Bildung

Schulleiter und Eltern prangern Lehrermangel an

Sie wollten ihren täglichen Überlebenskampf schildern, die Eltern und Lehrer der Berliner Schulen. Doch ein Kongress, der jetzt im Roten Rathaus stattfand, musste auf die Beteiligung der Politik verzichten. Dabei ergreifen die Probleme immer mehr Schulen in der Hauptstadt.

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Schulen in Berlins Brennpunktbezirken fordern mehr Personal, kleinere Lerngruppen, die Sanierung der Schulgebäude und wesentlich mehr Mittel für die Arbeit mit Kindern nicht deutscher Herkunft. Das ist das Fazit des Bildungskongresses, der am Sonnabend im Roten Rathaus stattfand. Die anwesenden Schulleiter und Eltern waren sich einig: Es brennt nicht nur an den Schulen in Mitte, auch in den anderen Bezirken wie etwa Neukölln oder Friedrichshain-Kreuzberg ist die Situation an vielen Schulen unhaltbar.

Organisiert wurde der Kongress vom Landeselternausschuss, der Schulleiter AG Mitte sowie von der Landesschülervertretung. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Wenn Bildung jetzt nicht endlich ernst genommen wird, dann muss man den Schülern raten, Berlin künftig zu meiden“, sagte André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, der Berliner Morgenpost. „Um die Probleme an den Berliner Schulen zu lösen, müssen sich Eltern, Schulen, Bezirke und Bildungsverwaltung zusammenschließen.“

Schindler bezeichnete es in diesem Zusammenhang als Skandal, dass weder Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) noch dessen Staatssekretärin Claudia Zinke der Einladung zum Bildungskongress gefolgt waren. „Wir haben eine klare Absage von der politischen Spitze bekommen“, sagte Schindler. Dabei könne die missliche Situation an den Berliner Schulen nur verändert werden, wenn alle gemeinsam handeln, so Schindler.

Jochen Pfeifer, Schulleiter des John-Lennon-Gymnasiums in Mitte, sagte, es sei eine wichtige Botschaft des Bildungskongresses, dass sowohl die Eltern als auch die Schulen und die zuständigen Politiker sich künftig noch stärker für die Belange der Schüler engagieren müssen. „Ich hoffe deshalb, dass unsere Probleme auch auf dem Landesparteitag der SPD angesprochen werden“, sagte Pfeifer. Der Schulleiter betonte aber auch, dass sich die Eltern viel mehr einbringen müssen. „Es ist ein Alarmzeichen, dass immer weniger Mütter und Väter bereit sind, in den schulischen Gremien mitzuarbeiten“, sagte er. Wenn die Eltern sich nicht engagierten, seien alle anderen Maßnahmen wirkungslos.

Ziel des Bildungskongresses war es, auf die Situation an den Berliner Schulen hinzuweisen und deutlich zu machen, dass das Problem der Schulen in Mitte die gesamte Stadt betrifft.

Alle Schulleiter der 68 Grund-, Real- und Hauptschulen sowie Gymnasien von Mitte hatten bereits im Januar dieses Jahres in einem Brandbrief vor dem bildungspolitischen Aus im Bezirk gewarnt und mehr Unterstützung für Schulen in sozialen Brennpunkten gefordert. Sie könnten zurzeit den vom Schulgesetz auferlegten Bildungsauftrag „nicht mehr guten Gewissens erfüllen“, betonten sie. Die Schulleiter wiesen auf die schlechte Sozialstruktur von Mitte mit vielen sozial benachteiligten Familien und Schülern aus Einwandererfamilien hin. Ein anderes Problem sei die Versorgung der Schulen mit Personal. Darüber hinaus wurde gefordert, die Bausubstanz der Schulen zu sichern.

Seit dem Brandbrief sei kaum etwas passiert, so André Schindler vom Landeselternausschuss. Der Bildungskongress sei deshalb ein weiterer Schritt, sich Gehör zu verschaffen. „Angesichts der gegenwärtigen Krise wird die finanzielle Situation der Schulen künftig nur noch schlimmer werden“, warnte André Schindler.

Unter den Teilnehmern des Kongresses war Charlotte Besserer, Lehrerin an der Moses-Mendelssohn-Gesamtschule in Moabit. Die 35-Jährige sieht großen Änderungsbedarf an den Berliner Schulen. „Wir brauchen kleinere Klassen, viel mehr Personal und vor allem auch mehr sonderpädagogisch geschulte Lehrkräfte“, sagte sie. „Der Kongress ist eine Chance, auf die Probleme der Berliner Schulen aufmerksam zu machen und Lösungen zu initiieren“, sagte Besserer.

