Körperwelten-Ausstellung

Totes Paar beim Sex soll erst der Anfang sein

Die umstrittene Ausstellung "Körperwelten" ist wieder in Berlin zu sehen. Vor acht Jahren haben die Plastiken von Toten in der Hauptstadt für Aufsehen gesorgt – und 1,3 Millionen Gäste angelockt. Nun provoziert der Plastinator Gunther von Hagens mit Toten beim Sex. Doch das soll längst nicht alles sein.

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Tote beim Sex in Körperwelten- Ausstellung

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Demnächst wird Gunther von Hagens wieder den Berliner Taxi-Test machen können. „Einmal zur Körperwelten, bitte“, wird er dann sagen. „Im Jahr 2001 hat das schon nach kürzester Zeit von jedem Ort in Berlin aus funktioniert“, sagt er. Egal, wo er war, der Taxifahrer hat ihn immer zum Postbahnhof am Ostbahnhof gefahren. Zu dem Ort, der damals für so viel Aufsehen sorgte, weil dort echte Tote als Kunstwerke ausgestellt wurden – bei der ersten „Körperwelten“-Ausstellung in Berlin.

Nun ist „Körperwelten“ wieder in Berlin zu sehen. Doch weil die Bilder der „posierenden Leichen“ inzwischen jeder kennt, hat sich von Hagens mit seinem Team etwas ganz besonderes ausgedacht: der sogenannte „schwebende Akt“. In einem Glaskasten werden zwei Menschen gezeigt, die miteinander Sex haben. Die Haut wurde ihnen abgezogen und man kann genau sehen, wie die beiden Geschlechter miteinander verschmelzen. Als weitere Attraktionen kündigte der Plastinator zudem in wenigen Wochen die ersten beweglichen Objekte sowie einen gehäuteten „Berliner Bären“ an.

Aufregung schon vor Beginn der Ausstellung

Der Tabubruch mit dem Liebespaar erzürnte schon im Vorfeld zahlreiche Menschen, darunter Politiker mehrerer Parteien. Empört verlangte etwa der CDU-Bundestagabgeordnete Kai Wegner, die Staatsanwaltschaft müsse prüfen, „ob eine derartig abstoßende Darstellung mit unserem Rechtssystem vereinbar“ sei. Nach Auffassung des kulturpolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Michael Braun, verstößt Hagens mit seiner Ausstellung gegen Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Die „Darstellung von Menschen in enthäuteter Situation“ sei würdelos.

Auch die Berliner Grünen-Abgeordnete Alice Ströver zeigte sich empört: „Geld mit Leichen zu verdienen ist absolut jenseitig. Dieses Paar ist dann noch der Gipfel – und sollte nicht gezeigt werden.“ Nach Ansicht der kulturpolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Brigitte Lange, muss die Ausstellung „eigentlich eingestellt“ werden, da sie die Totenruhe verletze. „Man stellt keine Toten aus.“ Die Darstellung des Sexualakts sei „pervers“. Da fehlten einem die Worte.

Wenn Tote mit Augenlidern klimpern

Gerade von der Bewegung in den ausgestellten Körpern verspricht sich der Plastinator viel: „Es ist ein weiterer Schritt in Richtung realistischer Darstellung von Anatomie“, sagte er. Der elektrische Mechanismus für die Objekte sei schon produziert und müsse nur noch angebracht werden. An welchem Ausstellungsstück, das ließ er zunächst offen. „Aber es werden sich einige Besucher erschrecken, wenn sich plötzlich die Köpfe bewegen oder die Plastinate mit den Augenlidern klimpern.“

Laut Gunther von Hagens geht es ihm dabei aber weniger um den einfachen Schockeffekt, als mehr um die Bildung der Menschen: „Der Voyeurismus soll die Menschen in die Ausstellung locken“, sagt er, „aber wenn sie einmal in der Ausstellung sind, sollen sie etwas lernen über den Körper, dessen Verwundbarkeit, dessen Einzigartigkeit.“ Besonders sei zudem, dass bei dieser Ausstellung das Thema Gesundheit eine noch zentralere Rolle spiele. Konzipiert hat dies seine Frau Angelina Whalley.

Doch egal, was das Thema ist, zunächst zählt wieder der Effekt: Ein vollkommen explodierter Weihnachtsmann sitzt auf einem Schlitten, der von gehäuteten Rentieren gezogen wird. Ein Mann hält eine Frau in die Höhe, die in der Mitte gespalten ist. Ein Mensch ist so auseinandergeklappt, dass das Gehirn auf dem Boden liegt, er aber trotzdem zu springen scheint. Und dann natürlich die übliche Fettleber und die Raucherlunge. „Jeder Besucher soll sehen, welchen Effekt seine Gewohnheiten auf seinen Körper haben“, so von Hagens.

Sex-Paar an Lungenkrebs gestorben

Selbst das Paar vom „schwebenden Akt“ soll dazu beitragen. Diese Plastination sei allerdings in einem gesonderten Raum aufgestellt worden, da Besucher solche Darstellungen anstößig finden könnten, sagt Angelina Whalley. Besucher unter 16 Jahren sei der Zutritt nur gestattet, wenn ein Erziehungsberechtigter einwillige.

Wer will, erfährt über die beiden dort Vereinten, dass beide Deutsche waren, sie beide geraucht haben und an den Folgen von Lungenkrebs gestorben sind – er mit 51, sie mit 58 Jahren. Doch von Hagens geht es nicht um die persönlichen Schicksale der dargestellten Körper. „Jeder Besucher soll sich selbst in den plastinierten Körpern wiederfinden.“ Die anatomische Darstellung der Toten soll helfen, das Leben zu verstehen.

