Inoffizielle Mitarbeit

Gesine Lötzsch hat ein Stasi-Problem

Offenbar war der Mann der designierten Linkspartei-Vorsitzenden, der Berlinerin Gesine Lötzsch, als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi tätig. Gesine Lötzsch hatte ihren Mann jedoch bislang immer als Opfer des SED-Regimes dargestellt. Doch Ronald Lötzsch gehört offenbar auch zu den Tätern.

Die designierte Chefin der Linkspartei, Gesine Lötzsch, sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, sie pflege enge Kontakte zu Gruppierungen, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) glorifizieren. Ein Parlamentskollege von den Grünen nannte sie jüngst deshalb sogar „heilige Johanna der Alt-Tschekisten“.

Der Spitzname hat auch mit ihrem Wahlkreis zu tun: In Berlin-Lichtenberg stand einst die Zentrale des DDR-Geheimdienstes, dort leben viele ehemalige MfS-Kader. Sie lassen auf ihre Abgeordnete, die seit 2002 stets direkt in den Bundestag gewählt wurde, nichts kommen.

Für die Parteinahme gibt es einen guten Grund: Lötzsch spricht sich dafür aus, dass Ex-Stasi-Angehörige auch in Parlamenten und Ministerämtern geduldet werden sollten. Hinweise oder gar Belege dafür, dass die 48-jährige Philologin, die auf dem Rostocker Parteitag im Mai mit Klaus Ernst an die Spitze der Linken rücken soll, selbst verstrickt war, gibt es keine. Gern verweist Lötzsch auch auf ihren Ehemann, der Opfer des SED-Regimes war und Ende der 50er-Jahre wegen angeblicher Beihilfe zum Staatsverrat in Bautzen einsaß. Die Biografie ihres Mannes nutzte sie dazu, um in einer Bundestagsdebatte „unsachliche Angriffe gegen mich“ abzuwehren.

Nach Recherchen von Morgenpost Online stellt sich jetzt heraus, dass Gatte Ronald Lötzsch (78) nicht nur Opfer war. Dieser Redaktion liegt eine Akte aus der Birthler-Behörde vor, in der eine mehr als 20-jährige Stasi-Tätigkeit dokumentiert ist. Härtester Beleg für die Verstrickung des Slawisten: eine handschriftliche Verpflichtungserklärung vom 29. März 1962. Darin heißt es: „Ich werde alle erhaltenen Aufträge gewissenhaft ausführen und ehrlich gegenüber dem MfS berichten. Über die Zusammenarbeit werde ich mit keiner Person auch nicht andeutungsweise sprechen.“

In der von Lötzsch unterzeichneten Erklärung wählte er sich den Decknamen „Heinz“. Allein 19 handschriftliche Berichte übergab er während seiner inoffiziellen Karriere. In dem Konvolut, das die Stasi im August 1985 mit 457 Seiten archivierte, sind ferner mehr als 100 Treffen dokumentiert. In einer Beurteilung seines Führungsoffiziers erhielt „Heinz“ gute Noten: „Er erledigt seine Aufträge gewissenhaft, mit Eigeninitiative und zuverlässig. Er wird im Wesentlichen zur Bearbeitung von Sprachwissenschaftlern eingesetzt.“ Der Stasi-Offizier ergänzte, dass der IM auch Slawisten aus Polen, der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern, „die eine negative politische Einstellung erkennen lassen“, ausspionieren solle. Laut Aktenlage hatte „Heinz“ keine Skrupel, Kollegen zu denunzieren. Er berichtete beispielsweise über die Trinkgewohnheiten eines Kollegen und die charakterliche Schwäche eines anderen, der zu Hochstapelei neige.

Gesine Lötzsch war am Montagnachmittag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Ein Mitarbeiter sagte, sie sei in einer Fraktionssitzung. Ihr Ehemann gab sich gegenüber der Morgenpost Online einsilbig: „Über diese Dinge rede ich allenfalls über einen Anwalt.“

Der Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, meint zu dem Aktenfund: „Es gehört schon eine ziemliche Portion Frechheit dazu, wenn sich Frau Lötzsch ständig mit ihrem Mann als Opfer schmückt, er in Wahrheit aber über 20 Jahre für die Stasi gespitzelt hat.“ Entweder habe sie die Öffentlichkeit bewusst getäuscht oder nichts davon gewusst – was nach einer so langen Ehe wenig wahrscheinlich sei, so Knabe.

Geschockt über die Enttarnung zeigte sich der Leipziger Schriftsteller Erich Loest. Er sagte: „Der auch? Davon wusste ich nichts, das ist ja ekelhaft.“ Loest wurde 1957 mit Lötzsch verhaftet, beide mussten sich wegen ihrer Zugehörigkeit zur „Schröder-Lucht-Gruppe“ verantworten. Der Prozess stand im Zusammenhang mit einer Repressionswelle gegen Reformkräfte nach dem Ungarn-Aufstand.

Seit 1969 wieder SED-Mitglied

Damals kam Ronald Lötzsch vergleichsweise glimpflich davon. Bereits im Sommer 1961 durfte er wieder seinen Beruf als Sprachwissenschaftler an der Berliner Akademie der Wissenschaften ausüben. Bei seiner bald darauf erfolgten Anwerbung als Stasi-Spitzel wurde nach Aktenlage kein Druck ausgeübt. 1964 tilgte die Justiz den Vermerk über seine Verurteilung im Strafregister. Lötzsch glaubte an das Regime, 1969 nahm ihn die SED wieder in ihre Reihen auf.

Seine deutlich jüngere Frau heiratete Lötzsch erst 1987. Da hatte das MfS keine Verwendung mehr für ihn. In der Zeitschrift „Super-Illu“ schwärmte Gesine Lötzsch kürzlich über ihren Mann: „Er ist natürlich meine große Liebe, eine große Stütze im Leben.“

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