Interview

"Ich könnte im Pyjama über den Kudamm gehen"

Fallen wir doch gleich mit der Tür ins Haus: Was treibt Sie mit 73 Jahren noch zu einem Regiedebüt?

Michael Ballhaus:

Getrieben hat mich gar nichts. Der RBB fragte mich vor drei Jahren, ob ich nicht Lust hätte, einen Film über meine Heimatstadt zu machen. Da dachte ich: Ist doch eine schöne Idee, habe ich endlich mal Gelegenheit, meine Heimatstadt kennenzulernen. Nachdem ich 25 Jahre in Amerika war, war das eine Chance. Und ich musste mich der interessanten Frage stellen: Was ist mein Berlin?

Und zu welcher Antwort kamen Sie?

Mir war klar, das sind bestimmt nicht die Gebäude; sondern - meine Freunde. Die sind aber nicht mehr sehr jung, weil ich auch nicht mehr sehr jung bin. Ich fürchtete, das könnte langweilig werden. Da schlug meine Frau vor: Rede doch mal mit dem Ciro Capellari, das ist ein erfahrener Dokumentarfilmer und Kameramann, vielleicht hat der Lust, mitzumachen. So entstand diese Zusammenarbeit.

Spielte bei der Entscheidung, selber einmal auf dem Regiestuhl zu sitzen, auch die Sehnsucht mit, einmal nicht nach der Pfeife von anderen Regisseuren tanzen zu müssen?

Nee. Denn ich habe ja nie nach irgendeiner Pfeife getanzt. Ich hatte das Glück, dass ich immer der Partner von den Regisseuren war und die auch was von mir wollten. In Amerika ist der Job des Kameramanns ja noch ein bisschen was anderes, da heißt man "Director of Photography", ist also der Bildregisseur. Und weil es in den USA eben auch viele Regisseure gibt, die nicht so erfahren sind auf diesem Gebiet, haben die mir auf meinem Sektor eben auch vertraut und mir viele Freiheiten gelassen.

Stimmt es, dass Sie über Ihren Film erst den Ostteil der Stadt richtig kennengelernt?

Ja, schlimm, nicht? Als die Mauer fiel, waren wir ja in Amerika. Wir haben die Ereignisse damals in New York vor dem Fernseher erlebt. Das war, auch über den großen Teich hinweg, unheimlich bewegend. Das hätte man ja nie für möglich gehalten, dass es eine friedliche Revolution hätte geben können. Ich gehörte zu denen, die glaubten, die Mauer werde ewig bestehen.

Wie viel Berliner steckt wirklich in Michael Ballhaus?

Ich bin ein waschechter Berliner. Ich bin in der Charité geboren und habe hier meine Kindheit verbracht, bis ich sieben Jahre alt wurde. Danach ist meine Familie nach Franken gezogen. Da habe ich 20 Jahre lang nicht mehr in Berlin gelebt. Es ist dann aber wieder meine Heimat geworden. Und ich habe halt auch eine Affinität zu der Stadt. Berlin ist für mich die einzige Großstadt in Deutschland. In Berlin könnte ich im Pyjama über den Kudamm gehen, und die Leute würden nicht groß darauf achten. In München würde ich das eher nicht machen.

Was für ein Berlin hätten Sie denn gezeigt, wenn Sie nicht selbst der Regisseur gewesen wären, sondern Herr Cappillari mit der Kamera zu Ihnen gekommen wäre?

Es gibt einen Ort in Berlin, den ich sehr liebe und der bestimmt vorgekommen wäre. Das ist die Philharmonie. Die liebe ich, seit ich sie kenne, ein wunderbarer, ein magischer Ort. Wir hatten auch vor, sie zu zeigen. Wir wollten erst Simon Rattle haben, der hätte auch gewollt, hatte aber keine Zeit. Dann haben wir es mit einem Musiker versucht, aber das klappte mit den Terminen nicht. Schade. Aber man kann halt nicht alles haben.

Empfinden Sie dies als verpasste Chance?

Ich habe eigentlich meinen Beruf als Kameramann immer als den schönsten empfunden. Weil ich mich auf einen einzigen Menschen, den Regisseur, konzentrieren kann. Der muss sich auch um das Geld, die Produzenten kümmern. Und um die Besetzung; da kriegt er vielleicht nicht die, die er haben will, und ist sauer. Wenn ich zu einem Film komme, ist das Geld schon da, die Besetzung meist auch, das Drehbuch sowieso. Das ist mir viel lieber als das ganze Drum und Dran.

Sie haben mehrfach erklärt, kürzer treten zu wollen.

Na ja ... Ich arbeite derzeit viel mit Studenten zusammen. Für die dffb in Berlin bereite ich ein Seminar vor; in Hamburg wollen sie auch, dass ich wieder arbeite; an der HFF in München habe ich ein Projekt. Es macht mir Freude, mit dem Nachwuchs zu arbeiten. Das ist was Frisches, was die für Ideen und Interessen haben. Und ich erarbeite mit Filmstudenten Umweltfilme; vielleicht kann ich damit ein kleines bisschen was verändern.

Mit all diesen Projekten ist Ihr Ruhestand eigentlich gar keiner.

