60 Jahre Luftbrücke

Mammutaufgabe zur Rettung der früheren Feinde

Mit Statistiken, einer Zeitung und Berlinerinnen mit der Lizenz zum Flirten motivierte Luftbrücken-Kommandeur William H. Tunner seine Mannschaften zu Höchstleistungen. Denn der Erfolg der Rettungsaktion hing von ihrem uneingeschränktem Engagement ab.

Den Untertanen Ihrer Majestät Queen Elisabeth II. sagt man großes Talent zum Understatement nach. Ganz gleich, ob das allgemein so stimmt oder nicht: Die vielleicht charmanteste Untertreibung über die Luftbrücke stammt von einem Briten. Genauer, von Ian McGregor Dearie, der während der Blockade der drei westlichen Sektoren der früheren Reichshauptstadt 1948/49 auf dem Flughafen Fassberg in Niedersachsen deutsche Ladearbeiter beaufsichtigte. Dearie schlief im Sommer 1948 wie die meisten seiner wehrpflichtigen Kameraden in Zelten kaum 200 Meter von den Startbahnen entfernt. „Etwas laut in der Nacht“ sei es gewesen, erinnert sich Dearie lakonisch an das Donnern voll beladener Transportmaschinen über den Köpfen der oft völlig erschöpften Briten und Amerikaner.

Es waren überwiegend Soldaten, denen ihre Tätigkeit zugunsten des ehemaligen Feindes Deutschland befohlen worden war; außerdem noch von der britischen Regierung angeworbene Charter-Crews. Dennoch hing der Erfolg der Aktion am uneingeschränkten Engagement ungezählter Männer und Frauen. Und derlei kann man weder befehlen noch kaufen – dafür muss man Begeisterung wecken.

Den Organisatoren der Luftbrücke gelang das unter anderem auf eine überraschend einfache Weise: Sie riefen einen Wettbewerb zwischen den einzelnen Transportgeschwadern aus – mit einem öffentlichen Vergleich der täglich beförderten Tonnage. Bei alliierten Geheimdienstlern rief diese Offenheit anfangs helles Entsetzen hervor, gab man dem Feind auf diese Weise doch geheime Informationen über die eigene Leistungsfähigkeit preis. Doch General William H. Tunner, der Kommandeur der Luftbrücke, hielt dagegen, dass man „eine voll beladene viermotorige Transportmaschine nicht geheim in die Stadt schmuggeln“ könne. Mit anderen Worten: Durch die Veröffentlichung wurden keine geheimen Informationen gefährdet, aber es war durch Offenheit viel zu gewinnen.

General Tunner trieb seine Untergebenen auf unterschiedlichste Weise zu Höchstleistungen an: Um den Aufenthalt auf den Berliner Flughäfen Tempelhof, Gatow und ab Anfang November 1948 auch Tegel so kurz wie möglich zu halten, ließ er nicht nur die Entladung besonders effizient gestalten. Er verbot seinen Crews auch, sich von ihren Flugzeugen zu entfernen, um Verspätungen beim Rückflug zu vermeiden. Doch weil Tunner wusste, dass er seinen Männern solche Einschränkung schmackhaft machen musste, ließ er mobile Snack-Bars zu den Flugzeugen fahren, besetzt mit besonders hübschen Berlinerinnen, die ausdrücklich flirten durften und sollten. Tatsächlich hob diese überraschend einfache Methode bei den meist jungen Piloten die Stimmung während ihrer auf oft nur noch 15 bis 20 Minuten verkürzten Aufenthalte.

Einen anderen Einfall verdankte Tunner seinem Chefnavigator Harold Sims. Eines Tages Anfang August 1948 fragte der General den 36-Jährigen: „Wie können wir unseren Piloten Informationen bringen und sie motivieren?“ Sims antwortete seinem Chef: „Starten Sie eine Zeitung!“ Darauf entschied Tunner: „Gute Idee! Machen Sie eine!“ Und auf einmal war Sims, der sich zwar mit Flugzeugen und Kursberechnungen auskannte, aber noch nie in seinem Leben etwas mit Nachrichten zu tun gehabt hatte, für die tägliche „Task Force Times“ verantwortlich.

Besonders beliebt waren die Karikaturen, die vor allem Sergeant John „Jake“ Schuffert zeichnete. Tunner sagte rückblickend über diesen Glücksgriff: „Er hatte ein außerordentliches Talent, seinen Leser genau das zu geben, was sie wollten. Seine Zeichnungen waren hart und bitter und spießten jeden Mangel der Luftbrücke auf. Aber sie zauberten stets ein Lächeln auf die Gesichter der Männer.“ Dennoch hatten höhere Offiziere unter Schufferts derbem Humor oft zu leiden. Im europäischen Hauptquartier der US Air Force sollen sich einige von ihnen über die Karikaturen geradezu die Haare gerauft haben. Tunner selbst musste feststellen, dass seine wichtigsten Mitarbeiter, die Stützpunktkommandeure, besonders oft zu Zielscheiben wurden. Einmal wollte ein verhöhnter Base Commander die „Task Force Times“ sogar von seinem Flugplatz verbannen. Doch Tunner schritt ein: „Ich widerrief diesen Befehl. Schuffert hatte carte blanche. Ich war der Einzige, der ihn zensieren durfte, und ich tat es nur sehr selten, als seine Art von Latrinenhumor denn doch zu derb wurde.“ Die Zeichnungen waren das unverzichtbare Ventil für die oft bis über ihre Leistungsfähigkeit hinaus arbeitenden Mannschaften der Luftbrücke. Das macht sie auch im Rückblick so interessant.