Jubiläum

Fünf Jahre Holocaust-Mahnmal - Lea Rosh' Bilanz

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas besteht fünf Jahre. Am 5. Mai soll das Jubiläum mit einer Bürgerfeier begangen werden. Ohne Lea Rosh würde es das mittlerweile weltbekannte Stelenfeld nicht geben. Morgenpost Online sprach mit der Initiatorin über den langen Weg von der Idee bis zur Verwirklichung.

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Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas besteht fünf Jahre. Zudem feiert der Förderkreis sein 20-jähriges Bestehen. Am 5. Mai soll das Jubiläum mit einer Bürgerfeier begangen werden, begleitet von eine Ausstellung.

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Morgenpost Online: Frau Rosh, warum sind fünf Jahre Denkmal für die ermordeten Juden Europas und 20 Jahre Förderkreis Grund zum Feiern?

Lea Rosh: Als wir als Bürgerinitiative anfingen, haben alle gesagt, lass die mal machen, das wird sowieso nichts. Erst Richard von Weizsäcker war der erste Staatsmann, der das Anliegen der Bürgerinitiative ernst nahm. 1992 waren Edzard Reuter und ich vom Förderkreis bei Bundesinnenminister Rudolf Seiters. Der Bund teilte uns mit, dass er mit uns und dem Land Berlin das Denkmal verwirklichen wolle. Das war ganz wichtig und entscheidend, dass der Staat sich das Anliegen einer Bürgerinitiative, die Idee von Bürgern zu eigen machte. Wir feiern hier nicht ausgelassen mit Tanz. Wir wollen aber mit den Berlinern und Berlinerinnen das erfolgreiche Engagement von Bürgern feiern. Das verstehen wir auch als Ermutigung für andere.

Morgenpost Online: Worin liegt die Leistung des Förderkreises, dieser Bürgerinitiative?

Rosh: Dass wir uns in unserem Anliegen, an die ermordeten Juden Europas zu erinnern, haben nicht beirren lassen. Denn unsere Idee wurde zunächst von vielen nicht ernst genommen, nur einige nahmen sie ernst. Wichtig war überdies, dass wir ein Denkmal ausschließlich für die ermordeten Juden durchgesetzt haben, gleichzeitig aber für alle Opfergruppen wie die Sinti und Roma, die Homosexuellen und auch die sowjetischen Zwangsarbeiter ein eigenes Gedenken gefordert haben. Das war nicht immer lustig. Die Angriffe auf uns und auf mich haben gesessen. Ohne meinen Mann Jakob Schulze-Rohr an meiner Seite hätte ich das gar nicht geschafft. In schlimmen Momenten hat er dann immer zu mir gesagt, komm wir gehen etwas essen und trinken und lenken uns ab. Wir wissen doch, wir bleiben dabei. Er war – wie auch Mitinitiator Eberhard Jäckel – unerschütterlich.

Morgenpost Online: Unerschütterlich aber waren Sie doch auch.

Rosh: Man wird mit der Zeit schon porös. Man stumpft nicht ab. Wenn ich im Ort der Information die Schicksale der ermordeten Juden lese, kommen mir manchmal die Tränen. Und wie gesagt, die Angriffe haben gesessen. Da war mein Jakob eine große Stütze. Man braucht schon eine liebevolle Unterstützung von Gleichgesinnten. Die bekam ich auch von unseren Förderkreismitgliedern, wie es natürlich auch von außen Unterstützung gab.

Morgenpost Online: Was waren die schwierigsten, was die schönsten Etappen?

