Bildung

Was uns die Betreuung unserer Kinder wert ist

Immer mehr Kinder in Deutschland gehen gratis in die Krippe oder in die Kita. Berlin ist beim Thema Gebührenfreiheit ganz vorne mit dabei. Doch die CDU drängt nun zu Einsparungen. Bei der Kinderbetreuung und Bildung soll gekürzt werden. Morgenpost Online hat eine Berliner Familie besucht und zu ihrem Kita-Alltag befragt.

Foto: Massimo Rodari

"In Berlin geht es uns gut", sagt Antje Rhodius. Die 45-Jährige lebt mit ihrer Familie in Schöneberg und ist rundum zufrieden mit dem Kita-Angebot in ihrem Kiez. "Alles ist fußläufig erreichbar, und es gibt für jeden Geschmack etwas. Wenn man sich rechtzeitig bemüht, bekommt man in der Kita, in der man möchte, auch einen Platz." Ihr sechsjähriger Sohn Navid geht zwar schon zur Schule, aber die kleine Ava (3) besucht noch die Kindertagesstätte an der Barbarossastraße 64.

Dort, im Erdgeschoss einer Altbauwohnung, werden 53 Kinder nach dem sogenannten Early-Excellence-Ansatz betreut – das heißt, die Erzieher konzentrieren sich von Beginn an auf die individuellen Stärken und Fähigkeiten der Kinder. "Als wir für Navid einen Kindergarten gesucht haben, hat uns dieses offene Angebot hier gefallen", sagt Antje Rhodius. Die Kinder könnten machen, was sie wollten, und würden dabei pädagogisch begleitet. "Wenn meine Tochter malen will, dann darf sie eben malen und muss nicht mit anderen Kindern am Tisch sitzen und machen, was alle machen." Doch genau für solche individuellen Freiheiten soll es künftig kein Geld mehr geben – geht es nach den Sparvorstellungen des stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Roland Koch. Bei der Sanierung der maroden Staatsfinanzen will der hessische Ministerpräsident keine Tabus mehr gelten lassen, auch bei Kinderbetreuung und Bildung soll gekürzt werden, fordert er.

Für Antje Rhodius wäre es eine "gruselige" Vorstellung, künftig auf die Vorzüge ihrer Kita zu verzichten. Sie lobt sich das Angebot in Berlin. Praktisch findet die 45-Jährige, dass Eltern ihre Kinder hier je nach Bedarf, ob berufstätig oder nicht, flexibel betreuen lassen können. "Ich gebe mein Kind morgens ab und hole es nachmittags wieder ab. Aber ich habe Freundinnen in Westdeutschland, die müssen erst einmal weit mit dem Auto fahren oder ihr Kind dann auch noch in der Mittagszeit wieder abholen. Danach können sie es am Nachmittag dann noch mal eine Stunde da abgeben. Das sind zum Teil völlig absurde Zeiten für Berufstätige."

43 Euro im Monat, inkl. Essen

Zahlen muss Familie Rhodius für den städtischen Kinderbetreuungsservice 43 Euro im Monat. "Darin sind bereits 23 Euro für das Mittagessen enthalten", sagt Frau Rhodius. "Billiger ist das kaum vorstellbar", sagt sie. "Zu Hause müsste ich ja auch für meine Tochter kochen." Im Jahr summieren sich die Kita-Gebühren für Ava auf 516 Euro.

Preiswerter kann man sein Kind nur in Städten wie Düsseldorf, Koblenz oder Heilbronn in den Kindergarten schicken, die bereits alle Jahre beitragsfrei gestellt haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und der Zeitschrift "Eltern", die gestern in Berlin vorgestellt worden ist. Die Gebühren für Kindergärten sind dieser Studie zufolge zwar rückläufig. Trotz dieser Entwicklung gibt es immer noch einen Flickenteppich von Gebührenmodellen.

Die Unterschiede zwischen den 100 größten deutschen Städten sind immens. Demnach müssen Familien mit mittlerem Einkommen (45.000 Euro brutto) und einem vierjährigen Kind im Kindergartenjahr 2009/2010 rund 16Prozent weniger zahlen als vor zwei Jahren. Sie zahlen durchschnittlich 814 Euro pro Jahr. Bei zwei Kindern (dreieinhalb und fünfeinhalb Jahre alt) fallen Gebühren von 935 Euro an. Familien mit gehobenem Einkommen (80.000 Euro brutto) zahlen im Schnitt 1280 beziehungsweise 1468 Euro – ein Minus von immerhin noch zwölf Prozent im Vergleich zur Erhebung von 2008.

Tatsächlich sinken jedoch in wenigen Fällen die Gebühren absolut. Vielmehr stellen immer mehr Kommunen und Städte ein oder mehrere Betreuungsjahre beitragsfrei. Dazu gehörten Hanau, Heilbronn, Kaiserslautern, Koblenz, Ludwigshafen, Mainz, Salzgitter, Trier, Wiesbaden, Zwickau und Düsseldorf. Teuerstes Pflaster für eine "Durchschnittsverdiener-Familie" mit einem Jahresbruttoeinkommen von 45.000 Euro und einem vier Jahre alten Kind ist der Studie zufolge die Hansestadt Bremen: Hier werden durchschnittlich immerhin 1752 Euro im Jahr fällig. Die Hansestadt rangiert damit auf dem letzten Rang aller 100 untersuchten Städte. Bei einer Modellfamilie mit mittlerem Einkommen und zwei Kindern ist Cottbus am teuersten: Hier zahlen Eltern im Schnitt 2672 Euro pro Jahr. Für besser verdienende Familien mit einem Kind ist Duisburg (2520 Euro) am teuersten, gut verdienende Eltern mit zwei Kindern zahlen in Tübingen und Potsdam (beide 3696 Euro) im Schnitt am meisten.