Die Texte zumindest sind oft didaktisch und dabei locker geschrieben. Gleich im ersten Raum über die Entstehung des Lebens heißt es: „Die Zygote (die befruchtete Eizelle nach der Verschmelzung der beiden Geschlechtskerne, die Red.) geht sofort und unermüdlich ans Werk!“ Im zweiten Raum erfährt man, dass freie Radikale den Körper von innen heraus „rosten“ lassen. Und wer es noch nicht wusste: „Schlechtes Sehen und Blindheit erschweren den Alltag.“ Die Texte hat der Plastinator häufig selbst verfasst – dabei ist er aktuell ein viel beschäftigter Mann. Aktuell gibt es an mehreren Stellen der Welt Ausstellungen: Sevilla, London, San Diego, Florida und Haifa.

Aber Berlin liegt Gunther von Hagens eben speziell am Herzen, deshalb hat er sich diesen Ort für die Premiere für seine umstrittensten Werke ausgesucht: „In dieser toleranten Stadt treffen einfach die großen Gegensätze aufeinander – Alt und Jung, Ost und West, Liberal und Konservativ.“ Er selbst bezeichnet sich als „Ost-West-Chamäleon“, fühlt sich aber seiner ostdeutschen Heimat Thüringen noch immer sehr stark verbunden. Sein 93-jähriger Vater ist deshalb auch zur Eröffnung der Berliner Ausstellung gekommen und zeigt sich stolz neben dem Sohn.

Auch er will seinen Körper für die Wissenschaft zur Verfügung stellen, sagt er, genauso wie der Plastinator selbst. Ein Nebeneffekt dieser immer realistischeren Ausstellungsstücke ist, dass sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, ihren Körper Gunther von Hagens zu spenden – im Durchschnitt kommen zwei pro Tag hinzu. Das habe weniger mit „posthumer Eitelkeit“ zu tun, sagt von Hagens, als vielmehr mit dem Wunsch, seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Auch Michael Jackson soll unter den Anwärtern sein, wurde immer wieder kolportiert. Der Plastinator will das aber nicht kommentieren, sondern sagt dazu nur: „Wir stehen in Kontakt.“

Warum Menschen Plastinate werden wollen

Dass es aber tatsächlich rund 10.000 Menschen weltweit gibt, die den „Monsterfragebogen“, wie er von den Ausstellungsmachern selbst genannt wird, ausgefüllt haben, ist durchaus vorstellbar. Bei der Eröffnung waren rund 20 von ihnen anwesend – die meisten aus Berlin und Umgebung. Auch die in Berlin ausgestellten Körper wurden zu rund 90 Prozent von Deutschen gespendet. Viele der Anwesenden waren älter als 60 und haben sich schon über den Tod Gedanken gemacht – manche berichten von einer Nahtod-Erfahrung. Sie hätten sich deshalb für eine Plastinierung entschieden.

Eine von ihnen ist Rita Engelhardt. Die 67-jährige Charlottenburgerin hat vor ihrer Pension als Kindergärtnerin gearbeitet und hat sich vor rund einem Jahr für die Plastinierung entschieden. „Ich habe die Ausstellung in Guben angeschaut und finde die Arbeit dort einfach gut.“ Sie wolle mit ihrem Körper nach ihrem Tod gern noch „etwas bewirken“. Auch ihr Lebenspartner und ihr Sohn wollen sich dafür zur Verfügung stellen. Nur den Punkt 54B im Fragebogen hat sie mit „Nein“ beantwortet. Dort wird geregelt, ob man sich auch für die Darstellung eines sexuellen Aktes zur Verfügung stellen will.

Berlin bekommt einen plastinierten Bär

Auf die Freiwilligkeit legt Gunther von Hagens viel Wert. Vor Jahren wurde ihm vorgeworfen, unbekannte Häftlinge aus China für seine Objekte zu verwenden. Die Gerüchte versucht er zusammen mit seiner Frau und Geschäftsführerin Angelina Whalley zu zerstreuen. „Inzwischen lassen wir in China nur noch Tiere plastinieren“, sagt er. Von dort kommt auch der plastinierte Bär – den er extra für die Berliner Ausstellung herstellen lassen hat. Der befindet sich allerdings noch auf der Reise. Ob die Berliner dafür allerdings 17 Euro Eintrittspreis zahlen wollen, bleibt derzeit noch offen.

Kirchen bleiben diesmal ruhig

Immerhin: Vor acht Jahren haben die Preise von damals 22 Mark (11,25 Euro) niemanden von einem Besuch abgehalten. Insgesamt mehr als 1,3 Millionen Gäste hatten den Weg zur Ausstellung gefunden – sicherlich auch wegen des Medienspektakels und der vehementen Kritik der Kirchen. Ein evangelischer Bischof hielt 2001 gar eine Totenmesse für die ausgestellten Verstorbenen. Im Jahr 2009 halten sich das Erzbistum Berlin und die evangelische Landeskirche „nach reiflicher Überlegung“ jedoch bedeckt. Sie hielten an ihrer Kritik fest, wollten die Schau aber nicht zusätzlich publik machen, wie ihre Sprecher Stefan Förner und Volker Jastrzembski erklären. Aber ein paar Tabus hat Gunther von Hagens noch in petto: „Einen Kuss zwischen zwei Frauen zum Beispiel – den werde ich wohl erst in zehn Jahren zeigen können. Das ist jetzt noch zu kontrovers.“

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