Schinkel-Wettbewerb

Ab durch die neue alte Mitte

Die Jury des Schinkel-Wettbewerbs hat erneut Beiträge von Nachwuchsarchitekten prämiert - und damit für Streit gesorgt. Denn in die Endauswahl kamen nur Entwürfe, die eine kaum bebaute historische Mitte vorsahen. Wasserflächen, Hochhäuser oder auch ein Sumpf schwebten den Architekten vor.

Foto: AIV

Seit 1854 wird an dessen Geburtstag, dem 13. März, verliehen. Doch soviel Kontroversen wie beim diesjährigen Wettbewerb gab es noch nie. Der Grund: Die Nachwuchsarchitekten waren aufgefordert worden, Vorschläge für die künftige Gestaltung der historischen Mitte Berlins zwischen Schloss und Alexanderplatz einzureichen. Doch unter den 189 Beiträgen wurde kein einziger prämiert, der eine Rekonstruktion der durch Krieg und die DDR-Planung zerstörten historischen Mitte vorsieht. Einige Jury-Mitglieder, allen voran der frühere Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann, hatten daraufhin erbost die Jury verlassen.

„Uns wurde zur Begutachtung nur ein gutes Dutzend Entwürfe vorgelegt, die eine mehr oder weniger freigeräumte Mitte vorsahen“, begründet Stimmann seine Kritik. Dabei habe es unter den eingereichten Arbeiten durchaus einige gegeben, die „diskussionswürdige“ Vorschläge einer Bebauung gemacht hätten. Doch das sei offenbar nicht erwünscht gewesen. „Eine offene Auseinandersetzung, wie die Mitte Berlins künftig gestaltet werden kann, sieht anders aus“, resümiert Stimmann.

Wie berichtet, soll Berlins zentralste Lage auf dem 14 Hektar großen, bislang namenlosen Areal zwischen Fernsehturm und Schloßplatz nach dem Bau der U-Bahn ab 2017 neu gestaltet werden. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz hatten sich für eine städtebauliche „Rückgewinnung der Keimzelle der Stadt“ und damit für eine Bebauung ausgesprochen – und waren damit vor allem beim Koalitionspartner, der Linken, auf erbitterten Widerstand gestoßen. Auch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher setzt sich für einen weiterhin großen Freiraum in der historischen Mitte ein. Ende vergangenen Jahres beauftragte sie deshalb die Planerbüros Graft, Chipperfield und Kiefer, fünf unterschiedliche Freiraum-Visionen zu entwickeln. Heraus kamen Vorschläge wie ein riesiges Hafenbecken, ein Stadtwald oder ein gigantischer Festplatz. Entwürfe, die vor allem bei den vielen Bürgerinitiativen, die für eine weitgehend am historischen Vorbild orientierte Bebauung des Gebietes kämpfen, für Entsetzen sorgten.

Neue Wettbewerbsaufgabe steht fest

„Zu dieser Diskussion haben die jungen Wettbewerbsteilnehmer durchaus wertvolle Beiträge geleistet“, sagt Melanie Semmer, Vorsitzende des Schinkelausschusses. Dass es bei dem Thema zu „hitzigen Debatten“ käme, sei zu erwarten gewesen. „Die Jury hat letztendlich fachlich abgestimmt und die Entwürfe mit großer Mehrheit prämiert“, sagt sie.

Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft und wie Stimmann einer der zehn Gastpreisrichter im Wettbewerb, begründet, warum Rekonstruktionsvorschläge bei der überwiegenden Mehrheit der Juroren keine Chance im Wettbewerb hatten: „Wir erwarten von den Studenten einen Aha-Effekt und keine Wiedergabe einer politischen Haltung“, sagt er. Jedoch habe kaum eine der Arbeiten, die eine komplette Bebauung des Areals vorschlugen, diesem Anspruch genügt.

Das bedeute jedoch nicht, dass geschichtsvergessene Entwürfe belohnt worden wären, sagt Willemeit weiter. So biete der Siegerentwurf im Fachbereich Architektur eine spannende Auseinandersetzung mit dem Umfeld. Stefan Drese (26) aus Hamburg schlägt vor, direkt ans Spreeufer gegenüber dem Schlossneubau ein schiefwinkliges Kulturzentrum zu setzen und damit ein Gegengewicht zu den Monumentalbauten der Nachbarschaft zu bilden.

Unabhängig von der politisch beeinflussten Kontroverse um die neue alte Mitte will Hans-Joachim Pysall den teilnehmenden Studenten Gerechtigkeit widerfahren lassen. „Ich habe selten so viele Beiträge von so hoher Qualität gesehen“, lobt der Architekt, der das Reisestipendium für den Wettbewerbsgewinner in Höhe von 2500 Euro stiftet. „Ich lade die Senatsbaudirektorin ganz herzlich ein, sich hier inspirieren zu lassen“, sagt er. Viele Vorschläge seien zumindest qualitätsvoller als die „Senats-Visionen“. Das gelte auch für Beiträge, die im Wettbewerb keine Chance hatten, weil sie die Realitäten komplett ignorierten. Verworfen wurden aus diesem Grund etwa der Beitrag eines Studenten, der eine Landebahn für Außerirdische bauen wollte – und das Ufo schon mal über dem Berliner Rathaus schweben lässt. Auch ein offenbar von der drohenden Klimakatastrophe inspirierter Großstadtsumpf, der nur noch über Holzstege zu überqueren ist, fand keine Fürsprecher.

Die neue Wettbewerbsaufgabe für den Schinkel-Wettbewerb 2011 ist übrigens auch schon gefunden: Sie wird sich mit dem Areal zwischen der City West und dem Universitätsgelände an der Straße des 17. Juni befassen.