60 Jahre Luftbrücke

Der schnellste Flughafen aller Zeiten

In nur 90 Tagen bauten Zehntausende Berliner auf dem alten Schießplatz Tegel einen kompletten Airport – unter Oberhoheit der französischen Militärregierung und weitgehend von Hand.

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Not macht erfinderisch. Schon nach drei Wochen Luftbrücke war allen Verantwortlichen Mitte Juli 1948 klar, dass die Versorgung West-Berlins aus der Luft nur dann weitergehen konnte, wenn neben Tempelhof und Gatow schnellstmöglich ein drittes Flugfeld gebaut würde. Binnen weniger Tage einigten sich die Stadtverwaltung und die drei Alliierten, dass als Standort nur der frühere Schießplatz Tegel im französischen Sektor in Frage kam.

Doch ideal war dieses Areal keineswegs: Schon seit 1824 hatte dort die preußische Artillerie geübt und im Kaiserreich für Staatsgäste Manöver abgehalten. Seit 1930 wurden dort dann erste Raketen getestet. Deshalb lagen zahlreiche Blindgänger in dem großen Areal im einstigen Gutsbezirk Jungfernheide, die erst einmal geräumt werden mussten, bevor mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte.

Ein weiteres Problem in Tegel war das Gelände. Anders als das flache Tempelhofer Feld, das sich deshalb ideal als Flugplatz eignete, verliefen quer zur geplanten Start- und Landebahn in Tegel vier zehn bis zwölf Meter hohe Grate – Reste aus der Eiszeit. Und weil es nur vier Planierraupen gab, mussten Tausende Berliner zupacken: Zum offiziellen Baubeginn am 5. August 1948 zählte die zuständige französische Militärregierung 1800 deutsche Helfer, und bald waren es zehnmal so viele, fast die Hälfte davon Frauen. Mit Schaufeln und Schubkarren glichen sie in drei Schichten rund um die Uhr die Terrainunterschiede aus. Dann wurden riesige Mengen Trümmerschutt herangeschafft, als Untergrund für die neue Startbahn. Insgesamt 1,2 Millionen Kubikmeter wurden insgesamt bewegt, davon 290.000 Kubikmeter Ziegel und Steine. Mit dieser Menge hätte man den damaligen Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz) bis auf die Höhe des fünften Stockwerks der umliegenden Häuser zuschütten können.

Die US Air Force flog 10.000 Fässer Asphalt ein, um die Oberfläche der Bahn zu versiegeln. Doch die dafür nötigen schweren Baumaschinen fanden nicht einmal in ihre Bauteile zerlegt Platz in den Transportmaschinen. Also reaktivierte die Air Force einen kreativen Schweißer, der schon einmal in Brasilien sperrige Teile von Walzen und Kränen erst zerlegt und nach einem Lufttransport wieder einsetzbar gemacht hatte. H. P. Lacomb schaffte das Gleiche auch in Tegel, und so rollten im Oktober 1948 insgesamt 34 Bulldozer, 32 Walzen und sechs Planiermaschinen über die neue Bahn von 1800 Metern Länge und 30 Metern Breite.

Am 5. November 1948 um genau 14.45 Uhr war es so weit: Auf dem neuen Flugfeld landete die erste C-54. Zehn Tage später wurde die Bahn zunächst für kleine Maschinen und im Dezember ganz freigegeben. Sobald das Wetter es zuließ, wurde ab März 1949 parallel zur ersten eine weitere, noch längere Startbahn gebaut. Dank der neuen Landekapazität konnte die Zahl der Flüge nach Berlin deutlich gesteigert werden.

Unter den Berlinern war die Arbeit beim Flughafenbau begehrt. Denn erstens gab es einen ungewöhnlich hohen Stundenlohn von 1,20 Mark, und zweitens verfügte der französische Stadtkommandant, dass jeder Helfer nach der Hälfte seiner Schicht eine warme Mahlzeit mit 678,5 Kalorien bekommen sollte. Zeitzeugen, die mitgearbeitet haben, erinnern sich bis heute gern an die Stimmung auf dieser vielleicht wichtigsten Baustelle der Berliner Geschichte.