Kunsthandel

Berliner Galerist Rudolf Springer gestorben

Die Berliner Galeristen-Legende Rudolf Springer hatte die deutsche Kunstszene nach 1945 entscheidend geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte er in Berlin Werke etwa von Joan Miró, Alexander Calder und Max Ernst. Später förderte er Werke von Georg Baselitz und Markus Lüpertz. Nun verstarb Springer im Alter von 100 Jahren in Berlin.

Foto: M. Lengemann / Lengemann

Er hat die Doppel-Null geschafft. Dann verließen ihn die Lebensgeister. Rudolf Springer, einer der wichtigsten Galeristen von Deutschland, Pionier der Kunstvermittlung nach dem Kriege und der Doyen der Berliner Galerien-Szene, ist gestern im Alter von 100 Jahren gestorben. Es ist auch das unwiderrufliche Ende einer Ära.

Vielen Kollegen diente der 1909 in Berlin geborene Kunsthändler, der als Versicherungsangestellter begann, als Vorbild. Diese Rolle erarbeitete er sich von 1948 an, als er, nach Jahren im französischen Exil, zunächst noch in der elterlichen Wohnung in Zehlendorf, seine erste Galerie eröffnete. Von 1950 an steuerte er die Aktivitäten vom Kurfürstendamm aus, bis er Ende der 60er-Jahre in die Fasanenstraße zog. Rudolf Springer war es zu einem guten Teil zu danken, dass die Verbindung zwischen dem damaligen West-Berlin und der internationalen Kunstszene lebendig war.

Nach der Nazi-Diktatur lag das kulturelle Berlin am Boden, unter anderem Rudolf Springer sorgte mit sensationellen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst für heilsame Infusionen. Die Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin widmete ihm im Sommer 2007 sogar eine Ausstellung. Es gibt nicht gar so viele Galeristen, die solcher Ehre für wert erachtet werden.

Einsatz für deutsche Zeitgenossen

Sein Credo als Galerist war die Vielfalt, die ihm auch ein Sinnbild der Demokratie, der pluralistischen Gesellschaft war, die sich zu entwickeln begann. Er suchte immer nach neuen künstlerischen Positionen, solchen, die nach Neuem strebten und neue Horizonte eröffneten. Seine Künstlerliste ist ein Vademecum berühmter Namen, die damals jedoch noch im Begriff waren, ihre Bedeutung zu etablieren: Hans Uhlmann, Mac Zimmermann, André Masson, Joan Miró, Alexander Calder, Max Ernst – und viele andere mehr. Schon 1956 stellte er den DDR-„Dissidenten“ Gerhard Altenbourg aus.

Nach dem Kriege und der Kulturbarbarei der Nazis wurde Deutschland von der amerikanischen Kultur als der Siegerkultur überschwemmt (und glücklich dürfen wir uns deshalb schätzen!), und in Europa etablierte sich Paris als Kunsthauptstadt. Das Interesse an französischer und amerikanischer Kunst überwog in Westdeutschland und in West-Berlin. Aber Rudolf Springer setzte sich vehement auch für die deutschen Zeitgenossen ein, die es damals nicht leicht hatten, in der sich entwickelnden Galerienlandschaft Fuß zu fassen.

Als Reaktion auf den verordneten nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Realismus und das bäuerlich geprägte Schönheitsideal der braunen Kunstdiktatoren gab es bei den Künstlern eine nahezu hemmungslose Hingabe an die Abstraktion. Das deutsche „Informel“ entstand, eine genuine deutsche Kulturleistung von internationaler Bedeutung, zu der sie auch durch große Sammler wie etwa Ströher (Wella, Darmstadt) gelangte.

Rudolf Springer aber vertrat auch die Interessen der figurativen Künstler und bot schon in den 60-ern Künstlern wie Georg Baselitz und Markus Lüpertz ein Forum.

Dass Rudolf Springer nie ein so genannter „Programmgalerist“ war, wie sehr viele es heute sind, lag nicht nur in seiner nach Abwechslung gierenden geistigen Haltung begründet, sondern auch in den Umständen der Zeit: Nach dem abgeschmackten Kunst-Eintopf der zwölf Katastrophenjahre war das Gegenteil, lebendige Vielfalt nämlich, angesagt. Auch hier war Springer Beispiel gebend, die ihr Angebot strukturierende Programmgalerie entwickelte sich erst seit den 70er-Jahren, nachdem der erste Hunger nach Bildern gestillt war.

Springer hatte Teil an dem Aufschwung des Sammlerinteresses, das das nach dem Wirtschaftswunder ständig sich mehrende vagabundierende Geld in Kunstkäufe lenkte. Zunächst waren es ja wenige große Sammler wie Ströher oder Ludwig, die das Kunstgeschehen im Verbund mit den Galerien bestimmten, seit den 80-ern erst verbreiterte sich die Basis, trugen viele Schultern den Kunstmarkt. Springer propagierte dabei eine stattliche Zahl von Oeuvres, die eine große Bandbreite ästhetischer Positionen darstellen: Immendorff, Penck, Attersee, Günter Brus und Arnulf Rainer. Kurzum: die ganze Kunst des späteren 20. Jahrhunderts.

Nur Künstler, die er gut fand

Rudolf Springer war dabei stets direkt am Menschen interessiert. Er sagte einmal: „Ich habe keine Richtung, sondern nur Künstler, die ich gut finde.“ Der charismatische Genussmensch schaute immer sehr viel weniger auf die kommerzielle Seite, als man zu denken geneigt ist. Seine Galeristentätigkeit ordnete sich in ein vitales Gesamtkonzept ein. Er hatte Vergnügen an dem, was er tat. So geschah es, dass er – das zeigen Fotos einer Vernissage mit dem wundersamen Friedrich Schröder-Sonnenstern, den Springer als Erster ausstellte – vergnügt Schröder-Sonnenstern zuhörte, als der leicht irrsinnige Kauz im flatternden Mäntelchen ein imaginäres Orchester dirigierte und dazu sang. In Demut und Dankbarkeit nimmt Berlin Abschied von einem Großen.

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