Musterprozess

Warum ein Berliner Gericht ins Bordell geht

Heute will das Verwaltungsgericht in einem Musterprozess entscheiden, ob Erotik-Salons in Wohngebieten zulässig sind. Vor der Verhandlung will das Gericht den Ort des Anstoßes besichtigen und hat die Streitparteien nach Halensee geladen. Morgenpost Online hat sich bereits umgeschaut.

Foto: Sergej Glanze

Nur ein Schild – „Salon Prestige“ – lässt vermuten, was in Räumen des mehrstöckigen Nachkriegswohnhauses an der Ringbahnstraße 1 in Halensee vor sich geht. Von außen ist nicht zu erkennen, dass sich im Erdgeschoss der ruhigen Wohnstraße unweit der Kurfürstendammbrücke ein Bordell befindet, in dem 25 Prostituierte arbeiten. „Nicht gleichzeitig, es sind höchstens immer sechs oder sieben Frauen hier. Sie teilen sich ihre Zeit selbst ein und arbeiten selbstständig“, betont Bordellbetreiberin Kerstin Berghäuser. Zumindest den Eingang des Wohnhauses teilt sich das Bordell mit den Nachbarn.

Die Zimmer in der 230 Quadratmeter großen Etage hat die 42-Jährige nach ihren eigenen Ideen gestaltet – abgedunkeltes Licht und Teppiche sollen für eine Wohlfühlatmosphäre sorgen. Mit Fingerspitzengefühl geleiten die Frauen, die in Dessous im Gemeinschaftsraum auf ihre Kundschaft warten, die Männer – darunter viele Stammgäste – durch die verwinkelten Flure. Diskretion ist wichtig. Die Freier sollen sich möglichst nicht begegnen.

Jedes Zimmer ist in einem anderen Stil dekoriert – indisch, italienisch, französisch, afrikanisch, ägyptisch, chinesisch-japanisch und auch deutsch im Nordseestil mit Strandkorb und Fischernetzen. „So reisen die Mädchen jeden Tag um die Welt“, sagt die Bordellbetreiberin lachend. Bis vor einigen Jahren ging sie selbst noch anschaffen, um ihren Betrieb aufzubauen.

Seit drei Jahren geduldet

Doch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf will ihrem Geschäftssinn einen Strich durch die Rechnung machen: Baurechtlich sei das Bordell in dieser Gegend nicht zulässig. Vor drei Jahren klagte die Bordellchefin deshalb gegen die Nutzungsuntersagung. Heute beginnt vor dem Verwaltungsgericht der Prozess, auf den Prostituierte und Bordellbetreiber in Berlin schauen, die ihre Etablissements in Wohnhäusern betreiben und deshalb Ärger mit der Bauaufsicht haben. Sie hoffen darauf, dass das Verwaltungsgericht Berlin im Sinne der Klägerin urteilt.

Die Branche hofft auf einen Präzedenzfall. Nach Jahren der Debatten – beispielsweise in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die keine bezirksübergreifenden Regelungen im Umgang mit bordellartigen Betrieben in Berlin erlassen wollte – erwartet das Gewerbe eine Entscheidung, die Klarheit auch im Baurecht bringt.

Bevor die Verhandlung im Verwaltungsgericht an der Kirchstraße 7 beginnt, wird die 19.Kammer den Ort des Anstoßes besichtigen: das Bordell an der Ringbahnstraße 1. Der Zeitpunkt ist mit 9.30 Uhr bewusst gewählt. Im Bordell beginnt die Arbeit um 11 Uhr.

Kerstin Berghäuser, Inhaberin vom „Salon Prestige“, ist optimistisch, dass ihr Laden bleiben darf: „Es gibt keine Beschwerden aus der Nachbarschaft. Wir arbeiten ruhig und diskret.“ An ihrer Seite kämpft Stephanie Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen ebenfalls dafür, dass die Bordelle in den Berliner Wohnhäusern baurechtlich akzeptiert werden.

