Nikolassee

Deutsche Bahn baut in Berlin die Mauer auf

Die Deutsche Bahn saniert im Berliner Ortsteil Nikolassee Gleise und Brücken. Nach Abschluss der Arbeiten würde die Lärmbelästigung für die Anwohner zunehmen, deshalb soll eine Schutzwand errichtet werden. Doch die Situation ist ausgesprochen vertrackt. Denn viele Betroffene wollen gar nicht geschützt werden.

Foto: artprojekts / Fotomontage: Artprojekts

Das Bild zeigt ein Monstrum: grau, abweisend, sechs Meter hoch; eine Mauer, die Gebäude, Straßen und Plätze in den Schatten stellt. Das Foto bildet jedoch nicht die aktuelle Wirklichkeit ab. Es ist eine Montage. Sie zeigt ein geplantes Bauprojekt in Nikolassee: eine knapp 500 Meter lange Lärmschutzwand.

Die Deutsche Bahn (DB) plant in dem Zehlendorfer Ortsteil umfangreiche Sanierungsarbeiten an Gleisen und Brücken. Dabei sollen das marode Kreuzungsbauwerk der S-Bahn-Linien S1 und S7 erneuert und Kurven begradigt werden. Weil Bahnanlagen heute anders gebaut werden als vor 100 Jahren, würden die Gleise künftig 60 Zentimeter höher liegen als jetzt. Der Lärm der Züge wird im Viertel um die Alemannenstraße zunehmen, das haben Gutachten ergeben.

Weil die Brücken nicht saniert, sondern neu gebaut werden, gelten die Bestimmungen des Bundesimmissionsschutzgesetzes. Die Bahn will – und muss nach der Rechtslage wohl auch – die Anwohner vor dem Lärm schützen.

Viele Anwohner wollen aber gar nicht geschützt werden, zumindest nicht durch diese Mauer. Eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. Sie wird vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf unterstützt und in vielen Detailfragen auch von den Senatsverwaltungen für Umwelt und Stadtentwicklung. In Nikolassee ist man aber skeptisch, ob sich der Bau der Lärmschutzwand auf üblichen Behördenwegen verhindern lässt. Derzeit ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als zuständige Anhörungsbehörde mit dem Genehmigungsverfahren befasst. Ob der Bau letztlich genehmigt wird, entscheidet dann das Eisenbahn-Bundesamt.

Deshalb haben sich die Anwohner nun direkt an Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gewandt. In einem Brief, der Morgenpost Online vorliegt, fordern sie „alternative, in städtebaulicher, landschafts- und denkmalpflegerischer Hinsicht weniger destruktive Maßnahmen als die von der DB geplanten“. Ihr Urteil zu dem geplanten Bauwerk fällt deutlich aus. Die „unverträgliche Monstrosität verheert die Lebensqualität und mindert den Wert des Wohneigentums in ganz Nikolassee“, heißt es in dem Schreiben an Ramsauer. Sichtachsen im historisch gewachsenen Ortskern würden gekappt, der Lichteinfall insgesamt gemindert. Zudem, so fürchtet Henning Schröder, der im Namen der Bürgerinitiative unterzeichnet hat, könnte die Wand an der Bahntrasse den Verkehrslärm der Autobahn 115 (Avus) reflektieren und deren Anwohner damit zusätzlich belasten.

Zwei Bürgerinitiativen

Die Situation in Nikolassee ist ausgesprochen vertrackt. Während die eine Bürgerinitiative gegen die Lärmschutzwand an der Bahnstrecke kämpft, verlangt eine andere seit Jahren mehr Lärmschutz an der Avus.

Vor allem die „Bahn-Fraktion“ der Anwohner will mit ungewöhnlichen Vorschlägen punkten. Fortschrittliche, umweltschonende Lärmschutzmethoden, die sich noch in der Erforschung befinden, bedürften einer Versuchsstrecke, stellen sie in dem Brief an den Verkehrsminister fest. Unter Federführung des Ministeriums könne diese in Nikolassee entstehen.

Einen der führenden Forscher auf dem Gebiet alternativer Lärmminderung im Schienenverkehr haben die Nikolasseer für ihr Anliegen gewinnen können. Eberhard Hohnecker, Chef der Abteilung Eisenbahnwesen am Karlsruher Institut für Technologie, leitet ein Forschungsprojekt zur „funktionsintegrierten Lärmreduktion“. Erprobt wird dabei ein Bündel von Maßnahmen, die im Zusammenspiel zu einer deutlichen Schallreduzierung führen sollen. „Mini-Lärmschutzwände“ zählen ebenso dazu wie eine elastische Schieneneinbettung oder eine spezielle Begrünung.

Am 22. April wird Hohnecker seine Forschungsergebnisse in Nikolassee vorstellen. Der Experte ist um 19.15 Uhr zu Gast bei einer Diskussionsveranstaltung in der Dreilinden-Grundschule (Dreilindenstraße 65), die von den beiden lokalen Bürgerinitiativen gemeinsam mit der CDU Steglitz-Zehlendorf organisiert wird. Titel: „Keine Mauer in Nikolassee! Avus-Lärm mindern!“ Und auch das Bundesverkehrsministerium, das am Freitag noch verlauten ließ, man werde sich zu dem Vorgang derzeit nicht äußern, wird prominent vertreten sein. Staatssekretär Enak Ferlemann hat bereits zugesagt.