Schule

Verzweifelte Lehrerinnen schreiben Brandbrief

Mehrere Hundert Berliner Lehrerinnen und Erzieherinnen haben sich in einem alarmierenden Schreiben an die Öffentlichkeit gewandt. Darin werden die unzumutbaren Arbeitsbedingungen an den Schulen angeprangert. An vielen Einrichtungen sei die Situation "erbärmlich", heißt es.

Foto: Hans-Christian Plambeck

Die hohe Zahl dauerkranker Lehrerinnen hat jetzt Frauenvertreterinnen mehrerer Berliner Bezirke alarmiert. Im Februar waren unter den 1403 langzeiterkrankten Beschäftigten an den Berliner Schulen 1130 Frauen. Für Elke Gabriel, Frauenvertreterin des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, ein unhaltbarer Zustand.

Die schlechten Bedingungen an den Schulen wie Personalmangel, fehlende Räumlichkeiten sowie eine hohe Lärmbelastung führten dazu, dass immer mehr Kolleginnen dauerkrank würden, sagt sie. Im Namen der Lehrerinnen und Erzieherinnen fünf Berliner Bezirke hat sich Elke Gabriel deshalb mit einer Resolution an die Öffentlichkeit gewandt.

Darin werden die unzumutbaren Arbeitsbedingungen an den Schulen angeprangert. Die Arbeitsüberlastung der Pädagoginnen im Schulalltag führe dazu, dass diese ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht mehr zufriedenstellend erfüllen können, heißt es. Besonders betroffen seien Beschäftigte, die über 55 Jahre alt seien, und Lehrerinnen an Grundschulen.

Die Frauen fordern, deutlich mehr Lehrer und Erzieher unbefristet einzustellen. Außerdem verlangen sie eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung sowie die Wiedereinführung von Altersteilzeit und Altersermäßigung. Das Schreiben wurde an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) sowie die bildungspolitischen Sprecher der Parteien geschickt.

Unterstützung für die Lehrerinnen kommt von Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes. „Das Arbeitspensum eines Lehrers hat erheblich zugenommen“, betont sie. Lehrer seien nicht mehr nur für den Unterricht, sondern auch für die Entwicklung des Schulprogramms und die Vernetzung der Schule zuständig. Diese zusätzliche Arbeit werde weder vergütet noch zeitlich berücksichtigt. Ähnlich sehe es bei den Erzieherinnen aus.

Doreen Siebernik, Gesamtfrauenvertreterin der Bildungsverwaltung, bezeichnet die Situation an vielen Schulen als „erbärmlich“. „Immer neue Reformen werden durchgepeitscht, ohne dass Lehrer und Erzieher Zeit haben, sich darauf vorzubereiten und entsprechend weiterzubilden“, sagt sie. Es müsse dringend ausreichend Neueinstellungen von jungen Lehrern und Erziehern geben, fordert Siebernik. Sie kritisiert, dass etwa die Hälfte der gegenwärtig befristet eingestellten Vertretungskräfte keine pädagogische Ausbildung hätten. „Auch das geht zu Lasten der Kolleginnen, die dieses fachfremde Personal einarbeiten müssen.“ Besonders betroffen seien Grundschullehrerinnen und Erzieherinnen. „ In den letzten Jahren haben diese an den Grundschulen Reformen wie das jahrgangsübergreifende Lernen und die Einführung der Schulanfangsphase umsetzen müssen. Und zwar ohne zusätzliche zeitliche Ressourcen.“

Das bemängelt auch Rita Schlegel, Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln. „Eine Entlastung vor allem der älteren Kolleginnen ist dringend nötig“, sagt sie. Altersteilzeit müsste unbedingt wieder eingeführt werden. Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter, setzt sich vor allem für eine bessere Personalausstattung der Schulen ein. Diese müsse über 100 Prozent liegen, so Schuknecht. Der Schulleiter der Friedensburg-Gesamtschule fordert, bereits zum kommenden Schuljahr wesentlich mehr junge Kollegen unbefristet und mit einer besseren Bezahlung einzustellen. „Das muss bald geschehen, damit die jungen Lehrer nicht in andere Bundesländer abwandern, wo sie besser bezahlt werden“, sagt Schuknecht. Viele Bundesländer würden bereits jetzt einstellen und Berlin damit gute Leute abwerben.

Inge Hirschmann vom Grundschulverband verweist überdies auf die unzureichenden räumlichen Bedingungen an vielen Schulen. Lärmbelastung sei ein großes Thema. „Es gibt kaum Rückzugsräume“, sagt Hirschmann. An ihrer Schule unterrichte ein Lehrer 26 Kinder in Klassenräumen von 45 Quadratmetern, 60 Kollegen müssten sich ein Lehrerzimmer teilen. Zu den Unterzeichnerinnen der Resolution gehören die Frauenvertreterinnen von Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf, Marzahn-Hellersdorf. Weitere Bezirke wollen sich anschließen.