Insgesamt sind norddeutsche Kindergärten teurer als süddeutsche, der Osten ist ungünstiger als der Westen. Die Forscher erklären das Nord-Süd-Gefälle vor allem damit, dass in mehr süddeutschen Städten die Betreuung für ein oder sogar alle Kita-Jahre inzwischen kostenlos erfolgt. Und der Osten ist – eher statistisch bedingt – deshalb teurer, weil hier Kinder häufig bis zu sechs und nicht wie im Westen nur vier Stunden betreut werden.

Eine weitere Ursache für den Gebührenflickenteppich ist den Forschern zufolge auch die Wirtschaftskrise und die damit verbundene prekäre Lage vieler Kommunen. So hängen Elternbeiträge laut Studie in "einem nicht unerheblichen Maße von der Haushaltslage der Kommunen ab". Als Konsequenz haben von der Krise besonders getroffene Städte wie Chemnitz die Betreuungsgebühren zum Teil erhöht. Seit 1.Mai müssen dort Eltern mit mittlerem Einkommen und einem vierjährigen Kind 20 Prozent mehr zahlen als bisher (616 Euro). In Duisburg etwa ist das zweite Kind künftig nicht wie ursprünglich geplant beitragsfrei, sondern kostet mindestens ein Viertel dessen, was Eltern für das erste Kind (1008 Euro) zahlen.

Mehr Transparenz gefordert

Genau die gegenteilige Entwicklung lässt sich in wirtschaftlich prosperierenden Regionen beobachten: Heilbronn und das schuldenfreie Düsseldorf etwa waren ohne finanzielle Kompensation durch Landesregierungen in der Lage, die Kindergartenbetreuung komplett beitragsfrei zu stellen. "Teilweise liegen kostenfreie und sehr teure Städte sehr nah nebeneinander", sagte Studienleiterin Raphaela Smarzcz mit Verweis auf die nur 30 Kilometer voneinander entfernt liegenden Städte Düsseldorf und Duisburg: "Für Menschen im Ruhrgebiet zum Beispiel lohnt es sich nachzufragen."

Berlin ist unter den Städten, die noch Gebühren nehmen, besonders familienfreundlich. Nicht nur, dass das Angebot rein quantitativ flächendeckend sehr gut ist, der Senat plant, dass ab 2011 drei Jahre beitragsfrei sein sollen: Würde Ava Rhodius also erst im kommenden Jahr ihr erstes Kindergartenjahr haben, müssten ihre Eltern nichts mehr für sie zahlen.

In Berlin ist die Betreuung im letzen Kindergartenjahr vor Schuleintritt bereits seit 2007 beitragsfrei gestellt. Seit Januar 2010 gilt eine Freistellung auch für das zweite beziehungsweise vorletzte Kindergartenjahr unabhängig vom Betreuungsbedarf, die Verpflegungskosten sind allerdings nicht inbegriffen. Ab 2011 will der Berliner Senat dann alle drei Kindergartenjahre kostenlos anbieten. Bislang sind die Gebühren noch nach dem Einkommen gestaffelt. So muss beispielsweise eine Familie mit einem Jahresbruttoeinkommen von 45.000 Euro für ein Einzelkind derzeit mindestens 365 Euro im Jahr bezahlen, für zwei Kinder 701 Euro. Besserverdienende mit einem Einkommen ab 80.000 Euro zahlen für ein Einzelkind ab 940 Euro, für zwei Kinder 1805 Euro im Jahr.

INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr fordert mit Blick auf die Studie eine Vereinheitlichung der Gebühren: "Wer wenig Geld hat, dem sollte über das Steuersystem oder durch Gutschein-Modelle geholfen werden." Gleiche Gebühren bundesweit würden Transparenz schaffen. Der Vize-Chefredakteur der Zeitschrift "Eltern", Oliver Steinbach, sagt, je nach Wohnort würden Kita-Gebühren das Familienbudget erheblich belasten. Die teilweise zwischen benachbarten Kommunen auftretenden Preisunterscheide würden als "extrem ungerecht empfunden".

Zwang ist unerwünscht

Ganz kostenlos müsste Betreuung indes nicht für jeden sein, meint Antje Rhodius. "Ich fände es schon gut, wenn Besserverdienende etwas zahlen müssten, das käme dann ja auch der Qualität zugute." Was sie nicht will, ist ein Zwang, bereits alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr in eine Kita zu schicken. "Ich sehe zwar auch bei uns in Schöneberg Vierjährige, die mit ihrem dreijährigen Bruder an der Hand den Tag über ohne Betreuung auf der Straße spielen, aber Zwang finde ich diktatorisch."

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