Sicherheitsprüfung

S-Bahn kürzt Züge - Technik-Chef muss gehen

In der S-Bahn wird es noch enger - auf zwei der wichtigsten Linien in Berlin werden die Züge gekürzt. Die Schienenfahrzeuge müssen seit dem S-Bahn-Unglück im Mai öfter zur Sicherheitsüberprüfung. Darum hat die S-Bahn nicht mehr genug Wagen: Für Fahrgäste läuft es damit öfter auf Stehplätze hinaus. Das Unternehmen kündigte außerdem an, dass Technik-Chef Ulrich Thon gehen muss.

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Nutzer der Berliner S-Bahn müssen sich auf weitere Einschränkungen einstellen. Wie das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn am Freitag mitteilte, werden die auf den Linien S1 (Wannsee–Oranienburg) und S2 (Blankenfelde–Bernau) eingesetzten Züge bis auf Weiteres generell nur noch sechs statt acht Wagen haben. Auf den vor allem im Berufsverkehr viel genutzten Ringbahnlinien setzt die S-Bahn bereits seit Langem nur Sechs-Wagen-Züge ein.

Grund für die weitere Angebotsreduzierung sind zusätzliche Sicherheitschecks für Züge der Baureihe 481, zu denen sich die S-Bahn Berlin nach einem Zugunfall im Bahnhof Kaulsdorf verpflichtet hat. Bei dem Vorfall am 1.Mai war ein mit Fahrgästen besetzter Zug der modernsten Baureihe in Folge eines Radbruchs entgleist. Nur weil der Zug im Bahnhofsbereich mit geringem Tempo fuhr, verlief der Unfall glimpflich. Verletzte gab es nicht. Die Ursache für den Bruch der Radscheibe ist bislang aber noch nicht geklärt, wie das Eisenbahn-Bundesamt bestätigte.

Vorsichtshalber lässt die S-Bahn bereits seit dem 11.Mai die Radsätze der Züge öfter als zuvor prüfen. Statt im Abstand von zwei Wochen müssen die Fahrzeuge jetzt alle sieben Tage in die Werkstatt. Techniker nehmen dort die Räder in Augenschein und prüfen per Hammerschlag, ob Schäden vorliegen. Zusätzlich hat die S-Bahn nun auch noch die Prüfintervalle für die sogenannten „Treibradsatzwellen“ verkürzt. Von sofort an werden die angetriebenen Achsen der Wagen bereits nach 30000 Kilometern statt erst nach 60000 Kilometern mit Ultraschallgeräten auf Materialschäden untersucht. Nach Informationen dieser Zeitung kommt die S-Bahn mit dieser Selbstverpflichtung einer förmlichen Anordnung des Eisenbahn-Bundesamtes zuvor.

Die Sicherheit der Fahrgäste habe „oberste Priorität“, begründete S-Bahn-Chef Tobias Heinemann die Entscheidung. „Wir bedauern die Unannehmlichkeiten.“ Vor allem im Berufsverkehr dürften Sitzplätze in den Zügen aber zur Mangelware werden. Grund: Durch die häufigeren Werkstattbesuche stehen für den normalen Betrieb weniger Fahrzeuge zur Verfügung. Betroffen von den Vorsichtsmaßnahmen sind 500 der 630 Viertelzüge (die kleinste Zugeinheit besteht aus zwei Waggons), die die S-Bahn in ihrem Fahrzeugbestand hat. Einschränkungen im Fahrplan – also Zugausfälle – soll es nach S-Bahn-Angaben aber nicht geben.

Zugleich bestätigte das Unternehmen, dass Technik-Geschäftsführer Ulrich Thon seinen Hut nehmen muss. Erst am Donnerstag hatte der Aufsichtsrat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Bereits am Freitag trat Thons Nachfolger sein Amt an. Den Posten von ihm übernimmt Peter Büsing aus Hannover, der bisher bei der Bahntochter DBRegio verantwortlich für den Technikeinsatz in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein war.

Offiziell heißt es, Thon werde mit einer neuen Aufgabe bei der Bahntochter DBRegio betraut. Intern wird der Manager jedoch maßgeblich verantwortlich gemacht für das Winterchaos bei der S-Bahn und den allgemeinen Fahrzeugmangel. Beim Kälteeinbruch zu Jahresbeginn waren tagelang Hunderte Züge ausgefallen oder nur mit erheblichen Verspätungen gefahren. Grund waren vereiste Fahrsperren. Kritiker bemängelten, dass bei der Wartung der wichtigen Bauteile gespart worden sei.

Harter Sparkurs

Thon, der seit August 2005 Geschäftsführer bei der S-Bahn war, hatte in den vergangenen Jahren einen harten Rationalisierungskurs gefahren. Unter anderem wurde das Fachpersonal in den S-Bahn-Werkstätten stark reduziert und Wartungsintervalle bei den Fahrzeugen maximal ausgereizt.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der S-Bahn, Hermann Graf von der Schulenburg, würdigte Thons „außerordentlichen Einsatz“ für eine sichere S-Bahn sowie „effiziente Prozesse bei Fahrzeugbetrieb und -instandhaltung“. Thon habe „nachhaltige Verbesserungen bei der S-Bahn eingeleitet“.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb fällt ein anderes Urteil. Thon habe durch seine Sparpolitik „einen Scherbenhaufen bei der S-Bahn hinterlassen“, sagte Igeb-Vize Jens Wieseke. Personalabbau bei der Instandhaltung und die Reduzierung des Fahrzeugbestandes seien die Hauptgründe für den Engpass, der nun die Fahrgäste treffe. Der Fahrgastverband fordert: „Es muss ganz schnell etwas passieren“, so Wieseke.

"Deutsche Bahn muss umsteuern“

So müssten alle etwa 40 ausrangierten Viertelzüge der S-Bahn-Baureihe 485, bekannt auch als „Coladosen“, schnellstmöglich reaktiviert und der Sparkurs in den Werkstätten korrigiert werden.

„Es kann nicht sein, dass Züge der S-Bahn zur Reparatur nach Wittenberge gefahren werden müssen“, kritisiert er. Spätestens zur Leichtathletik-WM im August drohe eine „Blamage für Berlin“. Die im Frühjahr angekündigte Qualitätsoffensive sei wirkungslos, sagt Wieseke und fordert grundsätzliche Entscheidungen: „Sollte die Deutsche Bahn nicht endlich umsteuern, ist sie nicht mehr der richtige Betreiber für das Berliner S-Bahn-Netz“, so der Sprecher des Fahrgastverbandes.

Der derzeitige Verkehrsvertrag für die Berliner S-Bahn läuft noch bis 2017. Für die Zeit danach kann das Land das 332 Kilometer umfassende Netz neu ausschreiben. Täglich nutzen etwa 1,3 Millionen Fahrgäste die 15 Linien der S-Bahn. Für den Betrieb erhält das Unternehmen hohe Zuschüsse vom Land – in diesem Jahr 232 Millionen Euro. Wegen mangelnder Pünktlichkeit im Vorjahr hat der Berliner Senat gegen die S-Bahn bereits eine Vertragsstrafe von fünf Millionen Euro ausgesprochen. Auch für dieses Jahr droht der S-Bahn für ihre Unzuverlässigkeit im Zugverkehr eine Millionenstrafe.