60 Jahre Luftbrücke

Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif

Wenig erinnert heute noch im Stadtbild an die Luftbrücke, die größte zivile Flughilfsaktion der Weltgeschichte. Der Leiter des Alliiertenmuseums Berlin, Helmut Trotnow, über die Leistung der Schutzmächte, die Lehren für die Zukunft und den möglichen Umzug seiner Dokumentation zum Flughafen Tempelhof.

Foto: dpa Picture-Alliance / THILO RÜCKEIS TSP / Tagesspiegel

Nicht nur elf Monate während der Blockade 1948/49, sondern mehr als 45 Jahre lang garantierten die Alliierten die Freiheit West-Berlins – von Juli 1945 bis zur deutschen Einheit im Oktober 1990. Es waren nie mehr als 12.000 Soldaten aus den USA, Großbritannien und Frankreich gleichzeitig hier, gegenüber zeitweise bis 300.000 Sowjetsoldaten rund um West-Berlin. Die Präsenz der alliierten Truppen war also mehr symbolisch als militärisch. Im heutigen Stadtbild ist von diesem so wichtigen Engagement nur wenig: Einige französische Straßennamen rund um den Flughafen Tegel, das nachgebaute Kontrollhäuschen am früheren Alliiertenübergang Checkpoint Charlie, der Mythos Glienicker Brücke – und die das deutsch-französische und das deutsch-amerikanische Volksfest. Die Leistung der Schutzmächte würdigt das Alliiertenmuseum an der Clayallee in Zehlendorf, eine internationale und weltweit einzigartige Dokumentation. Helmut Trotnow ist von Beginn der Planung an Direktor dieses Museums, das in diesem Jahr wie schon 1998 zum 50. Jubiläum der Luftbrücke der zentrale Ort der Erinnerung an die Blockade und ihre Überwindung ist. Mit dem 62-Jährigen sprach Sven Felix Kellerhoff.

Morgenpost Online: Die Luftbrücke war ein westdeutsches, vor allem natürlich ein West-Berliner Ereignis. Hat sie wirklich eine nationale historische Bedeutung?

Helmut Trotnow: Die Luftbrücke hat nicht nur nationale, sondern auch internationale Bedeutung. Das Gerede vom Ost-West-Gegensatz hat uns vergessen lassen, worum es 1948/49 in der Berlin-Blockade und der Luftbrücke eigentlich gegangen ist: Nach der Katastrophe des Dritten Reiches wollten die Menschen ihr Leben endlich selbst bestimmen. Die Begriffe Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaat kamen jedoch in der kommunistischen Weltanschauung nicht vor. Der sowjetische Diktator Stalin und mit ihm die deutschen Kommunisten glaubten das Problem dadurch zu lösen, dass sie eine Blockade über West-Berlin verhängten und mehr als zwei Millionen Menschen zu Geiseln machten. Der Erfolg der Luftbrücke wurde zum Wendepunkt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Westmächte blieben in der Stadt, und der demokratische Wiederaufbau ging weiter. Erst im Rückblick von 60 Jahren wird deutlich, dass mit der Luftbrücke jener Prozess begann, der 1989/90 mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur und dem Wiedergewinn der deutschen Einheit seinen erfolgreichen Abschluss fand. Der Wunsch nach Freiheit ist die Verbindung. Dass wir unser Leben in Deutschland selbst bestimmen können, hat direkt mit dem Erfolg der Luftbrücke zu tun.

Morgenpost Online: Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Luftbrücke für die Zukunft?

Trotnow: Die Grundwerte Freiheit und Demokratie gibt es nicht zum Nulltarif. Die demokratischen Gesellschaften werden sich immer wieder gegen Angriffe von außen verteidigen müssen. Wenn wir unser Engagement auf dem Balkan oder in Afghanistan diskutieren, sollte uns die historische Erfahrung der Luftbrücke präsent sein. Hätten die USA und die beiden anderen Westmächte 1948 Nein gesagt, was wäre aus Berlin, aus Deutschland, ja aus dem gesamten europäischen Kontinent geworden?

Morgenpost Online: Sie haben vorgeschlagen, dem US-Piloten Robert D. Taggart postum die „Air Lift Medal“ zu verleihen?

Trotnow: Die Anfänge der Luftbrücke erforderten von den Aktiven Einsatz und enorme Risikobereitschaft. Taggart war einer der ersten, die auf amerikanischer Seite zum Einsatz kamen. Sein Beispiel zeigt, dass der Erfolg alles andere als selbstverständlich gewesen ist. Nicht zuletzt die Frauen und Männer der ersten Stunde haben diesen Erfolg möglich gemacht.

Morgenpost Online: Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums und als Vorsitzender des Trägervereins Alliiertenmuseum Ihr Chef, hat einen Umzug Ihres Museums in den bald stillgelegten Flughafen Tempelhof vorgeschlagen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat diese Idee als unrealistisch zurückgewiesen.

Trotnow: Das Alliiertenmuseum besteht jetzt zehn Jahre – trotzdem ist es immer noch ein Provisorium. Der Standort an der Clayallee wurde nie auf den Museumszweck hin umgerüstet. Die Räumlichkeiten reichen nicht mehr aus, um den Auftrag des Museums lebendig und informativ zu erfüllen. Das können wir aber, denn das Museum verfügt über eine einmalige Sammlung. Leider hat sich die Bundespolitik bis heute um die Frage gedrückt, wie sie mit dem historischen Erbe aus der Zeit von 1945 bis 1994 umgehen will. Die bisherige institutionelle Förderung durch den Bund reicht da nicht aus. Wie groß, wie klein soll das Museum am Ende sein? Persönlich fände ich den Standortwechsel schade, denn an der Clayallee ist der noch einzige authentische Ort der alliierten Präsenz. Die Zukunft des Museums ist jedoch wichtiger. Tempelhof wäre ein idealer Standort, der die Entwicklung des Museums langfristig sichern würde.

Morgenpost Online: Seit einiger Zeit geistert der Vorschlag durch die Öffentlichkeit, ein „Museum des Kalten Krieges“ in Berlin zu schaffen. Was müsste solch ein Museum leisten und wo sollte es stehen?

Trotnow: Ich bin skeptisch, denn die Geschichte hinter diesem Begriff finden Sie an mehreren Orten in der Berliner Museumslandschaft, natürlich auch im Alliiertenmuseum.

Morgenpost Online: Der US-Historiker Andrei Cherny nennt die Luftbrücke „America’s finest Hour“. Trifft seine Einschätzung zu?

Trotnow: Dieser junge Amerikaner hat ein wichtiges Buch geschrieben, das möglichst bald in deutscher Sprache erscheinen sollte. Bis heute gibt es keine Gesamtdarstellung zur Berliner Luftbrücke. Cherny untersucht die amerikanische Seite der Geschichte, die ja bereits 1941 mit dem Kriegseinsatz beginnt. Nach dem militärischen Sieg über Hitler-Deutschland stiegen die USA gemeinsam mit der Sowjetunion zur Weltmacht auf. Ein Engagement in Europa war nicht geplant. Präsident Franklin D. Roosevelt wollte mit den Vereinten Nationen eine Grundlage schaffen, um künftige Kriege unmöglich zu machen. General Lucius D. Clay, der US-Militärgouverneur in Deutschland, war sein glühender Anhänger. Die Berliner Erfahrung änderte alles. Die Luftbrücke war in der Tat eine „große Stunde“ der amerikanischen Geschichte; eine „Stunde“, von der Deutschland zutiefst profitiert hat.