Ich befürchte, das wird auch so bleiben. Aber ganz gebe ich das noch nicht auf. Dafür macht es mir einfach noch zu viel Freude. Das Schöne ist: Ich muss es ja nicht machen. Ich habe nur noch nicht richtig gelernt, Nein zu sagen.

Wenn also jetzt Ihr Telefon, das hier auf dem Tisch liegt, klingelt und Hollywood ist dran, würden Sie dann wieder rüberfliegen?

Nein, das Kapitel Amerika ist abgeschlossen. "Departed" war meine siebte Zusammenarbeit mit Martin Scorsese und ein großer Erfolg. Ein schöner Schlusspunkt, um die Karriere dort zu beenden. Ich mag nicht, dass das so nachkleckert. Ich habe den Entschluss eigentlich keine Sekunde bereut. Der Zeitpunkt war richtig.

Ist da kein Reiz mehr?

Sehen Sie, ich habe fast 100 Filme gemacht, allein 38 davon in 25 Jahren Amerika, ich wurde drei Mal für den Oscar nominiert. Mehr kann man nicht erreichen. Irgendwann muss man auch mal sagen können: Jetzt ist genug. Und ich war 72, als ich das sagte.

Bitte unterbrechen Sie mich, wenn die Frage zu persönlich ist. Aber Sie wollten auch in den Ruhestand, um ihn mit Ihrer Frau zu genießen, die im Herbst 2006 überraschend gestorben ist. Ist der Unruhestand eine Möglichkeit, das zu kompensieren?

Das ist eine interessante Frage. Einerseits ja. Natürlich hat es damit zu tun, dass ich nicht so gern allein zu Hause sitze. Andererseits war es eben genau meine Frau, die Nein gesagt hat, und das sehr konsequent. Sie hat genau entschieden, welchen Film ich mache, mit welcher Zeitung ich rede usw.

Wie ist das nun?

Jetzt kümmert sich meine jüngere Schwester Ulla um mich. Und die lernt ebenfalls, langsam Nein zu sagen. Ich trainiere sie jedenfalls dazu.

Brauchen Sie jemanden aus dem Familienkreis, der Sie quasi betreut?

Es hält einem den Rücken frei. Aber natürlich: Der Lebensplan war ein anderer. Meine Frau und ich hatten beschlossen, Schluss zu machen, um endlich die vielen Dinge machen zu können, für die nie Zeit war, weil ich immer gearbeitet habe. Wenn man 50 Jahre verheiratet war mit einer so wunderbaren Frau - das ist ein unglaublicher Verlust, der ist unersetzlich.

Vermissen Sie Amerika?

Gar nicht.

Das liegt ganz hinter Ihnen?

Mein Sohn Florian arbeitet ja als Kameramann in New York. Ich habe meine Wohnung dort verkauft, habe aber jetzt die Souterrainwohnung in seinem Haus und kann kommen, so oft ich will. Ich bin da gerne, weil es meine Familie ist, meine Enkelkinder. Es ist auch schön, mal wieder New York zu besuchen. Ich habe auch noch mein Haus in L.A., aber das hat gerade Helen Hunt gemietet. Da warte ich mal noch mit dem Verkauf, bis die Immobilien wieder rauf gehen. Aber ich bin gern wieder hier. Ich liebe Deutschland. Ich habe lange vergessen, wie sehr. Und ich brauche auch die Jahreszeiten. Ich genieße Berlin. Und Franken, da habe ich ein Haus, das ist meine Scholle.

Dann werden Sie auch Berlin verloren gehen?

Nein, Berlin bleibt immer. Franken allein genügt nicht. Es ist wunderschön dort, aber das kann einen nicht ausfüllen. Ich brauche die Stadt, die Anregung, die Theater und Konzerte, vor allem aber: die Freunde, überhaupt Menschen. Ein enormer Vorteil in Franken ist allerdings die Scheune, da habe ich ein Kino einbauen lassen. Mit einem wirklich guten Projektor und einer guten Leinwand. Sich da Filme anzugucken, das ist was Wunderbares. Und weil ich ja Mitglied der Amerikanischen, Europäischen und der Deutschen Filmakademie bin, bekomme ich viele Filme zugesandt, im Schnitt 80 bis 100 im Jahr. Ich komme gar nicht dazu, die alle zu schauen.

Keine eigenen Filme?

Nur, wenn andere sie sehen wollen.

Ihr Lebensmotto lautet "Alles wird gut". Woher kommt diese Zuversicht?

Ich hatte eigentlich immer viel Glück in meinem Leben. Ich werde nie vergessen, wie ich im Zoopalast in Berlin saß, als Martin Scorsese "Wie ein wilder Stier" vorgestellt hat ...

... mit Robert De Niro als Boxer ...

Ich habe damals schon zu meiner Frau gesagt: Mit dem würd' ich gern mal zusammen arbeiten! Das war da aber noch genauso abwegig, wie zum Mond zu fliegen. Und später war ich dann auf dem Mond!

Ein erfüllter Traum?

Ja, ich habe immer Glück gehabt im Leben. Und es ist ja auch immer alles gut gegangen, bis auf den Tod meiner Frau. Und selbst da gibt es für mich einen großen Trost: Meine Frau hat nie gelitten. Sie war nie krank, sie war von einem Tag auf den anderen tot. Das ist auch eine Gnade. So einen Tod wünsche ich mir auch.