Ausstellung

Ein Fotoalbum des 20. Jahrhunderts

Geschichte - das ist auch eine Ansammlung von Bildern in den Köpfen der Zeitgenossen. Das Deutsche Historische Museum zeigt hat die prominentesten Bilder der jüngeren Geschichte gesammelt und 350 von ihnen ausgestellt.

Wer sich erinnert, hat Bilder vor Augen – Gemälde, Fotografien oder Filmsequenzen zum Beispiel. Wer an Berlin im 20. Jahrhundert denkt, dem gehen Ikonen der Pressefotografie im Kopf herum: der brennende Reichstag 1933, die Rosinenbomber über hungrigen Kinderaugen während der Luftbrücke, Conrad Schumanns Sprung über den Stacheldraht im August 1961 oder die Menschen, die am Brandenburger Tor 1989 den Fall der Mauern feiern.

Doch das sind nur die bekanntesten Motive von zahllosen Aufnahmen, die für deutsche Geschichte im vergangenen Jahrhundert stehen. Etwa 350 solche Bilder zeigt ab heute das Deutsche Historische Museum (DHM) im Ausstellungshaus von I.M. Pei hinter dem Zeughaus. Anlass für die Ausstellung ist, dass vor genau 20 Jahren der Aufbau eines eigenen Bildarchivs des DHM begann, erklärt der stellvertretende Museums-Chef und Sammlungsleiter Dieter Vorsteher: „Bis dahin hatten wir für unsere ersten Ausstellungen Fotos bei kommerziellen Bilderdiensten besorgt. Als uns erste Nachlässe von Fotografen und Pressebildagenturen angeboten wurden, haben wir uns überlegt, dass wir auch selbst eine Sammlung aufbauen könnten.“

Eine gewaltige Kollektion

Nach zwei Jahrzehnten ist daraus eine gewaltige Kollektion geworden: Rund 1,7 Millionen Bilder, vor allem Negative und Glasplatten aus der insgesamt gut 160 Jahre langen Geschichte der Fotografie. Vergessene Schätze sind darunter, etwa die farbigen, mit Spezialkameras aufgenommenen Doppelbilder für dreidimensionale „Panoramen“. Oder das Archiv des Berufsfotografen Gerhard Gronfeld, der zwischen 1930 und 1965 rund 50.000 Aufnahmen machte, die er Anfang der 90er-Jahre für einen unteren sechsstelligen Preis dem DHM verkaufte.

Einige der eindruckvollsten Fotografien von inszenierten Hitler-Kundgebungen stammen von ihm, aber ebenso eine Serie über die Erschießung von jugoslawischen Geiseln im besetzten Serbien 1941. Durch die heftig umstrittene Wehrmachtsausstellung wurden mehrere Motive aus dieser Serie weltbekannt.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das DHM immer wieder herausragende Fotografien einzeln oder in kleinen Serien für seine Sammlungen angekauft – in der Regel, aber nicht immer nach Sonderausstellungen mit Werken einzelner Fotografen.

Deshalb zeigt die Ausstellung auch die Kanzlerbilder von Konrad R. Müller, darunter das sensationelle Bild des Gründungskanzlers Adenauer, Aufnahmen der langjährigen Redaktionsfotografin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Barbara Klemm. Gleich an der ersten Wand der Ausstellung sind zwei Bilder des armenisch-kanadischen Porträtkünstlers Yousuf Karsh, von ?Albert Einstein und von Albert Schweitzer. Eindrucksvollere Aufnahmen hat die Fotografie wohl nie hervorgebracht.

Zu den im DHM verwalteten Beständen gehört auch der Großteil der Bilder von Henry Ries. Der 1917 noch unter seinem eigentlichen Namen Heinz Ries in Wilmersdorf geborene Fotograf war vor den Nazis in die USA geflohen, kehrte 1945 als US-Soldat zurück und arbeitete bis 1952 für die „New York Times“ in Europa. Zu seinen liebsten Motiven zählte Berlin, die schon damals geteilte Stadt.

Filmstar vor dem Brandenburger Tor

Zu den Schätzen gehört eine Serie des „Hoffotografen“ der Hohenzollern, Fritz Jamrath. Um 1870 nahm er rund 70 großformatige Bilder vom Inneren des Stadtschlosses auf, die für die Phase vor den Umbauten durch Wilhelm II. eine ?bedeutende Quelle darstellen. Zu sehen ist in der neuen DHM-Sonderausstellung unter anderem eine Aufnahme vom Prunktreppenhaus zum Weißen Saal, dem größten Raum des Schlosses. Die meisten sonstigen Bilder und Fotos dieses prächtigen Aufstieges zeigen die neobarocke Neufassung aus den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts.

Zu den eher kleinformatigen Höhepunkten der Ausstellung zählt das perfekt ausgeleuchtete, trotzdem wie ein Schnappschuss wirkende Porträt von Gregory Peck vor dem Brandenburger Tor im August 1953. Über dem Tor, damals ohne Quadriga, weht wieder die rote Sowjetfahne; demonstrierende Arbeiter hatten sie gut zwei Monate zuvor, am 17. Juni, heruntergeholt und symbolisch verbrannt. Wie ein Tourist hantiert der schon damals weltbekannte, bereits viermal für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominierte Schauspieler mit seiner Kamera.

Die Ausstellung, die entsprechend der DHM-Sammlungsbestände das 20. Jahrhundert weit fasst und mit dem Schwerpunkt auf Deutschland von 1870 bis 1990 spannt, illustriert die Richtigkeit der 1990 getroffenen Entscheidung.

Heute verdient das DHM mit den aus konservatorischen Gründen erworbenen Fotobeständen rund 130?000 Euro im Jahr, rechnet Dieter Vorsteher nach. Weitere 20?000 Euro sparen die Kuratoren, weil sie bei ihren Ausstellungen auf eigene Bilder zurückgreifen können. Dass nebenbei einer der größten Schätze eines historischen Museums überhaupt entstand, ist ohnehin unbezahlbar.

Das XX. Jahrhundert – Menschen, Orte, Zeiten.

Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau, Mitte. 20 30 40

Bis 20. Juni. Täglich 10-18 Uhr.