Atomkraft

Polen prüft AKW-Bau in der Nähe Berlins

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Jens Anker

Foto: dpa

85 Kilometer östlich von Berlin könnte bald ein neues Atomkraftwerk stehen. Polen prüft zurzeit zehn Standorte für den Bau des zweiten AKW des Landes. Einer der Kandidaten liegt nur sieben Kilometer von Grenze entfernt. Berliner Politiker sind beuruhigt. SPD-Landeschef Müller fordert nun ein Eingreifen der Bundesregierung.

Berliner Politiker sind über Pläne Polens beunruhigt, ein Atomkraftwerk unweit von Berlin zu bauen. Das Wirtschaftsministerium des Lands hat zehn Standorte geprüft, die zum Teil nur 85 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt liegen. Alle Standorte wären für den Bau eines Atomkraftwerkes geeignet, heißt es in einer Untersuchung der polnischen Regierung.

„Die Planungen beunruhigen uns“, sagte Berlins SPD-Chef Michael Müller Morgenpost Online. „Atomkraftwerke sind gefährlich, die Frage der Entsorgung des Mülls ist weiter ungelöst, der Eingriff in die Natur ist groß.“ Deshalb sei der geplante Neubau ein fataler Irrweg.

Polen verfügt bislang über kein eigenes Atomkraftwerk. Geplant ist der Bau von insgesamt vier Reaktorblöcken in zwei Anlagen. Den Bau des ersten AKW plant die polnische Regierung in der Nähe von Danzig. Favorit für das zweite ist der Ort Warta-Klempicz zwischen Landsberg an der Warthe und Posen, nur etwa 200 Kilometer von Berlin entfernt. In Frage kommen aber auch neun andere Standorte direkt an der Oder und damit in unmittelbarer Nähe zu Berlin. Einer der Kandidaten, Krzymów, liegt nur sieben Kilometer von der Grenzstadt Schwedt entfernt.

SPD wirbt für alternative Energien

Müller appellierte an die polnische Regierung, sich statt auf Atomkraft mehr auf den Ausbau alternativer Energien zu konzentrieren. „Gerade unsere gesamte Region hat in dem Bereich erneuerbare Energien auch eine Menge vorzuweisen. Wir haben die Firmen, wir haben das Know-how, das ist die Zukunft“, sagte Müller. Müller forderte zugleich die Bundesregierung auf, tätig zu werden. „Da die Pläne jetzt offenbar immer konkreter werden, muss auch Bundeskanzlerin Merkel schnell das Gespräch mit unseren polnischen Nachbarn suchen.“

Der Umwelt-Experte der SPD, Daniel Buchholz, lehnt das Vorhaben strikt ab und bietet den Nachbarn Hilfe an. „Wir bieten als freundschaftlichen Rat jede Unterstützung an, die Energieversorgung nachhaltig aufzustellen.“ Im blick habe er dabei vor allem die Zusammenarbeit bei Solar- und Windtechnologien. Die Zeit der Atomkraftwerke sei endgültig vorbei. Zumal die Folgen für das Ökosystem an der Oder unvorhersehbar seien, sollte das Atomkraftwerk wie von vielen Umwelt-Experten befürchtet dort entstehen.

Die polnische Vize-Wirtschaftsministerin, Ewa Kossak, verteidigt die Atompläne des Landes. Die Planungen erfolgten unter Berücksichtigung aller Umweltschutz- und Energiebestimmungen. Die Bevölkerung vieler möglicher Standorte stehe hinter den Plänen der Regierung. Auch die Berliner FDP sieht keine Schwierigkeiten. „Ich gehe davon aus, dass die Polen ein Atomkraftwerk nach europäischen Standards bauen, deswegen haben wir damit kein Problem“, sagte der umweltpolitische Sprecher der Partei, Henner Schmidt.

Nächstes AKW bisher 300 Kilometer entfernt

Insgesamt prüfte die polnische Regierung in den vergangenen Monaten 27 Standorte, zehn davon befanden sich in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze. Die polnische Regierung hatte bereits in den 80er-Jahren den Bau eines Atomreaktors geplant. Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und starkem Widerstand in der Bevölkerung gab die damalige Regierung 1989 die umstrittenen Pläne auf.

Die beiden jetzt geplanten Atomreaktoren sollen eine Leistung von jeweils 3000 Megawatt haben und umgerechnet jeweils neun Milliarden Euro kosten. Die Inbetriebnahme ist für 2020 vorgesehen. Mittelfristig sollen 15 Prozent der polnischen Stromproduktion aus der Kernkraft kommen. Bislang befindet sich das nächste Atomkraftwerk von Berlin aus in rund 300 Kilometer Entfernung. Es handelt sich um das AKW Krümmel bei Hamburg. Dort kam es zuletzt vor zweieinhalb Jahren zu einem Zwischenfall, als auf dem Gelände ein Brand ausbrach.