Rosh: Grauenhaft – und da dachten Eberhard Jäckel und ich, wir treten aus der SPD aus – war, als Gerhard Schröder im August 1998 uns aus Amerika über seinen designierten Kulturstaatsminister Michael Naumann sagen ließ, wir bauen das Schloss, aber auf gar keinen Fall das Denkmal. Da haben wir gedacht, das kann doch gar nicht sein, dass unsere Partei uns das antut. Ein schrecklicher Moment war auch, als Jäckel und ich im Juni 1995 bei Roman Herzog waren, um das Fundraising-Dinner der deutschen Wirtschaft zu besprechen und mein Mann anruft und mir mitteilt, dass Helmut Kohl den Siegerentwurf für das Denkmal von Christine Jakob-Marx nicht verwirklichen lässt. Hätte sich vor mir ein schwarzes Loch aufgetan, wäre ich hineingesprungen. Als schönsten Moment würde ich den bezeichnen, als klar war, wir bauen das Denkmal. Das war die Bundestagsabstimmung im Juni 1999. Jäckel und ich waren natürlich dabei. Es gab fünf Abstimmungen. Als es endlich so weit ist und Rudolf Seiters – damals Vize-Bundestagspräsident – zu uns hoch guckt und das Victory-Zeichen macht, war das ein überwältigender Moment. Der Bundestag stimmte mit einer Zweidrittelmehrheit für das Denkmal. Das war eine wunderbare Bestätigung. Das war etwas ganz Tolles.

Morgenpost Online: Würden Sie den gleichen Weg noch einmal gehen?

Rosh: Ich fürchte, ja – trotz aller Angriffe und Beleidigungen. Denn die Grundidee, die ermordeten Juden Europas in dieser Stadt zu ehren, war sonnenklar. Klar haben wir auch Fehler gemacht, als wir zu Beispiel meinten, alle wichtigen Leute angesprochen zu haben, ob sie denn mitmachen wollten. Da haben wir ein paar vergessen. Und mit Beleidigten zu tun zu haben, ist nicht einfach. Vielleicht hätte ich auch sanfter sein sollen. Aber wenn ich sanfter gewesen wäre, hätten wir das Denkmal nicht bekommen. Ich hätte die Menschen vielleicht auch mit größerer Freundlichkeit mitnehmen sollen. Ich dachte immer, ich sei freundlich, aber vielleicht war ich dann doch nicht immer ganz so freundlich.

Morgenpost Online: Fünf Jahre Denkmal und 20 Jahre Freundeskreis werden am 5. Mai mit einer Bürgerfeier mit Prosecco am Denkmal begangen. Gab es eigentlich eine Diskussion, ob das angemessen ist?

Rosh: Wir feiern ja nicht den Mord an den Juden, sondern, dass sich die Idee der Bürgerinitiative durchgesetzt hat und dieser Staat mitgemacht hat. Das ist das Wunderbare. Das wollen wir mit den Bürgern feiern.

Morgenpost Online: Was sagen Sie auf Kritik, die Bürgerinitiative feiere sich hier selbst?

Rosh: Ach wo, wir feiern uns nicht selbst. Wir haben uns noch nicht einmal gegenseitig auf die Schulter geklopft, obwohl wir manchmal ganz schön erschöpft sind, Geld sammeln, alle ehrenamtlich arbeiten und ungeheuer viel Arbeit haben.

Morgenpost Online: Was erwartet den Besucher in der Ausstellung?

Rosh: Wir blättern die ganze Geschichte des Denkmals mit all ihren Schwierigkeiten auf.

Morgenpost Online: Das Denkmal ist längst selbstverständlich. Welche Aufgabe hat der Förderkreis noch?

Rosh: Unsere Arbeit ist noch nicht vollendet. Wir haben von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem 3,2 Millionen Schicksale von ermordeten Juden bekommen. Wir wollen, dass jedes Schicksal im Ort der Information sichtbar wird und sammeln dafür Geld. Die Aufarbeitung eines jeden Schicksals kostet 60 Euro. Außerdem kämpft der Förderkreis gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Da gibt es in unserem Land noch viel zu tun. So wird es während der Ausstellung einmal im Monat eine Veranstaltung zu diesem Thema geben.