Krankenstand

Immer mehr Berliner dopen sich für den Beruf

Bis zu 33.000 Berliner nehmen wegen des Leistungsdrucks am Arbeitsplatz Tabletten. Dabei verursachen die Mittel häufig genau die Symptome, die sie eigentlich ausschließen sollten. Auch der Krankenstand liegt in Berlin über dem Bundesschnitt.

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Diese Tabletten sollten eigentlich Patienten einnehmen, die vergesslich sind, unter Schlafstörungen leiden oder Depressionen haben. Solche starken, rezeptpflichtigen Psycho- und Neuropharmaka wie Methylphenidat oder Fluoxetin nehmen aber nach Einschätzung der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) auch gesunde berufstätige Berliner aus einem ganz anderen Grund ein: nämlich um besser mit dem Stress im Beruf klarzukommen.

Ihre Zahl schwankt stark. „Doping am Arbeitsplatz“ praktizieren nach Berechnung der DAK etwa 16.500 bis 33.000 Berliner. Dies seien ein bis zwei Prozent der Erwerbstätigen. Die Gruppe der Job-Doper sei zwar klein, aber der Trend sei alarmierend, so die DAK. Männer griffen zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, während Frauen eher beruhigende Mittel gegen Depressionen oder Ängste nähmen.

Erschreckend sei, dass für die Arbeitswelt typische Faktoren wie Leistungsdruck und Konkurrenz die Akzeptanz von Doping erhöhten. Kein Medikament ist ohne Nebenwirkungen, erinnert Katrin Krämer vom Iges-Institut Berlin, das im Auftrag der DAK bundesweit 3017 Beschäftigte im Alter zwischen 20 und 50 Jahren für die Untersuchung befragte.

Diese starken Arzneien bewirkten zum Teil genau die Symptome, die der gestresste Berufstätige eigentlich mit den Medikamenten ausschalten will: Die Pillen könnten Kopfschmerzen, Übelkeit, Konzentrationsstörungen, Depressionen und Schlafstörungen verursachen. Zudem machten sie bei Dauergebrauch süchtig. DAK-Chef Herbert Mrotzeck folgert: „Ein wirkungsloses ‚Doping am Arbeitsplatz’ ohne Risiken und Nebenwirkungen ist eine Utopie.“ Er rät zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit solchen Arzneimitteln.

Mehr Aufklärung und Information täte wohl auch den verschreibenden Ärzten gut. Denn Mediziner und Apotheker sind an dem Medikamentenmissbrauch nicht ganz unschuldig. Die Empfehlung zur Einnahme der Pillen kam zu 40 Prozent von Ärzten und Apothekern. Zum Teil gäben die Ärzte ihren Patienten auch kostenlose Tablettenmuster mit. Kassen-Manager Herbert Mrotzeck prophezeit, dass mit zunehmendem Wettbewerb am Arbeitsplatz die Gefahr des Missbrauchs von Aufputschmitteln steige. Somit wirkten sich gesellschaftliche Probleme auch auf die Krankenstatistik aus.

Der Berliner DAK-Chef hat jetzt bei der Vorstellung des jährlichen DAK-Gesundheitsreports auch eine gute Nachricht verkündet: „Der Krankenstand der Berliner stagniert.“ Erstmals lägen die Berliner nicht mehr im Spitzenfeld der meisten Krankmeldungen. Diese Position nähmen jetzt die Thüringer, Brandenburger und Sachsen-Anhaltiner (je 4 Prozent) ein.

Berliner sind länger krank

Der Krankenstand der Berliner DAK-Versicherten betrug im vergangenen Jahr ebenso wie im Jahr zuvor 3,8 Prozent und übertraf damit immer noch den Bundesdurchschnitt, der bei 3,3 Prozent lag.

Die Betroffenenquote lag 2008 bei 44 Prozent. Das bedeutet, dass für 44 Prozent der DAK-Mitglieder in Berlin mindestens eine Arbeitsunfähigkeitsmeldung vorgelegen hat. Der DAK-Bundesdurchschnitt liege bei 48 Prozent.

Der einzelne Krankheitsfall dauerte in Berlin im Durchschnitt 12,1 Tage, im Bund waren es 10,9 Tage. Mit 113,7 Arbeitsunfähigkeitsfällen je 100 Versicherte seien die DAK-Mitglieder in Berlin im Jahr 2008 häufiger krank als im Bundesdurchschnitt (109,6 Fälle). Den höchsten Krankenstand habe nach wie vor der öffentliche Dienst (4,8 Prozent), den niedrigsten der Bereich Bildung, Kultur, Medien (2,7 Prozent). Krankheitsgründe seien häufig Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (vor allem Rückenschmerzen), Erkrankungen der Atemwege und Verletzungen sowie Vergiftungen.

Die Barmer Ersatzkasse, die ebenfalls ihren Gesundheitsreport veröffentlichte, kommt zu dem Ergebnis, dass psychische Erkrankungen zunehmend arbeitsbedingte Ursachen haben. „Psychische Leiden sind auf dem Vormarsch, weil sich immer mehr Menschen Sorgen um ihre Zukunft machen“, kommentiert der Berliner Barmer-Chef Hermann Schmitt. In der Hauptstadt betrage der Anteil der Krankheitstage wegen psychischer und verhaltensbedingter Störungen mehr als 19 Prozent. Das betriebliche Gesundheitsmanagement könne für bessere Verhältnisse am Arbeitsplatz sorgen.