Stadtplanung

Mitte schränkt die Freiheit der Architekten ein

Mit einer Gestaltungssatzung will der Senat Einfluss auf die Bauvorhaben in der City Ost nehmen. Nach dem Entwurf aus dem Hause von Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sollen Bauherren vom Sommer an nur noch dann Genehmigungen für Bauten rund um den Gendarmenmarkt bekommen, wenn sie bestimmte gestalterische Kriterien erfüllen.

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Es ist ein kleines, feines Gebäude, in dem die Ungarn ihr Kulturinstitut in Berlin untergebracht haben. Das dritte und vierte Geschoss ziert ein riesiges Fenster. Aus den Räumen dahinter blickt man auf das Maxim-Gorki-Theater, Schinkels Neue Wache und den Boulevard Unter den Linden. Es sind Bilder aus Berlins Mitte, mit Hastenden und Innehaltenden, die man vom Centrum Hungaricum aus wunderbar in den Blick bekommt.

Das 2007 fertiggestellte Gebäude aus der Feder des Büros Schweger Accociated Architects zeigt, dass moderne Architektur im historischen Zentrum möglich ist. Ob die Moderne auch künftig in Berlins City einen Platz hat, bleibt abzuwarten. Im Mai wird über die neue Gestaltungssatzung, die Vorschriften für Neubauten im Zentrum macht, beraten. Im Juni soll die Satzung beschlossen werden.

Die neuen Bauvorschriften gelten für die Gegend rund um den Gendarmenmarkt, den Prachtboulevard Unter den Linden und die Museumsinsel. Nach dem Entwurf aus dem Hause von Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sollen Bauherren vom Sommer an nur noch dann Genehmigungen für Bauten in dem genannten Gebiet bekommen, wenn sie bestimmte gestalterische Kriterien erfüllen. Die Satzung regelt die Gebäudehöhe, schreibt vor, welche Fassadenmaterialien und -farben zu verwenden sind, wie das Dach auszusehen hat, und definiert Art und Umfang der Werbung an Gebäuden. Derzeit sei es "schwer, Einfluss auf Werbung, Dachgestaltung oder Farbigkeit eines Gebäudes zu nehmen", heißt es zu der Satzung aus dem Haus der Senatorin.

Ziel sei ein möglichst einheitliches Stadtbild mit Fassaden in "gedeckten, ortstypischen Farbtönen". Eine "bunte, gelbe, orange, grüne Stadt" müsse verhindert werden. Innovative Architektur soll im Zentrum Berlins aber dennoch weiterhin möglich sein: "Ein Gebäude wie das des Architekten David Chipperfield für den Kunstsammler Heiner Bastian erfüllt alle diese Kriterien - und ist unbestreitbar zeitgenössisch", lässt die Bauverwaltung verlauten. Bastian hatte gegenüber der Museumsinsel für die Galerie Contemporary Fine Arts und sich ein Gebäude errichten lassen. Für den Bau gab es einen eher konservativen Entwurf von Jürgen Kollhoff und einen klassisch modernen von David Chipperfield, der auch das Neue Museum sanierte und von Bastian den Zuschlag erhielt. Ähnlich wie bei dem Museum verwendete Chipperfield Klinker, den er mit einer hellen Schlemmkreide überzog. Ergebnis ist ein Gebäude, das mit seiner Klinkerfassade auf den aufgemauerten Nordflügel des Stüler-Baus auf der Museumsinsel Bezug nimmt und wie dessen kleiner Abkömmling aussieht, wenn auch wie einer aus der heutigen Epoche.

Mehr Respekt vor der Geschichte

Auslöser für die Gestaltungssatzung war der Wunsch des Senats, mehr Einfluss auf neue Bauprojekte zu nehmen. So sei es bislang ein Problem gewesen, ohne Vorschriften etwa bei Bauvorhaben gegenüber der Museumsinsel "mehr Respekt vor dem historischen Umfeld" einzufordern. Zuvor hatte es mehrfach kritische Bemerkungen des Regierenden Bürgermeisters zu neuen Häusern in der Ost-City gegeben. So bezeichnete Klaus Wowereit nicht nur die fensterlose Nordfassade des neuen Saturn-Verkaufshauses am Alexanderplatz als korrekturbedürftig, sondern auch die Fassade der Einkaufspassage Alexa als "unglücklich".

Das Gebäude, das der portugiesische Projektentwickler Sonae Sierra als "Bau im Stile des Art déco" anpreist, wurde auch von Architekten und Berlinern als uninspiriert kritisiert. Kann jedoch eine Satzung wie die nun diskutierte Bausünden wie die des Alexa verhindern? Architekt Roger Bundschuh, der an der Rosa-Luxemburg-Straße ein avantgardistisches Haus für Kunstsammler errichtet, hält den Satzungsentwurf für übertrieben. Wenn in Berlin als Ergebnis nur mittelmäßige Architektur entstehe, sagt er, sei dies "schlimm". Die City habe eine Schaufensterfunktion und brauche "mehr Experiment".

Auch unter Bauherren erzeugt der Satzungsentwurf wenig Freude. Der Unternehmer Heinz H. Meermann, der mehrere, gestalterisch nicht allzu ambitioniert aussehende Bauvorhaben in der Wilhelm- und Friedrichstadt realisiert hat und weitere plant, sagte jüngst, er habe grundsätzlich nichts gegen eine Satzung. "Aber ich habe Angst, wenn der Staat alles reglementieren will. Man sollte den Architekten doch Gestaltungsspielräume lassen."

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