80er-Jahre in Berlin

Was aus den Helden von Neukölln wurde

Hausmeister, Rinderrouladen und Landserhefte: Johannes Groschupf hat die 80er-Jahre zwischen Hermannplatz und Sonnenallee erlebt und einen Roman darüber geschrieben. Was ist von seiner alten Welt in Berlin-Neukölln übrig geblieben? Morgenpost Online spaziert mit dem Autor durch den Kiez.

Frau Pilarski hätte hier für Ordnung gesorgt. Eine Matratze, die zwischen den blattlosen Zweigen im Baum im Hinterhof hängt. Das geht doch nicht. Eine zerrissene weiße Plastiktüte ein paar Äste weiter. Und dann noch dieser merkwürdige Brautstrauß, der dort zwischen den Zweigen klebt. Frau Pilarski hätte ihn mit ihrem Besen runtergeholt.

Die dralle Hausmeisterin hätte nicht geduldet, dass ihr schöner Hinterhof so verschandelt wird. Aber Frau Pilarski lebt hier nicht mehr. Und irgendwie merkt man das dem Haus in der Fuldastraße 11 an.

Johannes Groschupf kannte Frau Pilarski gut. Manchmal hat er, der junge Student und Mieter aus dem Hinterhaus, die Haumeisterin im Vorderhaus besucht. In ihrer Wohnung mit Schrankanbauwand, Couch, Couchtisch. Der Fernseher lief dort den ganzen Tag, und Frau Pilarski saß davor und stopfte die Socken ihres Mannes, erinnert sich Groschupf. Er war einer der vielen Westdeutschen, die es Anfang der 80er-Jahre nach Berlin zog, wie die anderen war er jung und hungrig, auf Abenteuer in der verruchten Großstadt.

Und wie bei vielen anderen begann seine Berlin-Karriere in Neukölln. Dort gab es billige Wohnungen. Bei Groschupf waren es 22 Quadratmeter für 92 Mark in der Fuldastraße. Vierter Stock Hinterhaus mit Außenklo und Ofenheizung. Nur, Neukölln war anders. Keine Punks mit zerrissenen Hosen und wild geschminkten Gesichter, kaum Drogenjunkies, keine jungen Strichmädchen, keine Hausbesetzer - in Neukölln regierte der Berliner Kleinbürgerton. Disziplin, Ordnung, Sauberkeit. Man achtete auf gute Manieren. Nach außen. Denn auch dort gab es Abstürze.

Johannes Groschupf hat auch sie erlebt. Er ist über Blutlachen auf Bürgersteigen gestiegen, hat sturzbetrunkene Frauen nach Hause gebracht und ist in vermüllte Wohnungen gekommen. Er hat damals die Begegnung mit den Neuköllnern gesucht, er hat mit ihnen in ihren Lokalen getrunken und mit ihnen in ihren Wohnzimmern geraucht. "Ich habe mich wie ein Volkskundler gefühlt. Ich habe den Leuten zugeschaut und ihnen zugehört", sagt er. Und nun hat er einen wunderbaren nostalgischen Roman über diese Zeit geschrieben. In weiten Teilen beruht "Hinterhofhelden" (Eichborn, 19,95 Euro) auf eigenen Erlebnissen, manches hat Groschupf dazu gedichtet, er hatte damals, anders als im Buch, keinen Sex mit Frau Pilarski, seiner Hausmeisterin.

Doch was ist übrig geblieben von seinem Neukölln der Achtziger? Heute wo die Karl-Marx-Straße zwischen Fulda- und Weichselstraße mit Handyshops zugepflastert ist, wo türkische und arabische Lokale die Kindl-Kneipen ersetzt haben, wo in Bäckereien Fladenbrot statt Schrippen angeboten wird. "Die Berlinischen Neuköllner sind ein bisschen in den Hintergrund getreten", gesteht Groschupf, als er über die Sonnenallee schreitet. Doch es gibt sie noch, die alte Welt, und wenn man an der Sonnenallee Ecke Reuterstraße steht, sieht man den Kompromiss, den sie mit der neuen gemacht hat.

Ins "Ambrosius" ging man früher, weil es billig war und die Küche deutsch war. So wie bei Mutter zu Hause. Es gab Königsberger Klopse und Kasslernacken, die Einrichtung war rustikal, und wenn man als Student aus Westdeutschland dort reinging, verstummten die Gespräche am Tresen. "Ich habe mich möglichst unauffällig gemacht, irgendwann haben sie dann wieder ihre Gespräche aufgenommen und den jungen Herrn vergessen", erzählt Groschupf. Das "Ambrosius" ist auf dem Schild nur noch klein zu lesen, darunter prangt in großen Lettern der Schriftzug "Aquila". Ein Libanese hat den Laden übernommen. Doch so ganz vertraut er nicht dem alleinigen Verkauf von Lasagne, Makkaroni und Pizza - er bietet weiter Spanferkelhaxe, Rinderroulade und Schnitzel an.

In die Weserstraße 42 ist jetzt ein Inder eingezogen. Das Lokal mit der großen Glasfassade habe bestimmt 20 Mal den Besitzer gewechselt, erinnert sich Groschupf. Auch ein Italiener war mal drin. Im Nuffi hat man auch den Neuköllner Kompromiss gefunden, neben indischen Speisen gibt es Thüringer Rostbratwurst. Ein paar Häuser weiter war das "Jakob" mit einer Altbierbowle. Treffpunkt vieler junger Zugezogener im damaligen Neukölln. Heute ist es verrammelt, drinnen läuft, wie man durch die Scheiben erkennen kann, ein Fernseher.

