Prostitution

Berliner Flughafenkiez in der Hand des Rotlichtmilieus

In den Gaststätten werden zum Bier diskret junge Frauen vermittelt, in Privatwohnungen Bordelle geführt, auf der Straße Drogen gehandelt: Der Flughafenkiez in Berlin-Neukölln hat ein Problem. Finden die Anwohner - und nicht nur sie. Die CDU fordert nun, Wohnungsbordelle aufzuspüren und zu verbieten.

Foto: Sven Lambert

Sechs Mal hat er es versucht, sechs Mal hat es geklappt. Immer auf dieselbe Tour, die etwa so abgelaufen ist: Manfred Meyer betritt ein Lokal im Neuköllner Flughafenkiez und bestellt ein Bier.

"Sonst noch was?" will der Wirt wissen, und der Kunde fragt, was an Frauen zu haben sei. Es folgen Angebote, Preisverhandlungen. Doch ein Geschäft kommt nicht zustande. Entweder klingelt auf einmal Meyers Handy und er muss leider unverrichteter Dinge aufbrechen. Oder er hat sein Geld vergessen.

Manfred Meyer heißt in Wahrheit anders, denn er war als Lockvogel unterwegs - er sollte den Beweis liefern: Hinter den halb heruntergelassenen Jalousien der Kneipen und Bars rund um Mainzer und Biebricher Straße verbergen sich Anbahnungslokale.

Der Flughafenkiez, kritisieren die Anwohner, sei längst in der Hand von Zuhältern, Prostituierten, Dealern und Schutzgelderpressern. Ihnen reicht es. Aus der Anwohnerinitiative ist der Verein "Zukunft Neukölln" hervorgegangen. Bereits vor anderthalb Jahren hatten sie in einem Brandbrief an Senat und Bezirk auf die Situation vor Ort aufmerksam machen wollen: Der Flughafenkiez sei auf dem Weg, ein Rotlichtbezirk zu werden, das Viertel fest im Würgegriff polnischer, türkischer, deutscher, albanischer und arabischer Zuhälter, die äußerst brutal agieren. Von "brüllenden Kerlen, schreienden Frauen, überlauter Musik, zerschellenden Flaschen und Gläsern, knallenden Autotüren, quietschenden Reifen, Hupkonzerten" ist die Rede sowie von einem Dutzend bordellartigen Etablissements neben 20 legalen Bordellen in der Gegend.

"Es folgten ein paar Razzien", sagt der Vereinsvorsitzende Norbert Kröcher. Vier Etablissements hätten schließen müssen. Doch kaum ist eins geschlossen, werde es unter anderem Namen neu eröffnet. Das Problem sei nicht gelöst.

Polizei führt Razzien durch

Der Polizei ist bekannt, dass es sich bei einigen Gaststätten im Flughafenkiez um Kontaktzentralen handelt, in denen Freier Prostituierte "bestellen" können. Die Tipps dazu erhielten sie aus der Nachbarschaft. Seit geraumer Zeit ist die Polizei daher in der Gegend verstärkt im Einsatz ist, in Zivil und Uniform. Es werden Personalien von Verdächtigen überprüft, ab und an gibt es eine Razzia. Mehrere Straftaten konnten bislang nachgewiesen werden, sagt Thomas Goldack, Leiter der Polizei-Pressestelle. Es wurden drei minderjährige Prostituierte aufgegriffen, eine Bulgarin und zwei Estinnen. 2008 wurde ein Anbahnungslokal dauerhaft geschlossen, ein weiteres 2009 zeitweilig. Trotz einiger Wohnungsbordelle, so die Polizei, zähle der Bereich Flughafenstraße, Biebricher Straße und Hermannstraße nicht zu einem Schwerpunkt der Wohnungsprostitution. Der permanente Druck auf die Szene mache sich bezahlt: Einzelne Inhaber der Anbahnungslokale ließen mittlerweile eine "zunehmende Kooperationsbereitschaft" erkennen, so Polizeisprecher Goldack.

Auf den ersten Blick ist der Kiez ein Schwerpunkt der Trödelläden. Entlang der Flughafenstraße haben die Händler am Vormittag gebrauchten Hausrat, Möbel, Bücher vor ihren Geschäften aufgebaut. Sie sitzen daneben, lassen sich von der Sonne bescheinen, plaudern quer über die Straße.

Norbert Kröcher versucht bei einem Rundgang durch den Kiez, unauffällig zu bleiben. Er deutet auf die Lokale, ohne mit dem Finger auf sie zu zeigen oder in die Richtung zu gucken. Er weiß: Sie haben bereits geöffnet, die Damen sind in Bereitschaft. Es ist 13 Uhr. Die ersten Kinder kommen aus der Schule.

"Kein Wunder, dass die Kinder auf die schiefe Bahn geraten, bei diesen negativen Vorbildern auf der Straße", schimpft Nader Khalil, Nord-Neuköllner und Bezirksverordneter der CDU. Die Kinder würden hautnah mitbekommen, wie Bündel von Geldscheinen in Sekundenschnelle auf der Straße den Besitzer wechselten. Kein Milieu, um gut aufzuwachsen.

