Peter Eisenman

Warum man am Holocaust-Mahnmal spielen darf

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wird fünf Jahre alt. US-Architekt Peter Eisenman, der das gigantische Stelenfeld im Herzen der Stadt entworfen hat, zieht eine positive Bilanz. Im Gespräch mit Morgenpost Online erklärt Eisenman, warum tobende Kinder zwischen den Betonquadern und ein respektvolles Gedenken für ihn keine Gegensätze sind.

Für den Entwurf für das Holocaust-Mahnmal erhält US-Architekt Peter Eisenman in Jerusalem den Wolf-Preis. Donnerstagabend stellt Eisenman in der Berliner Galerie Aedes am Pfefferberg ein Projekt in Spanien vor. Sabine Gundlach sprach mit Eisenman, der anlässlich des 5. Jahrestags des Mahnmals nach Berlin gekommen ist.

Morgenpost Online: Mr. Eisenman, wie fühlen Sie fünf Jahre nach der Mahnmal-Eröffnung?

Peter Eisenman: Gut. Ich habe das Mahnmal in den vergangenen fünf Jahren beobachtet und denke, dass es sehr erfolgreich ist in dem Sinne, in dem ich es geplant habe

Morgenpost Online: Welche Intention hatten Sie denn?

Peter Eisenman: Ich wollte eine täglich präsente Erinnerung an den Holocaust für die Deutschen machen, keine private, sondern eine öffentliche Erinnerung. Etwas, das ganz normale Bürger besuchen können, ohne sich schuldig zu fühlen.

Morgenpost Online: Viele nutzen das Mahnmal als Picknickplatz, Kinder spielen Fangen, Sie können dort sogar Kondome finden. Stört Sie das überhaupt nicht?

Peter Eisenman: Ach, so was finden Sie doch auch auf Friedhöfen, in Kirchen oder an anderen öffentlichen Plätzen. Und das Spielen, meine Güte, das ist doch Spaß für die Kinder, dort zu spielen. Warum sollen sie das denn nicht machen? Das ist doch okay.

Morgenpost Online: Verstehen Sie das unter täglich präsenter Erinnerung?

Peter Eisenman: Schauen Sie, Sie sind nicht verantwortlich für den Holocaust. Warum sollen Sie am Mahnmal nichts essen? Erst wenn diese Vorbehalte überwunden sind, und man sagt, komm, lass uns Mittag essen am Stelenfeld, ist etwas erreicht.

Morgenpost Online: Und was ist mit den Gefühlen der Opfer und Ihrer Hinterbliebenen?

Peter Eisenman: Das ist kein Denkmal für die Opfer. Es ist ein Mahnmal für die deutsche Bevölkerung.

Morgenpost Online: Sie haben heute Morgen gesagt, dass Literatur und Film bessere Medien sind, um Gefühle zu vermitteln. Ist das nicht eine Bankrotterklärung für Ihre Arbeit?

Peter Eisenman: Ach, Architektur ist ein schwaches Medium. Literatur ist stärker, um Gefühle der Erinnerung auszudrücken. In der Architektur geht es nicht um Gefühle, sondern um das Erfassen von kulturellen Gefühlen.

Morgenpost Online: Bei unserem letzten Treffen sprachen Sie aber davon, mit dem Mahnmal das Gefühl von Verlorensein vermitteln zu wollen. Ist das gelungen?

Peter Eisenman: Ja, ich kann dort verloren gehen. Wenn Sie sagen, ,Peter, können Sie mir den Platz zeigen, wo wir uns das letzte Mal getroffen habe', werde ich den niemals wiederfinden.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns über die Risse in den Stelen reden.

Peter Eisenman: Ich habe keine Risse gesehen. Der Beton sieht fabelhaft aus.

Morgenpost Online: Sie werden doch wissen, dass bei mehr als 2000 Stelen Risse registriert wurden? (Eisenman fasst mit seiner linken Hand an das Holz des Sofas, auf dem er sitzt.)

Peter Eisenman: Schauen Sie, das sind Kratzer, Dinge passieren mit der Zeit. Wir haben Falten in unseren Gesichtern, Was ist so schlimm an den Rissen? Als wir mit den Planungen anfingen, wussten wir das. Die Stiftung wusste es, der Bundestag wusste es, die Experten, die den Beton entwickelt haben. Bitte vergessen Sie das nicht, wir haben anfangs darauf hingewiesen, dass man um Risse zu vermeiden, mehr Stahl in den Stelen verarbeiten muss. Aber die Fachleute, die der Bundestag angestellt hat, haben gesagt, wir brauchen nicht so viel, und deshalb wurde der Anteil an Stahl reduziert

Morgenpost Online: Das heißt, Sie sind nicht verantwortlich dafür?

Peter Eisenman: Letztlich sind der Architekt und der Bauherr verantwortlich. Wir haben Experten engagiert, und die haben gesagt, macht es auf diese Weise. Die Bundestagsexperten sagten: ,Nein, macht es nicht so.' Der Bundestag war der Bauherr, und so sind wir den Experten des Bundestages gefolgt. Im Grunde kümmert das aber auch keinen. Kein Kind wird nach Hause kommen und sagen, Mami die Stelen haben Risse, das sind nur die Medien, die Zeitungen, die daraus eine Geschichte machen.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Berlin in der Architektur?

Peter Eisenman: Berlin ist eine der aufregendsten Städte Europas

Morgenpost Online: Auch was die Architektur betrifft?

Peter Eisenman: Dazu sage ich lieber nichts.

Morgenpost Online: Warum?

Peter Eisenman: Ich möchte nicht über Kollegen sprechen. Schauen Sie, Hans Stimmann (Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor, d. Red.) hat eine schreckliche Entscheidung für Berlin getroffen.

Morgenpost Online: Welche?

Peter Eisenman: Die Höhe der Hochhäuser in der Stadt zu begrenzen. Sie können keine zeitgenössische Großstadt haben ohne Hochhäuser. Berlin braucht richtige Hochhäuser.

Morgenpost Online: Berlin beschäftigen derzeit andere Großprojekte wie beispielsweise der ehemalige Flughafen Tempelhof. Haben Sie eine Idee, wie man Gebäude und Flugfeld nutzen könnte?

Peter Eisenman: Auf keinen Fall als Park. Das wäre ein Desaster. Für mich ist Tempelhof wirklich ein wichtiges Symbol des Dritten Reichs, Tempelhof ist das Flugfeld Berlins. Das Gebäude ist ein wundervolles Gebäude. Ich will da kein Museum. Ich weiß nicht, ob wirklich Bedarf für öffentlichen Wohnungsbau besteht. Das Areal ist so einzigartig, da könnte man sich eine Schule, eine Universität oder auch einen Campus vorstellen. Auch Hochhäuser wären denkbar. Ebenso eine Klinik oder ein Gefängnis. Wenn es einen Wettbewerb gibt, werde ich mich daran beteiligen. Ich weiß nicht, was hier gebraucht wird. Eins aber ist klar, keine große Shoppingmall. Bitte, keine Mall mehr!

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