Er habe sich damals nie vorstellen können wie man Parterre leben kann, meint Groschupf. "Was sind das für Menschen, die so nahe an der Straße wohnen?" Zumindest gestattete es einen Blick ins Neuköllner Privatleben. Manchmal waren aber die Fensterbretter von hohen Topfpflanzen zugestellt. Heute sind auch Bordelle in die Neuköllner Parterre eingezogen, die einzige Obszönität, die man sich den Achtzigern leistete, war ein erigierter Kaktuspenis, der aus einem Männchen auf der Fensterbank hinauswuchs.

Aber eigentlich nahm man es damals mit der sexuellen Moral doch sehr genau. Groschupf erinnert sich noch, wie Nachbarn in seinem Haus einmal eine Prostituierte kommen ließen. "Da kam sofort Hauswart Pilarski, klopfte und meckerte: ,Wat is'n dat für 'ne Wirtschaft hier?'" Allerdings hatte er nicht die Nachbarn im Verdacht, sondern Groschupf. "Ich fiel aus allen Wolken. Ich wusste gar nicht, was der meint."

Verdächtig war den Neuköllnern der Student Groschupf aus Lüneburg schon. Einer, der morgens lange schläft, nicht ordentlich frühstückt und abends um 10 Uhr anfängt sein Abendessen zu kochen. "Den Neuköllnern war klar: Das ist keiner von uns. Student war zwar nicht so schlimm wie Ausländer, aber die waren trotzdem ganz schön ruppig."

Die zupackende Art, gerade der Frauen, habe ihn beeindruckt, aber auch eingeschüchtert. Wir stehen vor der immer noch existierenden Fleischerei Kluge an der Fuldastraße 56. "Wenn man sich an der Wursttheke damals nicht gleich entscheiden konnte, hieß es: ,Wird dat noch was?'" Als 19-Jähriger hat er hier oft eingekauft, nicht nur um der Wurst willen, sondern auch wegen der jungen Verkäuferinnen. "Die haben mir sehr zu schaffen gemacht."

Wir schlendern am Blumenladen Weyer in der Sonnenallee vorbei, den es seit 1984 gibt. Einer der wenigen Läden, die die dreißig Jahre überdauert haben. Was immer noch läuft in den Seitenstraßen rund um die Sonnenallee, ist das Geschäft der Trödler. Unvermeidlich und gleichbleibend in ihrem Angebot. Schon damals dachte man, dass die Gesamtauflage des Schmachtfetzens "Angélique" in Neukölln verkauft wird, und noch heute liegen sie in den Auslagen, wie auch Landser-Hefte ("Torpedoboote im Mittelmeer"), Chris-Roberts-Platten und Werke von Konsalik und Simmel. "Das ist so typisch für Neukölln. Man fragt sich nur, wovon leben die Besitzer eigentlich. Da sitzen manchmal sogar zwei Leute drin. Mit was kommen die am Ende des Monats raus?" Groschupf erinnert sich noch an einen Trödler in der Flughafenstraße - "der hatte Elektrosachen. Man wusste nie, ob das was Reelles war oder aus krummen Geschäften kam."

An der der Weichselstraße 65 kündet heute noch das Schild über der Ladentür vom ehemaligen Friseursalon. In der Auslage stehen eine Holzlokomotive und Wichtelmänner, ein Spielzeugladen ist hier eingezogen. Zugemacht hat der Salon Renate und Johannes Groschupf weint ihm nicht nur in seinem Roman manche Träne nach. Für fünf Mark hat auch er sich hier die Haare schneiden lassen. Der Besitzer war ein kleiner, gedrungener Mann mit Schnauzbart. Dort wo die Herren bedient wurden, hing ein Pferdehalfter an der Wand. Groschupf erzählt in seinem Buch von einer Friseurin aus dem Laden, die in Liebe zu einem Nachbarn seines Hauses entbrannte, na vielleicht waren sie auch mehr eine Schicksalsgemeinschaft, denn beide hatten ihre jeweiligen Partner verloren.

"Ich mag das echte Leben hier. Das ist kein Gepose", sagt Groschupf. Er ist ein großer, hagerer Mann. Der 46-Jährige wirkt etwas gedankenverloren und linkisch. Der Neukölln-Roman ist sein zweites Buch. Auch in seinem Erstling hat er eigene Erlebnisse verarbeitet. 1994 war er als Journalist auf einer Dienstreise in Algerien und stürzte mit einem Hubschrauber ab. Er zog sich schwere Verbrennungen zu. In "Zu weit draußen" erzählt er von seinem Leben danach. Lakonisch, ironisch und ohne Selbstmitleid. Aber der Unfall, das merkt man ihm an, hat ihn geprägt. Seine Lippen werden schnell trocken.

Groschupf hat von 1982 bis 88 in Neukölln gelebt, dann zog er über den Landwehrkanal nach Kreuzberg. Wenn er vor seinem früheren Haus in der Fuldastraße steht und auf die Klingelschilder stiert, dann fehlt sie ihm, die Frau Pilarski. Im Hinterhof hat sie die Teppiche ausgeklopft und dann ihn, den jungen Herren gebeten, ob er sie ihr nicht hochtragen könnte. Er hat es gern gemacht.