Iris Pakulat, Schulleiterin der Kurt-Tucholsky-Grundschule in Moabit, bezeichnete die Sprachdefizite sowie die sozialen Probleme ihrer Schüler als eklatant. „Wir kämpfen täglich ums Überleben“, sagte Pakulat. Mehr als 80 Prozent der Schüler seien nicht deutscher Herkunft. 15 Prozent der Kinder hätten einen sonderpädagogischen Förderbedarf, die Stunden dafür seien aber gekürzt worden. „Die Lehrer sind diesen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Allein an unserer Schule gibt es sieben langzeiterkrankte Kollegen.“ Um Unterrichtsausfall zu vermeiden, habe man auf nicht ausgebildete Lehrkräfte zurückgreifen müssen, so die Schulleiterin. „Wir schreiben ständig Konzepte und Schulprogramme, aber das hilft alles nichts.“

Einen hohen Krankenstand beklagte auch Manuela Gregor, Leiterin der Schule am Zillepark. Es fehle hinten und vorne an Personal, um Vertretung zu organisieren, und die berlinweite Liste der Vertretungslehrer sei längst leer. Auch Erzieher, Hausmeister und Sekretärinnen würden fehlen. „Mit Blick auf das neue Schuljahr wird mir angst und bange“, so Gregor.

Gute Schüler verlassen den Stadtteil

Auch Michael Wüstenberg, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, klagte über Lehrermangel. „Wir sind nicht wie versprochen mit 100 Prozent Personal ausgestattet“, sagte er. Ihm fehlten vier Kollegen. Ständig müsse Vertretung organisiert oder auf die Lehrerfeuerwehr zurückgegriffen werden. „Ich weiß nicht, wie man eine Schule mit einer solchen Ausstattung führen soll“, so Wüstenberg weiter.

Brigitte Burchardt, Schulleiterin des Diesterweg-Gymnasiums Gesundbrunnen, sprach von einer regelrechten Völkerwanderung. „Die Schüler bildungsnaher Familien laufen uns weg“, sagte sie. Burchardt forderte bessere Rahmenbedingungen für Brennpunktschulen. „Wir brauchen kleine Klassen und eine Minderung der Pflichtstundenzahl für die Kollegen.“ Ansonsten sei die notwendige Integrationsarbeit nicht zu schaffen. „Wir müssen uns stärker mit den Herkünften der Schüler auseinandersetzen, Stundenpläne und pädagogische Konzepte darauf abstimmen“, so Burchardt.

Hilal-Aybike Arikoglu, Schulsprecherin des Lessing-Gymnasiums in Wedding, forderte die Einstellung von mehr Lehrern an den Schulen. „Wir haben viel zu viel Unterrichtsausfall“, sagte sie. Gleichzeitig wies die Schülersprecherin auf die schlechte Ausstattung der Schulen hin. „Wir können die modernen Geräte nicht nutzen, weil wir keine Vorhänge haben, um die Klassenzimmer zu verdunkeln. Werden dann doch endlich Vorhänge gekauft, lassen die sich nicht aufhängen, weil die Gardinenstangen nicht mehr in den porösen Wänden verankert werden können.“

Integrationsarbeit ist schwierig

Als großes Problem wurde von vielen Lehrern und Schulleitern die dringend nötige Integration der Schüler nicht deutscher Herkunft bezeichnet. So können in Mitte nach jüngsten Erhebungen 35 Prozent der Drittklässler dem Unterricht sprachlich nicht folgen. 48 Prozent verstehen nur teilweise, was der Lehrer sagt. Sprachförderung fällt indes oft aus, weil die Lehrer in den Kernfächern vertreten müssen.

„Die Gesellschaft hat sich rasant verändert, die Rahmenbedingungen der Schulen aber nicht“, sagte ein Mathematiklehrer, der in Wedding arbeitet. Von den 22 Schülern seiner Klasse hätten alle einen Migrationshintergrund. 14 Schüler hätten Störungen im sozial-emotionalen Bereich, einer sei geistig behindert, ein weiterer körperlich. Er fühle sich oft überfordert, sagte der Lehrer. „Ich würde gern wissen, wo ich mir Hilfe holen kann.“

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