe Koenzen, Geschäftsführer des Hildener Planungsbüros Koenzen, belehrte ihn beim ersten Informationsforum Tegeler Fließtal in Lübars eines Besseren. Seit 15 Jahren beschäftigt sich der Geograf bundesweit mit Gewässerentwicklung. Im Auftrag der Senatsumweltverwaltung nahm er jetzt auch das Tegeler Fließ unter die Lupe, das sich über 29 Kilometer vom Mühlenbecker Land bis zum Tegeler See erstreckt. Tier- und Pflanzenwelt seien auf weiten Strecken verarmt, lautet sein Fazit. "Ich habe noch nie ein Gewässer gesehen, in dem so wenige Fische leben. Es gibt fast keine Jungfische. Von Vielfalt keine Spur."

Bei den Wasserpflanzen sehe es ebenfalls mager aus, ganz zu schweigen von der Palette wirbelloser Tiere. Nicht gut sei es auch um die Vegetation rund um den Bach bestellt, hat Koenzen diagnostiziert. Auen werden verdrängt. Niedermoore sind vielfach ausgetrocknet und tragen mit ihrem Ausstoß an Kohlendioxid sogar zum Treibhauseffekt bei. Statt schützender Erlenreihen am Ufer breitet sich die Traubenblüte aus. Schuld daran ist der Mensch: Querbauwerke wie die Humboldt-Mühle in Tegel, Abstürze wie nahe der Unterführung des Tegeler Fließes an der B 96a bei Hermsdorf oder am alten Mühlenstandort zwischen Pankow und Schildow stoppen die Fische. "Dass sich in der Nähe von Mühlen so viele Fische sammeln, liegt schlicht daran, dass wegen der unüberwindbaren Höhenunterschiede für sie dort Endstation ist", erläutert Koenzen. Ufer seien begradigt, die Sohle - die tiefste Stelle im Gewässer - zu radikal ausgeräumt, störende Rohre verlegt, Gitter aufgestellt, Siedlungen hochgezogen worden. Bioabfall werde ins Fließ geworfen, die Landwirtschaft sei zu exzessiv direkt bis ans Ufer vorgedrungen. Nun fehlt der Sauerstoff, strömt das Tegeler Fließ an manchen Stellen zu schnell, an anderen zu langsam oder führt zu wenig Wasser.

Aufgabe für Generationen

Die EG-Wasserrahmenrichtlinie, im Jahr 2000 von den damaligen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft verabschiedet, soll es richten. Das Ziel: einen guten ökologischen Gewässerzustand herzustellen. Der Zeitrahmen dafür ist knapp bemessen. Schon 2015 sollen sich Ruderkrebse, Schlammschnecken, Fischotter und Biber wieder wie im Paradies fühlen. Ein Termin, der nach Ansicht von Matthias Rehfeldt-Klein, bei der Senatsumweltverwaltung für Gewässerentwicklung zuständig, illusionär ist. "Das ist eine Generationenaufgabe", sagt er. Und tröstet sich mit den zwei möglichen Fristverlängerungen, die die Europäische Union bis 2027 zu genehmigen gewillt ist. Nicht anders sieht es Klaus Brietzke (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Mühlenbecker Land. 20 Kilometer führt der Bach durch sein Einzugsgebiet. "Das Fließ ist unsere Lebensader. Wenn das ökologisch nicht funktioniert, saufen uns Häuser, Äcker und Wiesen ab", sagt Brietzke. Wenn Auen die Hochwassergefahr bannen, müsse man diese mit allen Mitteln wieder beleben. Am Erbe der DDR hat die Brandenburger Gemeinde schwer zu tragen. Die Bodenbearbeitung aus den Zeiten der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften fordert ihren Tribut. Das ökologische Gleichgewicht ist gestört.

Nach dem Motto "Leben und leben lassen" wollen Koenzen und seine Mitstreiter Behörden, Naturschutzverbände, Wasserwirtschaft, Anwohner und Nutzer des Fließes bei der Renaturierung mit ins Boot holen. In sogenannten Beteiligungswerkstätten sollen Bürger und Experten Vorschläge zur Umgestaltung und Bedenken diskutieren. Ende dieses Jahres soll dann das Konzept aufgestellt, das Maßnahmenpaket geschnürt sein.

"Die Zeit wird zeigen, welche Einschränkungen unsere Betriebe in den nächsten Jahren hinnehmen müssen", sagt die Lübarser Landwirtin Ute Kühne-Sironski vorsichtig. "Die Untersuchungen des Planungsbüros haben aber gezeigt, dass der Zustand des Tegeler Fließes im Bereich Lübars gar nicht schlecht ist", sagt Axel Gericke, der einen Hof in Lübars unterhält. "So schlimm, wie man uns Bauern oft darstellt, sind wir dann doch wohl nicht. Das Fließ ist der Beweis."

Kosten noch nicht ermittelt

Ein Eigenlob, das nicht jeder teilt. "Was in den Boden eingeführt wird, kommt irgendwann auch wieder heraus - wie der chemische Dünger", sagt Thorsten Hauschild, Vorsitzender des Berliner Landesverbandes des Naturschutzbundes Nabu. Zudem würden Pferdekoppeln direkt bis ans Tegeler Fließ heranreichen, die Tiere mit ihren Hufen das Ufer zertrampeln, sagt er. Seit Jahren warne der Nabu vor dem maschinellen Aushub der Sohlen, einer Pflegemaßnahme der Bezirke. Dadurch würden ganze Lebenswelten mit einem Schlag vernichtet. "Schon vor Jahren hätten die Probleme angegangen werden können. Nichts ist passiert", sagt Hauschild. Aufgrund des "Handlungszwangs, den die EG-Wasserrahmenrichtlinie mit sich bringt", werde nun hoffentlich ein Umdenken einsetzen. Dass Landwirte, Hausbesitzer und Naturschützer in den nächsten Monaten in Harmonie baden, glaubt er allerdings nicht.

"Der Grundwasserstand muss stabilisiert, das Fließ durchgängig geführt werden. Notwendig ist darüber hinaus eine nachhaltige Bewirtschaftung. Nährstoffeinträge müssen vermieden, weitere Bauprojekte nahe dem Tegeler Fließ verhindert werden." So liest sich die Liste, die Uwe Koenzen im Kopf hat. "Ob diese auch wirklich umgesetzt wird, darauf wird der Nabu ein Auge haben", sagt Hauschild.

Über die Kosten der Fließ-Renaturierung spricht derzeit noch niemand. Die seien erst zu beziffern, wenn das Konzept stehe, sagt Matthias Rehfeldt-Klein. Für unterhaltende Pflegemaßnahmen seien die Anrainerkommunen zuständig. Gehe es um investive Maßnahmen, hoffe man, EU-Fördertöpfe anzapfen zu können.

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