Hoher Wohnanteil

Nach Auskunft von Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) handelt es sich bei dem Fall in Halensee um ein Mischgebiet, in dem auch Gewerbe zugelassen ist. Nach Auffassung seiner Behörde ist es in der Frage der Bordellerlaubnis aber wie ein allgemeines Wohngebiet zu behandeln, weil es einen hohen Wohnanteil gibt; ähnlich wie bei Fällen in der Danckelmann- und Schillerstraße, für die die Gerichtstermine im Mai und Juni bereits anberaumt sind. „Die ständige Rechtsprechung des Bundes- und Oberverwaltungsgerichts bestätigt unsere Auffassung, dass Bordelle mit einer Wohnnutzung nicht vereinbar sind. Erst Ende vergangenen Jahres sind wir mit einem ähnlich gelagerten Fall wie dem in Halensee bestätigt worden“, sagt Gröhler. Sollte das Verwaltungsgericht der klagenden Bordellbetreiberin dennoch recht geben, will das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf in die zweite Instanz beim Oberverwaltungsgericht gehen. Dann könnte das Verfahren noch Jahre dauern.

Das Bordell in Halensee ist nicht das einzige Etablissement dieser Art, das Ärger mit dem Bauamt hat, weil mit der Legalisierung der Prostitution Ende 2001 das Baurecht nicht verändert wurde. Noch immer sind beim Gewerbeamt etliche Betriebe als Hostessendienst, gewerbliche Zimmervermietung, Massagesalon oder auch als erotischer Salon statt als Bordell angemeldet.

Wird die Umgebung belästigt?

Das Verwaltungsgericht will jetzt klären, wie das Bordell von Kerstin Berghäuser einzuordnen ist – vor allem, ob für die Umgebung nicht zumutbare Nachteile oder Belästigungen entstehen. Die Vorwürfe, ihr Salon verursache „milieubedingte Begleiterscheinungen“ wie Lärm, Kondome im Hausflur oder betrunkene Freier, weist Berghäuser zurück. Beschwerden aus der Nachbarschaft habe es noch nie gegeben.

Auch Thomas A., 41-jähriger Bordellbetreiber an der Friedenauer Bundesallee 128, findet es ungerecht, dass die Bauaufsicht ihm und seinem Vermieter den Betrieb untersagen will. „Seit Jahrzehnten ist dort ein Bordell, das vermutlich in früheren Jahren als Zimmervermietung firmierte, wie die meisten. Und nur weil ich 2006 bei meiner Gewerbeanmeldung das Kind beim Namen genannt habe, habe ich jetzt Ärger“, sagt der gelernte Hotelkaufmann. Er verdiene sein Geld durch die Vermietung der drei Arbeitszimmer in den 100 Quadratmeter großen Souterrainräumen an bis zu sechs Frauen. Mit dem Sexgeschäft habe er direkt nichts zu tun. Kriminelle Begleiterscheinungen, Gewalt oder Mädchenhandel gebe es bei ihm genauso wenig wie bei der Mehrheit der Berliner Tagesbordelle: „Die meisten arbeiten seriös und ohne Beschwerden, egal, ob in Wohn- oder Mischgebieten. Es ist nicht zeitgemäß, dass die Gerichte bei Bordellen automatisch von negativen Begleiterscheinungen ausgehen, durch die andere Mieter angeblich gestört werden“, so der Chef des „Tomsen“.

„Keine Bedrohung“

Hans Ohnmacht, Bezirksverordneter der Grauen in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, ist in der Nähe der Bundesallee 128 groß geworden. Auch er hat kein Verständnis dafür, dass die Bauaufsicht den Betrieb untersagen will: „Der Laden – es gab ihn schon in den 50er-Jahren – hat einen separaten Eingang von außen. Für uns als Kinder war er normal und nie eine Bedrohung. Ins Berliner Leben fügen sich diese Bordelle doch ganz gut ein. Sie sind mir lieber, als wenn Prostitution auf der Straße stattfindet. Natürlich dürfen sie nicht zu viel werden wie an der Kurfürstenstraße.“

Für Bernd Krömer (CDU), den zuständigen Baustadtrat in Tempelhof-Schöneberg, kommt es hingegen nicht darauf an, ob Beschwerden vorliegen oder nicht. Auch in gemischten Gebieten, in denen auch Wohnungen zulässig sind, wie an der Bundesallee, seien Bordellbetriebe gemäß dem Baunutzungsplan unzulässig. Die Gerichte haben diese Auffassung bislang in der Regel ohne Einzelfallprüfung bestätigt. Begründung: Die Wohnnutzung ist unvereinbar mit den Störungen, die typischerweise von Bordellen ausgehen. Bordellbetreiber ThomasA. wartet gespannt auf das Urteil des Verwaltungsgerichts am Dienstag. Er und der Hauseigentümer haben Widerspruch gegen die Untersagung eingelegt. Auf den „sofortigen Vollzug“, das Bordell zu schließen, hat die Behörde verzichtet – wie in Halensee.