FU-Präsident Dieter Lenzen

"Losverfahren für Gymnasien ist zutiefst ungerecht"

Die schulische Leistung eines Kindes muss Grundlage für den Zugang zum Gymnasium sein - und nicht der Zufall: Warum sich der Bildungsforscher und FU-Präsident Dieter Lenzen gegen den Vorschlag des Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner wehrt, 50 Prozent der Schüler per Los auszuwählen.

Foto: Joachim Schulz / Schulz

Der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, hat das geplante Losverfahren für die Aufnahme von Schülern an Berliner Gymnasien als ungerecht kritisiert. Beim Zugang zum Gymnasium müsse die Bestenauslese gelten. Ein Losverfahren werde dem nicht gerecht, sagte der Bildungsforscher am Mittwoch. „Eine Halbe-Halbe-Lösung ist ein Kompromiss, vielleicht ein fauler. Denn entweder setzt man auf Leistung und Eignung oder man muss andere Tests entwickeln. Das ist nicht passiert“, ergänzte er.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte am Dienstagabend neue Verfahren für den Wechsel zum Gymnasium vorgeschlagen. Sie werden nötig, weil es durch die Berliner Schulreform künftig nur noch zwei weiterführende Schultypen geben wird: Gymnasien und Sekundarschulen.

In Berlin können nach Zöllners Vorschlag weiterhin in erster Linie die Eltern entscheiden, welche Schulform ihr Kind besucht. Melden sich allerdings zu viele Kinder an einem Gymnasium an, soll der Schulleiter 50 Prozent der Schüler auswählen dürfen, über die andere Hälfte soll das Los entscheiden.

"Wenn man nach dem Zufallsprinzip filtert, können geeignete Schüler für das Gymnasium verloren gehen“, mahnte Lenzen. Das Ziel müsse aber Gerechtigkeit bei der Auswahl aller Schüler sein, die für ein Gymnasium geeignet sind. Ein Losverfahren könne einen negativen sozialen Selektionseffekt bedeuten. „Wenn Eltern künftig vermittelt wird, dass es zu wenig Plätze am Gymnasium gibt und ihre Kinder weit zur Schule fahren müssen, bemühen sich manche nicht mehr um das Gymnasium. Dann setzt sich möglicherweise wieder nur die bildungsnahe Schicht durch.“

Wenn sich zu viele geeignete Schüler auf Gymnasien anmeldeten, müsse man eben mehr Plätze schaffen, forderte Lenzen. „Das wird von den Hochschulen mit den Studienplätzen ja auch erwartet.“ Bei einem Losverfahren sieht er darüber hinaus rechtliche Hürden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Zugang zum Gymnasium andere rechtliche Regeln gelten als bei den Hochschulen. Und hier wurde das Losverfahren als Ersatz für die Bestenauslese ausgeschlossen.“

Unter Zöllners Vorschlägen gefällt Lenzen das Beachten des Elternwillens. „Leider spielt Probeunterricht keine Rolle mehr. Ob ein Schüler für das Gymnasium geeignet ist, muss man schneller herausfinden können als in einem ganzen Probejahr.“

Den Kern der Schulreform hält Lenzen jedoch für sinnvoll. Als Gründe nannte er die Abschaffung der „Migrantenrestschule Hauptschule“ sowie größere Chancen für leistungsschwächere Jugendliche im gemeinsamen Sekundarschulunterricht mit leistungsstärkern Mitschülern. Das deutsche Gymnasium bezeichnete Lenzen als Erfolgsmodell, das man auf keinen Fall opfern dürfe. dpa/mim