Die Bezirksverordneten der CDU-Fraktion in Neukölln wollen den Zustand nicht länger dulden. Man habe nichts gegen Bordelle in Gewerbegebieten, sagt Fraktionschef Falko Liecke. Aber in Wohngebieten mit Familien und Kindern hätten sie nichts zu suchen. "Die Wohnungsbordelle müssen aufgespürt und verboten werden", fordert er. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, hat die Fraktion einen Antrag eingebracht, in dem sie das Bezirksamt auffordert, restriktiv zu handeln.

Charlottenburg-Wilmersdorf gibt sich kompromisslos

Ihr Vorbild im Kampf gegen das Rotlichtmilieu ist der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Dessen Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) nennt sich selbst "kompromisslos", wenn es um Wohnungsbordelle geht. "Ein Bordell hat in einem Wohnhaus nichts zu suchen", sagt Gröhler. Sobald sich Anwohner beschwerten, gehe sein Amt diesen Beschwerden nach. Kann er den Beweis erbringen - zur Not auch mithilfe der Polizei -, dass es sich wirklich um ein Wohnungsbordell handelt, geht eine Nutzungsuntersagung an den Betreiber heraus. Mehr als eine Handvoll dieser Etablissements hat Gröhler in jüngster Vergangenheit auf diese Art und Weise schließen lassen. Er hat die Bauordnung hinter sich. Diese besagt, dass bordellartige Betriebe in Wohngebieten bei begründeten Hinweisen auf Störung der Nachbarschaft verboten werden müssen.

Davon lässt sich Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) nicht beeindrucken. "Die Prostitution ist auf dem Wege der Legalität", sagt Blesing. Und er werde das Gewerbe nicht wieder in die Schmuddelecke zurückdrängen. Der Baustadtrat beruft sich auf das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten - kurz auch Prostitutionsgesetz genannt - vom Dezember 2001. Mit dem Gesetz wurde die Prostitution aus der Grauzone herausgelöst und legalisiert. Blesing bezeichnet das Gewerbe daher auch als ganz normalen Wirtschaftszweig: "Frauen verdienen damit ihr Geld und ernähren davon die Familie."

Natürlich ist Blesing auch die Bauordnung bekannt. Sollte jemand die Unverträglichkeit des Gewerbes in einem Wohnhaus anzeigen, werde er der Beschwerde nachgehen, sagt er. "Doch im vergangenem halben Jahr hat es keine Beschwerde zum Thema Bordellbetrieb Flughafenstraße gegeben", versicherte der Baustadtrat jüngst im Wirtschaftsausschuss des Bezirks. Keine Beschwerden, kein Handlungszwang.

Andreas Marquardt kennt die Szene. Der Betreiber des Sportstudios Gym 80 an der Karl-Marx-Straße galt einst als der brutalste und gefährlichste Zuhälter der Stadt. Über seinen Ausstieg hat er ein Buch geschrieben ("Härte - Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt", Ullstein Taschenbuch), heute engagiert er sich in mehreren Charity-Projekten. Marquardt versteht die Aufregung im Flughafenkiez nicht. Klar weiß er, wie es in den Hinterzimmern von Lokalen und umfunktionierten privaten Wohnungen zugeht. Wie dem Gast die Damen einzeln vorgestellt werden und er dann seine Wahl treffen kann. Wie Preise und alles andere verhandelt werden. "Es ist ein ganz normales Geschäft", sagt Marquardt. Seiner Ansicht nach gibt es andere Bezirke, wo es mehr Wohnungsbordelle gebe. "Gehen Sie doch mal nach Steglitz in die Albrechtstraße oder zum Savignyplatz in Charlottenburg", sagt er und fügt noch einmal hinzu: "So schlimm ist es hier im Flughafenkiez nicht."

Auch Drogen und Jugendgewalt breiten sich aus

Ganz so einfach ist die Sache nicht. Nicht umsonst gibt es seit Oktober 2005 ein Quartiermanagement im Kiez. Büroleiter Thomas Helfen weiß von dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bar-Betreibern und der Polizei. Die Situation habe sich nicht entschärft, sagt Helfen. Er habe eher das Gefühl, dass sich die Prostitution immer mehr ausbreite und auf die anliegenden Straßen übergreife.

Und nicht nur die. Auch die Drogenszene und die Jugendgewalt. Daher nütze es auch nichts, die Probleme totzuschweigen. "Eine Lösung ist aber noch nicht in Sicht", sagt der Kiez-Experte. Immerhin sollen die Eigentümer der Häuser verstärkt angeschrieben werden, "um sie in die Pflicht für ihren Stadtteil zu nehmen." Für Norbert Kröcher ist der Flughafenkiez längst nicht mehr mit Gesetzen und Paragrafen zu retten. Für ihn gibt es für das Problem nur noch eine politische Lösung. Daher ist jetzt eine Einwohnerversammlung mit Unterstützung der Bezirksverordneten-Versammlung in Planung. "Es ist blauäugig, sich den Fakten zu verschließen", sagt Kröcher.

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